Die Liberalen wolle sie, die Grünen und die Linken wollen sie schon länger, die Sozis wollen sie mittlerweile auch und die Christdemokraten dürfen sie jetzt auch wollen.

Die „Ehe für alle“ scheint nun auch in Deutschland bald Realität zu werden. Ja, sogar die AfD gibt kaum einen Mucks von sich, lebt doch ihre neue Parteichefin, Alice Weidel, in einer lesbischen Partnerschaft. Nachdem Bundeskanzlerin Merkel in dieser Angelegenheit den Fraktionszwang für die CDU überraschend aufgehoben hatte, folgt nun am 30. Juni die Abstimmung im Bundestag. Dass die völlige Gleichstellung homosexueller Paare in Sachen Ehe nun durchkommt, gilt eigentlich als sicher. Es ist jetzt von vielen Seiten von „Meilensteinen“ und ähnlichem die Rede, und die Politik lässt sich feiern. Auch wenn sich nichts gegen die gesetzliche Gleichbehandlung von Homosexuellen anführen lässt, so doch Einiges gegen das Konzept der Ehe. Dass diese tief patriarchale Institution nun im Zuge der `Ehe für alle‘ so unkritisch begrüßt wird – auch von links und fortschrittlich denkenden Menschen – ist bedauernswert. Klar sollten bürgerliche Rechte für alle Menschen in einem Land gleich gelten, doch warum nicht gleich die Abschaffung der Ehe und ihre Privilegien streichen, statt sich dem bürgerlichem Lebensmodell anzupassen? Die `Ehe für alle‘ ist ja auch deswegen gesellschaftlich so beliebt, weil sie niemandem wehtut.

Die Langlebigkeit des Patriarchats und seiner Institutionen, Werte und Vorstellungen lässt die eheliche Partnerschaft als natürlich, gottgegeben und ewig erscheinen. Doch schon im 19. Jahrhundert wiesen Anthropologen nach, dass Ehe und Familie keinesfalls die alle Zeiten herrschenden Formen des Zusammenlebens der Geschlechter waren. In den Gesellschaftsformen indigener Gemeinschaften in Amerika z.B. und den Erzählungen antiker Mythen sahen sie die deutlichen Anzeichen für eine vor-patriarchale Form der menschlichen Gesellschaft. In diesen Gesellschaften lebten die Geschlechter gleichberechtigt und polygam, Kinder wurden kollektiv großgezogen, und da es auch noch kein Eigentum gab, und somit nichts zu vererben, interessierte sich auch niemand dafür, wer der Vater sein könnte. Erst später entwickelte sich die monogame Ehe und diente der Versklavung der Frau, ihrer Kettung an das Haus des Mannes und damit der Garantie, dass sie ausschließlich seine Kinder gebäre. Bis heute hat die Ehe diese Funktion der Kontrolle über das Sexualleben der Frau beibehalten. Die vielfältigen und oft brutalen Formen der Bestrafung des weiblichen Ehebruchs geben Zeugnis hiervon. Allein die Ehe rechtfertigt oftmals bis heute die weibliche Sexualität. Und gerade weil Homosexualität – im Übrigen ebenso die sexuelle Freizügigkeit – nicht ehelich vollzogen wurde, wurde mit ihr die Vorstellung eines Verfalls der Sitten und der Moral verknüpft.

Und die Familie? Sie dient nicht nur der Männerherrschaft, sondern auch dem kapitalistischem Staat auf vielfache Weise. Sie ist damit nicht nur ein geschichtliches Überbleibsel alter Gesellschaftsformen. Seit der Überwindung des Feudalismus soll die Familie die biologische und soziale Reproduktion der Gesellschaft leisten, indem sie Kinder produziert und diese für die (früh)kapitalistische Gesellschaft sozialisiert, ihnen also innerhalb der bürgerlichen Kernfamilie die herrschenden Normen und Werte beibringt. Zu diesem Zwecke wird Ehe und Familie heutzutage bei allen bürgerlichen Parteien großgeschrieben und staatlich gefördert. Die Frau hat weiterhin den Haushalt zu schmeißen, also die notwendigen Arbeiten im `Haus‘ (unbezahlt) zu leisten, die das Proletariat (noch) in die Lage versetzt, sich weiter ausbeuten zu lassen. Andererseits verliert die eheliche Kleinfamilie im Kapitalismus immer mehr an Boden, da ein Großteil der Menschen eigentumslos wird und damit einer der ursprünglichen Gründe für die Ehe – die Sicherung des eigenen Erbes – wegfällt.

Die Menschheit hat es häufig geschafft, über jede Art von Negativem ein wenig Glitzer zu streuen und so wurde auch das Herrschaftsinstrument der Ehe mit allerlei Kitsch und Mythos aufgeladen. Was früher die ‚göttlich gewollte und abgesegnete Bande‘ war, ist heute die von Hollywood untermalte romantische Ehe. Bis dass der Tod sie scheide, sollen Mann und Frau nur einander lieben und vor allem nur miteinander Sex haben. Tausende Euros werden bei Hochzeiten ausgegeben für ein Kleid, welches man der Logik nach nur einmal anzieht. Andererseits traut man seinem Versprechen aber nicht so ganz und lässt sich auch von Staat und/oder Kirche „püfen“, indem die Liebe vertraglich versichert wird.

Die `Ehe für alle‘ fällt in eine Zeit, in der die Ehe an sich immer mehr an Bedeutung verliert. Immer mehr Ehen werden geschieden. Die verschiedensten Formen von Patchworkfamilien werden immer „normaler“ bis dahin, dass fremde Menschen sich über Plattformen kennenlernen und sich vielleicht dazu entschließen, gemeinsam die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, ohne dass sie dafür eine romantische Beziehung eingehen müssen. Während sich also das tatsächliche Leben immer mehr von der Ehe entfernt, stabilisiert der Hype um die ‚Ehe für alle‘ dieses Model. Schwule und Lesben sollen auf jeden Fall das Recht erhalten heiraten zu dürfen, der Gleichberechtigung wegen. Das eigentliche Ziel sollte aber die Abschaffung der Ehe sein und die Gleichheit der Geschlechter.