Seit Mittwoch, 10.5.2017, haben afghanische Geflüchtete in Düsseldorf ein Protest-Zelt aufgeschlagen, um gegen die Abschiebungen nach Afghanistan zu demonstrieren. Die Proteste sollen bis zu den Landtagswahlen in NRW am kommenden Wochenende durchgeführt werden. Wir führten ein Interview über die Hintergründe mit „Nedaje Afghan“.

Ihr protestiert gegen Abschiebungen nach Afghanistan. Ist Afghanistan nicht ein sicheres Herkunftsland?

Afghanistan ist überhaupt nicht sicher und die Sicherheitslage hat sich sehr verschlechtert. Allein in den letzten 6 Monaten wurden 5.500 Soldaten umgebracht, mehrere 10.000 verletzt. Die Polizei, die Soldaten und Sicherheitskräfte können sich dort noch nicht einmal selbst beschützen. Wie sollen sie denn das Volk beschützen? Die Flüchtlinge sagen: „Wir wollen nur leben. Wir wollen nicht mehr, als in einem friedlichen Land leben.“ Viele haben auch psychische Probleme, versuchen, sich selbst umzubringen. Sie haben Angst, dass sie abgeschoben werden, am meisten die Jugendlichen, auch in Deutschland. Dann schreiben sie zum Beispiel per Facebook oder SMS, dass sie abgeschoben werden, aber noch bevor das passiert, bringen sie sich lieber um. Erst vor Kurzem wurde ein Flüchtling von Rheinland-Pfalz nach Afghanistan abgeschoben, vorgestern wurde er von den Taliban umgebracht. Abschiebung ist kein Leben, keine Hoffnung. Abschiebung nach Afghanistan ist Mord.

Die Bundeswehr war am Krieg in Afghanistan beteiligt. Wie seht ihr es, wenn Deutschland nun Abschiebungen nach Afghanistan organisiert?

Ich habe nur gehört von Leuten, die abgeschoben wurden. Als sie in Afghanistan am Flughafen ankamen, fragte niemand, woher sie kommen. Keiner fragt, ob du Hilfe brauchst. Die meisten wissen überhaupt nicht, wo sie hinsollen, sie haben keine Familie oder Unterkunft. Wie gesagt, die Soldaten selbst können sich dort nicht beschützen. Auch nicht die deutschen Soldaten, nicht die amerikanischen, nicht die afghanischen. Die meisten in Deutschland, also auch Familien, Frauen, Jugendliche, befürchten, dass sie abgeschoben werden. Sie sind nicht in ihren Zelten und Wohnungen, weil sie Angst haben. Es kann sein, dass die Polizei nachts kommt, um sie nach Afghanistan zu schicken. Jemanden dahin zu schicken, wo er sein Leben verliert, ist Mord. Aber in Deutschland ist die Abschiebung nach Afghanistan keine Straftat.

Welche weitere Forderungen habt ihr?

Das Wichtigste ist auf jeden Fall, die Abschiebungen zu stoppen. Dann muss man den Flüchtlingen die Möglichkeit geben, auch denen die bisher keine Flüchtlingsanerkennung bekommen, an staatlichen Deutschkursen teilnehmen zu können. Ihnen eine Chance geben, dass sie sich gut integrieren können. Vielen afghanischen Flüchtlingen werden immer wieder unbezahlte Praktika angeboten statt der wichtigen Sprachkurse. Was bringt das, ein Berufspraktikum, ohne Deutsch zu sprechen?

Wer steht hinter den Protesten und wie habt ihr euch organisiert? Seid ihr mit anderen Geflüchteten in anderen Städten vernetzt?

Wir sind von „Nedaje Afghan“ (Afghanischer Aufschrei), einem Bündnis in Düsseldorf. Bisher machen wir das nur hier, dann sehen wir mal.

Wieso habt ihr für euer Protest-Zelt den Zeitraum vor den Landtagswahlen ausgesucht?

Die Regierung muss einen Abschiebungsstopp beschließen. Sie darf nicht weiter abschieben. Sie muss den afghanischen Flüchtlingen die Möglichkeit geben, sich zu integrieren. Deswegen sind wir jetzt hier, um die Politik zu beeinflussen.


Weitere Informationen zu den Forderungen von „Nedaje Afghan“ sowie Möglichkeiten, diese zu unterstützen, gibt es auf afghanischer-aufschrei.de sowie auf facebook.


Noch bis zum 14.05. gibt es jeweils um 18:00 am Düsseldorfer Burgplatz ein offenes Treffen.