Jeden Tag lesen wir neue Schlagzeilen, bei denen es uns eiskalt den Rücken runter läuft.

Noch den Fall von Gina-Lisa im Kopf lesen wir von skandalösen Urteilen in Vergewaltigungsprozessen und von Freisprüchen in Missbrauchsprozessen –  und das alles trotz der unzähligen Gesetze und Paragraphen, die all das ändern sollten.

Dann, vor wenigen Wochen, war es wieder so weit. Eine Nachricht macht die Runde in den sozialen Netzwerken: Er klemmt den Kopf einer Frau zwischen die Metallstäbe seines Bettes und hat vier Stunden Sex mit ihr. Sie schreit „Nein“ und wehrt sich, doch die Richterin sieht keine Vergewaltigung und fällt ein skandalöses Urteil: Freispruch!

Geschehen in Brandenburg. Dort stand der 23-Jährige mit dem Tatvorwurf der Vergewaltigung vor Gericht. Die betroffene Frau beschrieb, wie der Mann, bei dem sie Drogen kaufen wollte, sie nach der gemeinsamen Einnahme von „Speed“ zum Sex aufforderte. Nachdem sie aber ablehnte, zerrte er sie auf sein Bett und klemmte ihren Kopf zwischen die Gitterstäbe des Bettgestells. Sie habe sich gegen den darauffolgenden Sex gewehrt und mehrfach „Nein!“ und „Aufhören!“ geschrieen, bis sie nicht mehr konnte und die Vergewaltigung über sich ergehen ließ. Ganze vier Stunden dauerte ihre Tortur. Der Partner der jungen Frau sagte ebenfalls aus, wie seine Freundin ihm weinend und vom Schmerz gezeichnet von der Vergewaltigung erzählte. Noch mehrere Tage hätte sie nicht richtig laufen können.

Weder Richterin noch die Staatsanwaltschaft bezweifelten die Aussagen der Zeugin und dennoch wurde der Angeklagte vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Denn auf die Nachfrage, ob der Angeklagte irgendwie hätte denken können, sie sei mit dem Sex einverstanden, antwortete sie, dass sie sich nicht sicher sei, ob er es „vielleicht für wilden Sex gehalten hat“. Diese Einschätzung reichte der Richterin aus, um in der ganzen Tat keinen Vorsatz der Vergewaltigung zu sehen.

Leider kein Einzelfall

In Deutschland mussten, nach einer Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA), gut hunderttausend Frauen im vergangenen Jahr Gewalt in der Partnerschaft erleben – von Körperverletzung über Stalking bis hin zu Mord. Allein diese Zahlen zeigen, dass Gewalt an Frauen in Deutschland viel alltäglicher ist, als man gemeinhin denkt.

Auf die Frage, ob eine Frau selbst an ihrer Vergewaltigung schuld ist, erwarten wir als Antwort ein klares „Nein!“. Doch leider kommt als relativierende Antwort viel zu oft: „Kommt darauf an“. Zehn Prozent der Befragten einer Studie gaben an, der Meinung zu seien, dass in einem Fall von Vergewaltigung diese „justifiable“, also gerechtfertigt sei, wenn die Frau z.B. einen zu kurzen Rock getragen habe.

Verwundert uns diese Statistik? Leider nein, denn wir leben in einem System, das aus Konkurrenz besteht, in dem Macht und Gewalt zählen, um sich Menschen, Firmen und Länder mittels Geld und Waffen unterzuordnen. Zu dieser Mentalität werden Männer in unserer Gesellschaft erzogen. Es gilt das Prinzip „jeder gegen jeden“ und ohne Rücksicht auf andere soll nur der eigene Wille von Bedeutung sein.

Und wir Frauen?

Wir Frauen wiederum müssen versuchen, den Selbsthass zu überwinden, der auf Grund der gesellschaftlichen Erwartungen bei uns aufkommt. In den Medien und der Werbung wird uns jeden Tag die „perfekte Frau“ vor Augen gehalten. Wir müssen gut aussehen, die Probleme anderer Leute lösen, schlank und beliebt sein, und immer unsere Bedürfnisse zu Gunsten der Eltern, der LehrerInnen, der FreundInnen, des Mannes, der Kinder und Chefs hinten anstellen. Uns wird von klein auf Fürsorge, Opferbereitschaft, Gehorsam und Unterwürfigkeit beigebracht. Wir können in dieser Gesellschaft nicht glücklich sein, wir können uns nur schlecht selber respektieren und akzeptieren, wie wir sind, eben nicht perfekt.

„Mache ich etwas falsch?“, „Es muss an mir liegen.“, „Andere schaffen das, andere sind perfekt.“. Nein sind sie nicht. Das wird uns nur erzählt, und wir glauben es. Wir meckern an unserem Körper rum, wir geben uns die Schuld, wenn wir vom Mann durch ein „jüngeres Modell“ ersetzt werden. Wir suchen die Fehler immer bei uns, weil wir ja nicht so perfekt sind. Werden wir geschlagen, haben wir ja vielleicht wirklich schlecht gekocht. Werden wir schlechter bezahlt, arbeiten wir vielleicht nicht so hart wie unsere männlichen Kollegen, und kriegen wir keinen Job, dann wohl, weil wir bestimmt nicht so viel wissen, wie der mit der großen Klappe, der sich gerne präsentiert. „Wurde ich vergewaltigt oder begrapscht, weil ich einen zu kurzen Rock anhatte? Wurde ich vergewaltigt, weil ich nicht deutlich gemacht habe, dass ich es nicht will?“

Alles Blödsinn! Wir Frauen suchen auf Grund unseres verkümmerten Selbstbewusstseins immer den Fehler bei uns und das Brandenburger Urteil unterstützt diesen Gedanken, den wir Frauen endlich aus unseren Köpfen bekommen müssen.

Gesetze können uns nicht schützen, …

Nur etwa jede 25. Anzeige endet in unserer Hauptstadt Berlin mit einer Verurteilung, wohingegen in manchen anderen Bundesländern jeder fünfte der Sexualgewalt Bezichtigte auch verurteilt wird. Schon daran ist zu sehen, wie relativ die Rechtsprechung ist. Von ExpertInnen wird geschätzt, dass maximal jede zehnte Vergewaltigung zur Anzeige kommt, wovon wiederum bundesweit nur acht Prozent verurteilt werden. Will heißen: Noch nicht einmal jede 100. Vergewaltigung endet in Deutschland mit der Verurteilung des Täters.

All das zeigt, wie wichtig und hoffnungsvoll stimmend die Aufnahme des „Nein heißt Nein“-Prinzips ins Strafgesetz war, damit auch dann ein Übergriff als „Vergewaltigung“ gewertet wird, wenn sich das Opfer nicht aktiv wehrt. Endlich heißt es im Sexualstrafrecht: „Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt, wird (…) bestraft.“. Viele AktivistInnen feierten die Gesetzesänderung, doch der Fall von Brandenburg steht symbolisch dafür, dass die Freude vielleicht zu früh war. Auch der Bundestag feierte sich damals, als alle Abgeordneten einstimmig für das Gesetz stimmten und diese seltene Einigkeit zeigt entweder die Wichtigkeit und unwiderlegbare Richtigkeit dieses Prinzips oder aber die praktische Bedeutungslosigkeit des Gesetztes.

… das können wir nur selber.

In einer Gesellschaft, die durch Macht und Herrschaftsstrukturen gekennzeichnet ist, können wir als Frauen nicht frei leben, weil wir zwar in Deutschland die geschlechtliche Gleichstellung in Form von Gesetzen haben, die Realität und der Alltag einer Frau aber alles andere als gleichberechtigt ist. Darum brauchen wir eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

„Nein heißt nein!“ – Zumindestens schon einmal auf dem Papier. In der Realität und der Praxis muss dies jedoch weiterhin erkämpft werden. Gesetze und Reformen reichen uns nicht, wir müssen Frauensolidarität lernen und praktisch werden lassen, egal ob auf dem Schulhof oder im Pausenraum, im eigenen Schlafzimmer oder auf dem Bahnsteig. Egal ob wir gerade selbst die Betroffene sind oder ob es eine Andere trifft: „Einmischen, aufmischen, solidarisieren!“ Stellt euch zusammen, denn Frauen die kämpfen, sind Frauen die leben.