Am 26. April wurde der 22-jährige Michael Haile in seiner Wohnung in Norden von Essen von einem Polizisten erschossen. Freunde des jungen Mannes, die zumeist wie er selbst aus Eritrea flohen, reagieren bestürzt und zeigen Unverständnis. Die Fragen dieser Freunde lässt die Polizei unbeantwortet.

In der Nacht des Vorfalls wurde gegen 23 Uhr die Polizei durch Anwohner verständigt, Ruhestörung war der Vorwurf. Als Mike, wie Michael Haile genannt wurde, die Tür öffnete, hielt er in der Hand ein Küchenmesser. Michael H. wurde aufgefordert, das Messer wegzulegen, dieser Aufforderung leistete er nicht Folge. Daraufhin schoss ein Polizist ins Herz des jungen Mannes. Michael stirbt noch im Hausflur, auch der verständigte Notarzt kann ihm nicht mehr helfen.

Umfeld verunsichert und fassungslos
Freunde und Anwohner sind schockiert, sie beschreiben ein bisher gutes, nachbarschaftliches Verhältnis. Es herrscht Unverständnis für die Reaktion des Polizisten. Girmay Habtu, selbst Eritreer und aktiv in der Flüchtlingshilfe, äußerte sich dazu online: „Muss die Polizei sofort einen tödlichen Schuss abgeben? Sind Polizisten nicht ausgebildet, einen Angreifer anders außer Gefecht zu setzen?“

Mike suchte Schutz vor Willkürherrschaft
Michael H. selbst verließ sein Heimatland bereits mit 19 Jahren. Die Ursachen, die Eritreer zur Flucht bewegen, sind vielfältig. Das Land hat eine konfliktreiche Geschichte, zunächst als italienische Kolonie. Während der Kolonialherrschaft war das Land ständig der Bedrohung durch europäische Kriege und Besatzer ausgesetzt. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1993 ist Eritrea ein formal „unabhängiges“ Land und seitdem übt Präsident Isaya Afwerki sowohl Staats- als auch Regierungsführung aus. Er ist bekannt für  seine willkürliche und autoritäre Politik, die eritreische Bevölkerung lebt in Angst und ohne die Garantie elementarer Menschenrechte.

Polizei und Behörden geben keine Auskunft
Obwohl sich Mike bemühte, in Deutschland Fuß zu fassen, um ein sicheres Leben führen zu können, waren seine Sprachkenntnisse noch nicht gut und er wurde als zurückhaltender Mensch beschrieben. Den Vorwurf der Ruhestörung, der die Polizei überhaupt veranlasste, Mikes Sozialwohnung in einer heruntergekommenen Gegend aufzusuchen, kann sein persönliches Umfeld deshalb überhaupt nicht nachvollziehen. Er sei still und schüchtern gewesen, habe weder Musikanlage noch Fernseher besessen.
Die Freunde wenden sich an die Polizei und wollen die Umstände, unter denen ihr Freund starb, erfahren. Aber sie bekommen keine Auskunft. Erst als Michael Hailes Schwester aus Großbritannien nach Deutschand reist, werden ihre Fragen knapp beantwortet. Die Aussagen stellen sich als so widersprüchlich heraus, dass die Familie einen Anwalt einschaltet.

Demonstrierende fühlen sich von der Polizei allein gelassen.
Das Umfeld des Verstorbenen ist durch all das verunsichert und auch wütend über das Vorgehen der Polizei. In Folge dessen fand am 6. Mai in Essen eine Demonstration für Mike statt. Ihre Organisation gestaltete sich schwierig und am Tag der Demonstration kooperierte die Polizei nicht wie abgesprochen. Da der Demonstrationszug nicht gestattet wurde, musste man sich darauf beschränken, eine kurze Strecke hin- und herzugehen. Auch berichtet wurde über die Demonstration für den erschossenen jungen Eritreer nicht, obwohl die Medien eingeladen wurden. Zurück bleiben damit all die ungeklärten Fragen der Freunde, ihre Ängste und ihr beginnendes Misstrauen in die deutsche Polizei und die Behörden.

Polizeigewalt gegen Geflüchtete kein Einzelfall
Seit Jahren bemühen sich FlüchtlingshelferInnen und AktivistInnen, Vorfälle exzessiver Polizeigewalt gegen Geflüchtete an die Öffentlichkeit zu bringen. Ein Beispiel dafür sind Ausschreitungen im Dezember 2013 in Berlin. Dort kam es zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen mehreren Männern. Dies hatte zur Folge, dass alle BewohnerInnen der Unterkunft, in der sie wohnten, durchsucht und teilweise misshandelt wurden, es kam zu mehreren haltlosen Anzeigen und Körperverletzungen durch Polizisten. Ein Versuch, das Vorgehen rechtlich aufzuklären, wurde durch die Polizei selbst verhindert.
Eine weitere, konkrete Parallele lässt sich zu dem Fall von Oury Jalloh ziehen. Der junge Mann aus Sierra Leone verlor 2005 sein Leben bei einem Brand in seiner Gefängniszelle in Dessau. Die Feuerwarnmelder schlugen zwar Alarm, wurden jedoch ignoriert, während der Verhandlungen war dann von Selbstentzündung die Rede. Die, auf private Initiative, durchgeführten Brandgutachten schlossen dies jedoch eindeutig aus. Jalloh war zuvor durch ein nicht rechtskräftiges Urteil wegen Drogenhandels zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Zwei Mitarbeiter der Polizei wurden im Zuge dessen wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, der Dienstgruppenleiter zu einer Geldstrafe verurteilt, der Polizeibeamte hingegen wurde freigesprochen.