Der Kampftag der ArbeiterInnenklasse aus der Sicht von Frauen. Ein Kommentar von Lisa Alex

Der 1. Mai ist seit über hundert Jahren der Kampftag der ArbeiterInnenklasse. Ein Tag, an dem überall auf der Welt die ArbeiterInnen ihren Widerstand gegen das kapitalistische System und seine Auswirkungen auf die Straße tragen. Als Teil der ArbeiterInnenklasse, um genau zu sein als die eine Hälfte der ArbeiterInnenklasse, ist der 1. Mai besonders für uns arbeitenden Frauen ein wichtiger Tag.

Wie unsere männlichen Kollegen sind auch wir im Kapitalismus ausgebeutet und unterdrückt. Wir gehören zu der großen Masse an Menschen, die Tag für Tag schuften, um sich Essen und Kleidung kaufen und um die Miete bezahlen zu können. Dabei arbeiten wir den größten Teil des Tages nicht für uns, sondern für den Profit der Kapitalisten.

Die Bedingungen, unter denen wir arbeiten müssen, sind oft härter als die der Männer. Frauen verdienen nach wie vor durchschnittlich rund 20% weniger. Typische „Frauenberufe“, wie z.B. die Pflege oder der Einzelhandel, sind in der Regel schlechter bezahlt und unsicherer. Aber sogar bei gleicher Arbeit fallen die Löhne teils deutlich geringer aus. Begründet wird das damit, dass Frauen durch Schwangerschaften und Erziehungszeiten länger ausfallen, sowie mit dem sexistischen Bild, Frauen seien das schwächere Geschlecht. Hinzu kommt, dass durch Kindererziehung oder Pflege von Verwandten viele Frauen nur in Teilzeit arbeiten können. Die Renten von vielen Frauen sind deshalb so gering, dass sie nicht einmal für die Miete ausreichen.

Der geringe Lohn bedeutet für Frauen, dass sie (oft ihr Leben lang) ökonomisch abhängig bleiben von ihrer Familie, ihrem Partner oder vom Staat.

Auch auf der Arbeit haben Frauen es oft nicht leicht. Durch sexistische Vorurteile werden wir von vornherein von bestimmten Arbeiten ausgeschlossen, weil die „zu hart“ für uns wären oder für die wir „nicht stark genug“ seien. Besonders in typischen Männerberufen haben Frauen mit diesen Vorurteilen zu kämpfen. Manche Betriebe stellen deshalb erst gar keine Frauen ein. Ein weiteres Problem, mit dem Frauen auf der Arbeit zu kämpfen haben, stellt Belästigung dar. Diese reicht von taxierenden Blicken über beleidigende Sprüche bis hin zum „Grapschen“. Aufdringlichkeit ist natürlich nicht nur am Arbeitsplatz eine Belastung, denn auch in jeglichen anderen Bereichen der Gesellschaft sind Frauen davon betroffen. Auf der Arbeit bringt sie uns aber besonders in Bedrängnis, denn es gibt häufig keine Ausweichmöglichkeit, geschweige denn die Möglichkeit, sie offen anzusprechen. Es schwingt immer die Gefahr mit, den Job zu verlieren.

Zusätzlich zur Lohnarbeit liegt außerdem die Hauptlast von Haushalt, Kindererziehung und familiärer Pflege immer noch auf unseren Schultern. Die uns zugeschriebene Rolle als Mutter, Pflegerin und Haushälterin wird uns seit Jahrhunderten aufgedrückt. Einige Frauen würden nun widersprechen, denn sie kümmern sich doch freiwillig um Familie und Haushalt. Aber haben wir denn wirklich andere Möglichkeiten? Das Denken, dass wir als Frauen diese Aufgabe übernehmen müssen, ist über die Jahrhunderte so fest in unsere Geschlechtsidentität eingemeißelt worden, dass es meist keine andere Option gibt oder es viel Kraft und Mut benötigt, einen anderen Weg zu gehen. Denn Frauen, die diese Rolle nicht übernehmen wollen, gelten schnell als „Rabenmütter“ oder unweiblich.

Wir sind eben nicht nur als Arbeiterinnen unterdrückt, sondern auch als Frauen. Diese Unterdrückung wird nicht zuletzt aufrecht erhalten durch Gewalt. Viele von uns erleben mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt in einer Beziehung. Aber auch ein Schönheitsideal, das uns krank macht, ist eine Form von Gewalt, mit der jede Frau tagtäglich konfrontiert ist.

Arbeiterinnen sind also doppelt ausgebeutet und unterdrückt. Zum einen vom Kapitalismus und zum anderen vom Patriarchat. Das sollte uns aber nicht niederschmettern. Es sollte uns eine doppelte Motivation sein, am 1.Mai und an jedem anderen Tag auf die Straße zu gehen. Denn es ist auch unser Tag! Als Hälfte der ArbeiterInnenklasse kämpfen wir an diesem Tag nicht nur für die Befreiung unserer Klasse, sondern für die Befreiung der Menschheit von jeglicher Unterdrückung.