Interview mit der jungen Frauenorganisation „Zora“ aus Köln.

Ihr führt in Köln zur Zeit eine Kampagne durch, mit der ihr „das herrschende Frauenbild durcheinander wirbeln“ und „die Straßen gemeinsam zurück erobern“ wollt. Was kann sich darunter vorgestellt werden?

Mit unserer Kampagne kämpfen wir gegen Gewalt an Frauen. Dass „starken Männern“ gegenüber dem „schwächeren Geschlecht“ mal die Hand ausrutscht, scheint normal zu sein und muss sich ändern. In unserem heutigen Rollenbild, das auch durch Filme, Songs etc. immer noch bedient und geschaffen wird, scheint die Frau selbst kaum eine Sexualität zu haben, während der Mann davon nur so übersprüht – Deshalb ist es auch normal, dass er sie zum Sex „überreden“ muss, die Grenzen zwischen Überredung und Zwang sind da aber fließend. Wir Frauen* haben genauso eine Sexualität wie Männer und wenn wir nicht wollen, dann wollen wir nicht und dann wird das auch nichts. Trotz allem gibt es jährlich Tausende Vergewaltigungen alleine in Deutschland. In diesem Maße kann nicht mehr von traurigen Einzelfällen geredet werden; diese Verbrechen sind strukturell und liegen begründet in den Rollenbildern, die uns immer noch von der Gesellschaft auferlegt werden. Sie werden uns überall vor die Nase gehalten, bis wir diese konstruierte Plastik-Welt für natürlich halten: Frauen*körper auf sämtlichen Werbeplakaten zeigen uns, wie wir auszusehen haben, um uns zu vermarkten. Schon Kinderbücher und Teenie-Filme zeigen uns, dass wir uns für schöne Kleider und einen starken Typen, der uns beschützen kann, zu interessieren haben. Grabscher in den Clubs und Bahnen wiederholen, dass wir „Fleischware“ sind. Wir erobern die Straßen zurück, um diese Kultur der Gewalt, physisch wie psychisch, mit Händen an den Körpern und Bildern in den Köpfen aus unseren Leben zu vertreiben. Wir erobern die Straßen zurück und vertreiben jede ungewollte, grabschende Hand auf unseren Körpern so, wie wir jedes sexistische Plakat aus den Blicken vertreiben wollen. Konkret machen wir das, indem wir Plakate mit den Bildern starker, inspirierender Frauen* gestaltet haben, mit denen wir sexistische Werbung überkleben, damit endlich die richtigen Frauen*bilder an den Wänden hängen. Der Abschluss unserer Kampagne wird eine Nachttanz-Demo am 2. Juni um 20 Uhr in Köln sein, bei der wir vom Barbarossaplatz aus über die Ringe tanzen werden und stolz zeigen werden: Wir tanzen, wie wir wollen und ohne die geringste Angst zu haben, dass sich wieder jemand an unseren Körpern vergeht, als wäre jede Bewegung nichts anderes als eine Einladung zum „Antatschen“ .

Frauen wie Rosa Parks, Ivana Hoffmann, Malala Youzafzai oder Queen Latifa nennt ihr als eure Vorbilder. Was fasziniert euch an diesen Frauen?

Diese Frauen* sind stark und lassen sich nicht unterkriegen. Im Gegenteil, sie kämpfen mit ihrem ganzen Leben gegen die Ungerechtigkeiten in unserer Welt. Sie sind leuchtende Vorbilder für uns mit der Kraft und Überzeugung, die sie in ihrem Leben gezeigt haben und zeigen. Trotz der riesigen Steine, die ihnen in den Weg gelegt wurden, nicht zuletzt aufgrund des Sexismus, stehen sie für ihre Ideale und ihre Hoffnung ein. Menschen wie sie zeigen uns, wieviel wir erreichen können, und jeder ihrer Erfolge ist auch ein Erfolg für uns, ein Schritt auf unserem gemeinsamen Weg. Bis wir wirklich frei sind, müssen noch viele Schritte getan werden und wir wollen wie diese Frauen* dazu beitragen.

In euren Texten ruft ihr die Frauen auf, sich zusammenzuschließen. Warum denkt ihr, dass es wichtig ist, sich explizit als Frauen zusammenzuschließen und zu organisieren?

Wir als Frauen* sind die einzigen, die unsere eigene Diskriminierung wirklich spüren können. Wir sind die einzigen, die sie am eigenen Leib erleben und deshalb auch diejenigen, die sie wirklich erkennen, entlarven und bekämpfen können. Ein cis-Mann wird es niemals wirklich nachvollziehen können, in welcher Situation wir uns befinden – das heißt nicht, dass Männer sich nicht auch gegen Sexismus einsetzen können, sollen und müssen. Aber sie werden uns nicht aus der Unterdrückung durch sie befreien können; die einzigen, die das tun können, sind wir selbst. Was wäre das für eine Befreiung, die von den Unterdrückenden ausgeht?

Ihr setzt euch für eine Gesellschaft ein, in der es keine Gewalt gegen Frauen mehr gibt. Wie kann diesem Ziel konkret näher gekommen werden? Was können Frauen tun, die nicht länger stumm bleiben und sich gegen Gewalt und Sexismus in unserer Gesellschaft zur Wehr setzen wollen?

Zuerst müssen wir uns alle klar werden: Keine Gewalt ist legitim. „Er meint das nicht so“, „Er hat ja schon irgendwie ein Recht darauf“ usw. – das zählt alles nicht. Es gibt keine Entschuldigung, die Grenzen, die ein Mensch setzt, zu überschreiten. Es gibt keine Entschuldigung für sexualisierte Gewalt. Bei mir selbst darf ich das nicht akzeptieren, ich muss mich wehren. Wenn ich bei einer anderen Frau mitbekomme, dass sie sexualisierter Gewalt ausgesetzt ist, muss ich mich immer daran erinnern: das könnte ich ja selbst sein in dieser Situation. Wir müssen uns helfen, denn sonst wird es niemand tun. Lieber einmal mehr eingreifen als einmal zu wenig. Wir müssen ein Klima schaffen, in dem jede Frau weiß, dass sie nicht alleine ist und nicht allein gelassen wird und in dem jeder weiß, dass Gewalt Konsequenzen hat. In unserem privaten Leben, in jedem Moment, in dem wir sexualisierte Gewalt miterleben, müssen wir uns dieses Klima der Sicherheit vor Gewalt erkämpfen. Genauso ist es aber auch wichtig, uns gemeinsam politisch zu organisieren, um nicht nur als Einzelne, sondern gemeinsam, als Unterdrückte, wahrgenommen zu werden – als Unterdrückte, die ihre Freiheit wollen.

 

Zora: Der Stern bei Frau* zeigt an, dass es beim Sexismus nicht um Geschlechter, sondern um „Gender“ geht, also um die Rollen, die den Geschlechtern zugeschrieben und aufgezwungen werden. Es hat nichts mit Geschlechtsorganen, sondern nur mit sozialen Konstruktionen zu tun.