Interview mit dem Ko-Vorsitzenden der syrischen „Partei der Demokratischen Einheit“ (PYD), Sali Muslim, über die Angriffe der Türkei auf Rojava und die Repressionen in Deutschland.

Das Interview erschien am 30.04.2017 bei der Nachrichtenagentur „Firatnews“ und wurde in Auszügen von Civaka Azad übersetzt.

Der Ko-Vorsitzende der „Partei der Demokratischen Einheit“ (PYD), Salih Muslim, hat sich in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Firatnews für eine Flugverbotszone über Rojava (kurdisches Gebiet in Nord-Syrien) ausgesprochen: „Wir kämpfen sowohl gegen den IS als auch mit der Türkei. Dies zehrt an unseren Kräften. Damit die Gefahr aus der Türkei aufgehoben wird, sollten die Koalitionskräfte über den Luftraum von Rojava eine Flugverbotszone ausrufen“.

Im Folgenden veröffentlichen wir einen Abschnitt des Interviews, in dem Muslim auf die Angriffe der Türkei auf Rojava und Şengal, sowie das Verbot der YPG/YPJ-Flagge in Deutschland eingeht:

Die Türkei hat bis heute schon mehrmals Rojava angegriffen. Doch zum ersten Mal hat sie nun solch einen Luftangriff geflogen. Wie müssen wir das bewerten? Beginnt eine neue Phase?

Es sticht schon hervor, dass der letzte Angriff der Türkei nach dem Referendum durchgeführt wurde. Mit dem Referendumsergebnis im Rücken will Erdogan sich selbst zum Sultan küren. Aus diesem Grund führt er solch einen Angriff aus, denn er will seine Kraft demonstrieren. Zuvor hat es in Afrin grenzüberschreitende Angriffe gegeben, und nun kam es zu dem Luftangriff. Ohne Zweifel wurden diese Ziele zuvor ausgewählt. Es war bekannt, dass in Qereçox (Karakoc) das Hauptquartier der YPG ist. Auch die Ziele in Şengal (Nordirak. Anm. d. Red.) wurden mit Bedacht ausgewählt. Insbesondere der Beschuss der Peschmerga stellt eine Message an alle Kurden dar. Es handelt sich um einen bewussten Angriff, mit dem Ziel die Kurden einzuschüchtern. Auch den internationalen Kräften, wie den USA und Russland, vermittelt Erdogan so die Nachricht: „Ich werde die Kurden vernichten“. Das ist im Grunde ihr alter Plan. Wenn man all ihre Angriffe in jüngster Vergangenheit betrachtet, so sieht man, dass die Türkei immer angreift, sobald der IS an einem anderen Ort von uns in die Ecke getrieben wird.

Sie bewegen sich in Rojava und allgemein in Syrien in Koordination mit der `Internationalen Koalition‘. Insbesondere bei der `Rakka‘- Operation wurden durch diese Zusammenarbeit bedeutende Etappen-Ziele erreicht. Was waren nun die Reaktionen dieser internationalen Kräfte auf die türkischen Angriffe? In der Presse ist keine ernsthafte Reaktion zu erkennen. Gab es ein besonderes Treffen mit Verantwortlichen?

Die Türkei ist gerissen. Kurz vor dem Angriff erklärte sie in Richtung Russland und den USA: „Da ist die PKK, ich werde sie angreifen“. Es gab praktisch nicht die Möglichkeit, darauf zu antworten. Der letzte Angriff wurde auch auf diese Art und Weise gemacht. Russland und die USA haben es nicht akzeptiert. Es gibt auch einige Reaktionen, die in den Medien wiedergegeben wurden. Soweit ich weiß, hat auch der US-Botschafter in Ankara eine Reaktion gezeigt. Auch US-Kommandanten haben vor Ort Untersuchungen durchgeführt. Sie haben ihre Reaktionen zu Wort gebracht. Aber natürlich nicht in dem Niveau, in welchem wir es erwarten. Nach diesen Angriffen verlangt die Bevölkerung von Rojava die Ausrufung einer Flugverbotszone über dem Luftraum von Rojava. Wenn keine Flugverbotszone ausgerufen wird, werden die Angriffe von Erdogan andauern.

Was verlangen sie?

Wir wollen eine Flugverbotszone. Wir wollen, dass die Türkei sich vollständig aus Rojava und Syrien zurückzieht. Wir wollen, dass sie sich nicht einmischt. Ihr Plan ist es nämlich, dort alles durcheinander zu bringen. Wir wollen, dass die Türkei ihre Hände aus Syrien zurückzieht.

Die YPG und YPJ sind heute auf der ganzen Welt zu einem Symbol geworden. Doch Deutschland hat diese Symbole verboten. Wie kommentieren Sie das?

Heute ist die gesamte Welt, die europäische Öffentlichkeit mit eingeschlossen, auf der Seite der Kurden. Alle zeigen ihre Solidarität. Doch wenn man den politischen und staatlichen Nutzen betrachtet, sieht es anders aus. Großbritannien verkauft eine Menge an Waffen an die Türkei. Dies gilt auch für Deutschland. Um diese Interessen zu schützen, tun sie solche Dinge. Doch wir wissen, dass diese Symbole auf der ganzen Welt getragen werden. Wenn sie mit Fahnen-Verboten den Terrorismus unterbinden wollen, glaube ich, muss Deutschland zu allererst die türkische Flagge verbieten. Denn die Türkei agiert gemeinsam mit dem Terrorismus. Sie bauen Camps und Lager für terroristische Gruppen und unterstützen sie. Aus diesem Grund muss zuallererst die Flagge der Türkei verboten werden. Diese Verbote sind nicht rechtens. Wir hoffen, dass Deutschland diesen Fehler rückgängig macht. Es ist eine unhaltbare und lächerliche Entscheidung.