Alexander soll bald nach Mazedonien abgeschoben werden. Doch wie „sicher“ ist das Land eigentlich? – Eine Reportage von Felix Thal

Mit der Asylrechtsverschärfung im Jahre 1993 wurde das Konstrukt des „Sicheren Herkunftsstaates“ geschaffen. Dies soll bedeuten, dass Menschen, die aus eben jenen „sicheren“ Ländern fliehen, keine Möglichkeit in Deutschland besitzen, ihr Recht auf Asyl geltend zu machen. Die deutsche Erfindung von sicheren Staaten ist eine rein juristische Formel und entspricht nicht den Realitäten vor Ort. Wenn von sicheren Staaten die Rede ist: welche Sicherheit ist gemeint und für wen?
Die Sicherheit von Roma schließt dies jedenfalls nicht mit ein. Amnesty International bescheinigt in ihren Jahresberichten seit 1999 für Mazedonien einen desaströsen Zustand. Roma werden systematisch diskriminiert, verfolgt, gedemütigt, ihnen werden Grundrechte wie Wohnen oder medizinische Versorgung vorenthalten. Beispielhaft hierfür steht das Schicksal von Alexander (Name geändert), der in einer Flüchtlingsunterkunft in der Nähe von Köln lebt. Er ist 25 Jahre alt und hat die ersten acht Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht. Er ging noch in die erste Klasse, als er und seine Eltern nach Mazedonien abgeschoben wurden. Er lebte danach in einer kleinen Stadt im Westen von Mazedonien und besuchte das Gymnasium. Hier erfuhr er tagtäglich, was es bedeutet, sozial und strukturell diskriminiert zu werden. Auf offener Straße wurde er beschimpft, von fremden Personen dazu gezwungen, Zigaretten zu kaufen oder zu singen. Anzeigen bei der Polizei wurden nicht aufgenommen, da er ja „nur ein Zigeuner“ sei. Ein Aufenthalt im Krankenhaus war nur durch Bestechungsgelder möglich, Papiere und amtliche Dokumente wurden oft zu spät oder gar nicht ausgehändigt. Jeglicher Protest gegen diese täglichen Schikanen zog nur noch mehr Probleme nach sich. „Wir Roma haben Angst in Mazedonien“, erzählt Alexander.

Verfolgung in Mazedonien

Er arbeitete bis zu seiner Flucht nach Deutschland in einem Café als Reinigungshilfe. Als hier eines Abends eine Feier statt gefunden hatte, machte er sich am nächsten Morgen daran, die Unordnung zu beseitigen. Bei seiner Arbeit wurde er von der Polizei überrascht und das Café durchsucht. Sie fanden Waffen und Drogen. Der Chef von Alexander wollte ihn dazu zwingen zu sagen, dass es seine wären. Alexander lehnte dies strikt ab, da er wusste, was es heißen würde, als Roma in ein mazedonisches Gefängnis zu gehen. Er verließ das Café und ging nach Hause. Später telefonierte er mit seinem Chef, um seinen letzten Lohn zu erhalten. Als sie sich erneut trafen, lehnte der Chef eine Kündigung ab und gab Alexander auch keinen Lohn. Nachdem er erneut die Forderung ausschlug, den Waffen-  und Drogenbesitz zu übernehmen, schlugen ihn drei bis vier Männer zusammen. Erst versetzten sie ihm mit einem Schlagring einen schweren Schlag gegen den Kopf und dann mehrere Kniestöße gegen sein Gesicht. Schwer verletzt und blutüberströmt konnte er fliehen und schleppte sich nach Hause zu seinem Vater. Dieser war außer sich vor Wut und wollte die Männer zur Rede stellen. Als sein Vater am Café ankam, wurde auch er überfallen und mit einem Messer niedergestochen. Er überlebte nach einer Notversorgung im Krankenhaus. Aus Angst haben Vater und Sohn von einer Anzeige abgesehen, da die Männer nach Alexanders Aussage zur albanischen Mafia gehörten. Einige Tage später wurde die siebenundzwanzigjährige Schwester von Alexander auf offener Straße entführt. Die Familie weiß bis heute nicht, wo sich die Schwester befindet. Alexander bestand darauf, dass seine Eltern sofort das Land verließen, da sein Vater durch die Attacken psychisch wie physisch so schwer gezeichnet war, dass die ernste Sorge bestand, dass er diese Situation nicht überleben würde. Nachdem seine Eltern in Deutschland angekommen waren – Alexander hatte sich in der Zwischenzeit in einer Nachbarstadt versteckt – entschied auch er sich, mit seiner Frau zu fliehen, da diese mafiösen Strukturen seine Taten nie vergessen würden. Sie bezahlten einen Schlepper, der sie für fünfhundert Euro pro Person mit dem Auto nach Deutschland brachte.

Ausbeutung und Unsicherheit in Deutschland

Beide kamen im August 2015 in Nordrhein-Westfalen an. Zu diesem Zeitpunkt hatte seine dreiundzwanzigjährige Frau ihr erstes Kind bereits verloren. Heute arbeitet Alexander bei einer Leiharbeitsfirma für acht Euro die Stunde. Alle zwei bis drei Monate wird sein Vertrag gekündigt, und er muss auf weitere Arbeitsangebote warten. Erst kürzlich wurde ihm die Teilnahme an einem Sprachkurs genehmigt, und er hat den Wunsch eine Ausbildung zu beginnen. Trotz dieser Tatsachen hat Alexander massive Zukunftsängste, wieder nach Mazedonien abgeschoben zu werden, da dieses von den deutschen Behörden als „Sicheres Herkunftsland“ eingestuft wird. Er hat oft Kopfschmerzen, Schlafstörungen und muss immerzu an das Schicksal seiner Eltern, seiner Frau und ihres noch ungeborenen Kindes denken. Seine Frau ist im siebten Monat schwanger und lebt bei seinen Eltern nördlich von Köln. So oft er kann, besucht er seine Familie. Alexander kam nicht nach Deutschland, um „Millionär zu werden“. Das einzige, was ihn interessiert, sind die Sicherheit und die Freiheit seines Kindes!. Die Unsicherheit und Sorge vor einer baldigen Abschiebung und die antiziganistischen (gegen Sinti und Roma gerichteten) Zustände in Mazedonien bereiten Alexander massive Angst.

„Ich will mein Leben nicht schon mit dreißig beenden.“

In der kommenden Woche ist seine nächste Anhörung vor Gericht, bei der sein und das Schicksal seiner schwangeren Frau entschieden wird. Obwohl die deutsche Justiz und deren Behörden von diesen Menschenrechtsverletzungen wissen, werden hierzulande die Diskriminierungen, Rechtsbrüche und Verfolgungen in Mazedonien einfach per Gesetz ausgeschlossen. Kein deutsches Gesetz kann aus einem Land ein „sicheres“ Land machen. Daher sind Abschiebungen von Roma nach Mazedonien ein Beweis für die menschenverachtende Asylpolitik dieses Landes und der Europäischen Union.