Können uns Online-Portale wie „My Better Life“ glücklich machen?

Pünktlich zum „Weltglückstag“ ging am 20. März 2017 das Portal „My Better Life“ online. Es verspricht, das „erste ganzheitlich-personalisierte Online-Coaching für ein glücklicheres Leben“ zu sein. Wer auf die Startseite geht, sieht niemand Anderes als zwei bedeutende Persönlichkeiten der bundesdeutschen Berater-Szene: Zum einen Peter Zwegat, Schuldnerberater aus der Sendung „Raus aus den Schulden“. Zum anderen die selbstbewusste und immer für einen guten Beziehungs-Tipp bereite „Supernanny“ Katia Saalfrank. Daneben strahlen uns noch weitere (teilweise bekannte) Gesundheits-, Freizeit-, Motivations-, Zeitmanagement- und Style-ExpertInnen an.

Kommerzielle Online-Beratung gibt es zunehmend mehr. Im Gegensatz zu den anderen Angeboten soll dieses „Glücksangebot“ jedoch „maßgeschneidert und ganzheitlich“ sein. Der Gründungsvater Christian Vater (kein Scherz, er heißt wirklich so!) erklärt uns das Vorgehen so: „Für jeden Lebensbereich erhält der User ein, auf seine Situation personalisiertes, Coaching in einem ‚Content-Mix‘ aus Audio, Video und Text – einfach, klar verständlich und sofort anwendbar.“

Glück von der Stange

Was uns erwartet, sind jedoch nicht angepasste und individuelle Beratung durch die vermeintlichen „ExpertInnen“, mit der das Projekt wirbt. „Chief Happiness Officer“ Christian Vater gibt offenherzig zu: „In der Basisversion ist eine direkte Eins-zu-Eins-Kommunikation mit unseren prominenten Experten nicht vorgesehen“. Zu einem Aufpreis soll es irgendwann ‚Personal Coaches‘ geben – aber auch das sollen nicht die Promis sein. Diese kommen nur in den vorfabrizierten Produkten vor, z.B. in Videos, in denen sie ihre wunderbaren Lebenstipps zum Besten geben. Doch woher wissen die, welches Video wir schauen wollen? Auch wenn man hier nicht hinter die Kulissen blicken kann, ist es unwahrscheinlich, dass professionelle Analysten jedes einzelne Profil der erwarteten 2 Millionen NutzerInnen in den kommenden 3 Jahren untersuchen werden. Viel wahrscheinlicher ist, dass ein gut programmierter Computer-Algorithmus ein Persönlichkeitsprofil von uns erstellt (und natürlich speichert), um uns dann mit den passenden Glücksbringern zu versorgen.

Zielgruppe: Wir, die ArbeiterInnen und Angestellten

Als Zielgruppe definiert Vater: „Unser Ziel ist Glück für alle. Deswegen haben wir den günstigen Preis [von einmalig 29,90€] gewählt, den sich wirklich jeder leisten kann. Unsere Kernzielgruppe sind Männer und Frauen zwischen 30 und 60 Jahren, mit einem niedrigen bis mittleren Einkommen.“ Das Unternehmen listet hier einige Zahlen auf: Vier Millionen Menschen sind depressiv, neun Millionen leiden unter Burnout. Knapp sieben Millionen sind verschuldet, fast jeder zweite möchte seinen Job aufgeben. Nun können endlich auch diejenigen, die wenig Geld haben, sich ein wenig Glück erkaufen! Ohne Zweifel, vielen arbeitenden Menschen geht es schlecht. Auch wenn Hunger noch kein Massenphänomen ist, so wachsen seelische Krankheiten, Schlafprobleme und Drogenkonsum stetig an. Ob uns ein kapitalistisches Unternehmen wie „My Better Life“ davor retten kann?

Das Geschäft mit dem Glück

Finanziert wird das Projekt vom „strategischen“ Investor „Heliad Equity Partners“. Das ist eine Firma, die sich auf „junge und wachstumsstarke, nicht-börsennotierte und börsennotierte Unternehmen“ fokussiert. Ihre Strategie soll den Aktionären besonders viel Kohle bringen. So preist sie an, dass sie mit ihrem Konzept in der Lage sei, „deutliche Überrenditen im Verhältnis zu anderen Beteiligungsgesellschaften und Aktienfonds für ihre Aktionäre zu erzielen.“
Heute schon beschäftigen sich 30% der in Deutschland verkauften Bücher mit sogenannter „Lebenshilfe“. Heliad möchte in diesen „weltweit hochspannenden und milliardenschweren Gesundheits- und `well-being‘-Markt“ rein, der ständig weiter wächst.

Wie glücklich werden?

„My Better Life“ ist Ausdruck einer Glücksindustrie, die sich am Unglück bereichert. Wenn „My Better Life“ wirklich unsere Probleme lösen wollte, könnte Heliad Equity Partners keine „deutlichen Überrenditen“ mehr versprechen. Aber vor allem die Herangehensweise von „My Better Life“ und unzähliger anderer, ähnlicher Angebote ist äußerst problematisch. Die Lösung für die Probleme wird ausschließlich in den Individuen selbst gesucht. Auch wenn das natürlich nicht so formuliert wird, gibt man uns letztendlich das Gefühl, selbst an unserem Unglücklichsein schuld zu sein. Uns wird suggeriert, dass wir die Probleme deshalb letztlich auch nur alleine lösen könnten. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Der Mensch ist schließlich ein soziales Wesen und muss in seiner Ganzheit und seinem So-Sein immer in Beziehung mit seiner Umwelt gesehen werden. Die Gesellschaft, in der wir leben, prägt unser Verhalten untereinander und unsere eigene Lebensweise enorm. Burn-Out, Schulden, Stress und Depressionen sind nicht einfach mal eben nur selbst verschuldet! Sie sind auch Produkt eines Systems, das uns zu immer mehr Höchstleistung antreibt, damit die Rendite (siehe oben) stimmt. Auch asoziales, individualistisches und egoistisches Verhalten sind Ausdruck eines herrschenden Gefüges, in dem es v.a. die Arbeit oder die „Leistung“ sind, wenn wir uns gegenüber unserer Schwester, dem Nachbarn, Mitschüler oder der Kollegin im Konkurrenzkampf abgrenzen oder durchsetzen wollen. Im Kapitalismus gibt es individuelles (Schein-)Glück fast nur für die Reichen. Erst wenn wir eine Gesellschaft erschaffen könnten, in der nicht der Profit und das Gegeneinander das Entscheidende sind, ließen sich solche Probleme auf gesamtgesellschaftlicher Ebene lösen.

Aber ich bin auch überzeugt: Wir leben schließlich hier und jetzt und müssen nicht auf eine ferne Zukunft warten und verweisen. Schon heute könnten wir ja zumindest versuchen, so miteinander umzugehen, wie wir es uns für eine zukünftige Gesellschaft jenseits des Kapitalismus wünschen. Der sozialistische, türkische Dichter Nazim Hikmet fand dafür ein treffendes und eindrückliches Bild, als er schrieb: „Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und gleichzeitig brüderlich wie ein Wald“.