Interview zum Start des Projekts „Perspektive – Zeitung für Solidarität und Widerstand“. Ein Gespräch mit Tim Losowski aus der Perspektive-Redaktion.

Vor kurzem erschien die erste Druckausgabe der Zeitung „Perspektive – Zeitung für Solidarität und Widerstand“. Was verbirgt sich hinter diesem Namen? Um wessen Perspektive geht es?

Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach Antworten auf die Fragen unserer Zeit: Warum kommt es zu immer mehr Kriegen und Fluchtbewegungen? Was tun gegen den wachsenden faschistischen Terror? Wie kann eine gerechte Gesellschaft von heute aufgebaut werden?
Die großen deutschen Medien behandeln diese Fragen selten. Das ist auch kein Zufall, denn sie gehören riesigen Konzernen. Und diese wiederum gehören einer kleinen reichen Gruppe, die kein Interesse daran haben kann, dass kritisch und objektiv über das kapitalistische System berichtet wird. Denn sie profitieren davon.

In unserer Zeitung wollen wir aus der Sicht von ArbeiterInnen und Angestellten, von Frauen, Jugendlichen und RentnerInnen berichten. Wir wollen über die Probleme und Schwierigkeiten schreiben, die von der Presse unseres Großkapitals verschwiegen werden. Darüber hinaus wollen wir aber auch den Widerstand bekannt machen. Überall gibt es Menschen, die sich in Deutschland diesem System widersetzen. Davon kommt aber in der Öffentlichkeit viel zu wenig an! Deshalb auch der Untertitel „Zeitung für Solidarität und Widerstand“.

Für uns ist der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte. Eine Perspektive kann nur jenseits dieses Systems liegen. Wie eine solche Gesellschaft aussehen könnte, das können nur wir selbst – die Abhängigen, Ausgebeuteten und Unterdrückten – beantworten. „Perspektive“ möchte dazu einen Beitrag leisten.

Ist das nicht doch nur eine weitere linke Zeitung? Wie will sich „Perspektive“ von anderen linken Zeitungen oder Magazinen unterscheiden? Was für ein Konzept steckt hinter diesem Projekt?

Schon heute gibt es viele Zeitungen und Medienprojekte, die eine kritische Haltung zum Kapitalismus und zu korrupter Politik einnehmen. Der Großteil dieser Medien richtet sich jedoch vor allem nach Innen – ist also von Linken für Linke geschrieben. Die Folge ist oftmals eine schwer verständliche Szene-Sprache. Auch bei den Inhalten scheint es oft eher darum zu gehen, sich selbst zu bestätigen als wirklich die Fragen der Zeit zu stellen und zu beantworten, auch wenn es schmerzt. Das wollen wir anders machen. Wir möchten diejenigen Menschen ansprechen, die dem System kritisch gegenüber stehen, jedoch noch auf der Suche nach Antworten sind und bereit sind zu handeln.

Auf dem zugehörigen Nachrichtenportal „perspektive-online.net“ schreibt ihr, dass es keine wirklich freie Presse in Deutschland gebe. Was ist damit gemeint?

Auch wenn im deutschen Grundgesetz die Meinungsfreiheit festgeschrieben ist, denken wir, dass es in der Realität ganz anders aussieht. Die bekannten Zeitungen von ‚BILD‘ über ‚Fokus‘ bis hin zur ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ gehören großen Medienunternehmen. Es ist klar, dass die großen Redaktionen niemals wirklich transparent und kritisch darüber schreiben werden, wer in diesem Land die Macht hat. Denn dann müssten sie ja unter anderem gegen ihre eigenen Arbeitgeber schreiben. Auch auf die staatlichen Medien können wir nicht setzen. Werden sie doch von denjenigen Parteien gesteuert, die uns in den letzten Jahrzehnten in diese desolate Situation regiert haben.
Eine wirklich „freie“ Presse können wir von den etablierten Medien also nicht erwarten. Die einzige mögliche Schlussfolgerung: Wir müssen uns unsere eigene Presse schaffen.

Welche inhaltlichen und thematischen Schwerpunkte wird man in der Zeitung finden?

Politik betrifft unser Leben massiv. Deshalb werden wir selbstverständlich über die neuesten politischen Geschehnisse berichten. Dabei ist die Wirtschaft die Basis einer Gesellschaft. Hier werden wir über aktuelle Entwicklungen, aber auch Widerstände schreiben. Frauen und Jugendliche spielen eine besondere Rolle, da sie im Kapitalismus besonders unterdrückt werden, ihre Schwierigkeiten und Kämpfe finden in unserer Zeitung einen Platz. Ein Kulturbereich wird sich mit nicht kommerzieller und revolutionärer Kunst beschäftigen.

Doch um voran zu kommen, bedarf es nicht nur sachlicher Nachrichten. Wir benötigen auch Einschätzungen und Vorschläge für Auswege aus der Misere. Dafür werden wir Interviews und  Kommentare unserer AutorInnen veröffentlichen. Hier hoffen wir auf eine rege Diskussion!

Eine Zeitung kann man ja nicht einfach so aus dem Boden stampfen. Wer steht hinter diesem Projekt?

Wir sind eine Gruppe von antikapitalistischen JournalistInnen und AktivistInnen, die sich gemeinsam zum Ziel gesetzt haben, die Medienlandschaft in Deutschland „aufzumischen“. Wir wollen nicht mehr zuschauen, wie sich die Herrschenden alles erlauben können und die Faschisten die Unzufriedenen einsammeln. Wir wollen eine wirkliche Perspektive!
Unsere Zeitung wird durch den „Verein für politische Bildung und unabhängigen Journalismus“ herausgegeben, der zu diesem Zweck gegründet wurde. Als Verein wollen wir dem Projekt die notwendige finanzielle Basis geben. Wir wissen, dass unsere Ziele ambitioniert und unsere Ressourcen begrenzt sind. Wir wissen aber auch, dass es überall kritische Menschen gibt, die sich eine eigene Meinung bilden wollen und auch davon überzeugt sind, dass unabhängiger Journalismus dafür heute wichtiger ist denn je. Deshalb freuen wir uns über jedes neue Mitglied in unserem Verein.

Wie kommt man an die Zeitung? Kann man „Perspektive“ unterstützen und mitgestalten?

Das täglich aktualisierte Nachrichtenportal kann über die Webseite www.perspektive-online.net  erreicht werden. Einmal im Monat veröffentlichen wir auch eine knapp gehaltene Print-Ausgabe, die in Stadtteilen und vor Betrieben verteilt werden kann. Wer möchte, kann ein Abo dieser Druckausgabe bestellen, sodass man sie im eigenen Freundeskreis, Betrieb oder Stadtteil weitergeben und damit selbst aktiv werden kann.

Darüber hinaus möchten wir gerne alle FreundInnen, die sich durch die Ziele unserer Zeitung angesprochen fühlen, auffordern, sich als KorrespondentInnen zu beteiligen! Ob mit einem Bericht über eine Demonstration, einer Reportage zu den unmöglichen Bedingungen im eigenen Betrieb oder einer Rezension zur letzten Hip-Hop-Platte – alle Beiträge sind herzlich willkommen!