Unter der Überschrift „Mein Leben, meine Zeit – Arbeit neu denken“ führt die IG Metall aktuell eine Diskussion über ihre künftige Arbeitszeitpolitik.

„Das Konzept, ‚Vollzeit plus Überstunden plus Leistungsverdichtung plus Flexibilität‘ hat ausgedient. In der Arbeitswelt der Zukunft arbeiten die Menschen selbstbestimmt und sicher, um kreativ, gesund und zufrieden zu sein.“, sagte der IG-Metall-Vorsitzende Hofmann laut einer Pressemitteilung anlässlich einer Konferenz der Gewerkschaft Ende Juni in Mannheim. Bei dieser ging es unter anderem um das Ausloten tariffähiger Forderungen zur Arbeitszeit. Denn Ende des Jahres beginnt die Tarifrunde für die 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie.

Zur Vorbereitung der Debatte hätten sich seit Anfang des Jahres 680.000 Beschäftigte an einer Befragung beteiligt und ihre „Erwartungen hinsichtlich der Arbeitszeitgestaltung“ formuliert, aus denen die IG Metall ihre Forderungen ableite. (Link)

In die Medien schaffte es vor allem der Vorschlag der Gewerkschaft, Beschäftigte sollten ihre wöchentliche Arbeitszeit auf Wunsch zeitweise auf 28 Stunden verkürzen können – verbunden mit einem Entgeltausgleich und einem Rückkehrrecht in die 35-Stunden-Woche. Ihnen solle es so ermöglicht werden, Beruf und Privatleben besser miteinander zu vereinbaren – was laut Umfrage für die KollegInnen höchste Priorität habe – und sich z.B. Zeit für die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen nehmen zu können: „Wir wollen diesen Entgeltausgleich als eine zeitgemäße Sozialleistung tariflich regeln, weil Zeit für Kinder und Pflege gesellschaftlich notwendig ist.“, so Hofmann.

Darüber hinaus gehe es um die Entlastung von Schichtarbeitern, Schritte in Richtung der Einführung der 35-Stunden-Woche auch in Ostdeutschland und die Absage an alle Versuche der Unternehmerseite, das geltende Arbeitszeitgesetz aufzuweichen.

Flexibilisierung im Sinne der Kapitalisten

Denn derartige Vorstöße gibt es auf Seiten von Kapital und Staat zur Zeit einige. Erst kürzlich kündigte die neu gewählte CDU-FDP-Landesregierung in Nordrhein-Westfalen an, über eine Bundesratsinitiative die gesetzliche Höchstarbeitszeit sowie die Ruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Schichten kippen zu wollen.

Auf derselben Linie fordert der „Bundesverband der Deutschen Industrie“ (BDI) in seinen „Handlungsempfehlungen“ für die nächste Bundesregierung, der Staat solle die „Arbeitswelt“ auf die Digitalisierung vorbereiten, zum Beispiel dadurch, dass „flexible Arbeitsformen“ nicht „durch Regulierung“ behindert würden. (Link).

Die Unternehmen wollen die Entwicklung der Produktion und die Digitalisierung der Arbeitswelt dazu nutzen, die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch „Entgrenzung“ des Arbeitstages und „Arbeit auf Abruf“ zu steigern und für ihre Gewinnzwecke effizienter zu machen. Zutreffend beschreibt die IG Metall die schon heute vielfach bestehende Realität „flexibler“ Arbeitszeitmodelle im Sinne der Unternehmen: „Wer in Projekten oder mit Zielvereinbarungen arbeitet, weiß, dass ein Auftrag am Freitagabend fertig gemacht wird, auch wenn man in der Woche bereits 40 Stunden oder länger gearbeitet hat. Genauso ist es bei der Vertrauensarbeitszeit: Wo sie besteht, wird in der Regel überdurchschnittlich lange gearbeitet und Mehrarbeit nicht erfasst. Sie verfällt meist ohne jeden Ausgleich. Und nicht wenige setzen sich am Wochenende hin, um noch schnell eine Excel-Tabelle durchzurechnen, eine Powerpoint-Präsentation zu erstellen oder an der 3D-CAD-Animation zu feilen. In Zeiten von Cloud Computing ist das zu Hause oder an jedem anderem Ort jederzeit möglich. Dass diese Arbeitszeit erfasst wird, ist aber immer noch die Ausnahme.“ (Link)

Die Kapitalseite drängt in letzter Konsequenz auf eine Arbeit „rund um die Uhr“ und auf ständige Verfügbarkeit. Es ist daher nicht überraschend, wenn der Präsident des Unternehmerverbands Gesamtmetall, Dulger, am vergangenen Montag im Handelsblatt-Interview gegen die gewerkschaftlichen Positionen auftrat. Er drohte unter anderem mit „massiver Tarifflucht“ – das heißt dem Rückzug von Unternehmen aus den Verträgen mit den Gewerkschaften – sowie „Produktionsverlagerungen ins Ausland“ für den Fall, dass sich die IG Metall mit den zur Debatte stehenden Forderungen wie der zeitweisen 28-Stunden-Woche durchsetzen sollte.

Selbstbestimmtes Arbeiten?

Die Debatte zur Arbeitszeit macht deutlich, dass ArbeiterInnen und Unternehmen entgegengesetzte Interessen vertreten: Jede Stunde der Woche, über die Beschäftigte selbst verfügen, ist er aus Sicht des Kapitals unproduktiv, wirft er keinen Gewinn ab.

Angesichts dieses ständigen Drangs auf der Unternehmerseite, den Arbeitstag auszudehnen und zu „entgrenzen“, ist eine Gegenbewegung der Beschäftigten dringend notwendig. Und zwar nicht nur, um Verschlechterungen abzuwehren, wie sie sich in den letzten Jahren häufig schleichend und ganz ohne gewerkschaftliche Gegenwehr durchgesetzt haben – sondern auch, um selbst in die Offensive zu gehen, untragbare Zustände wie die „nicht erfassten Überstunden“ zurückzudrängen und sich neue Freiräume wie die Reduzierung der Arbeitszeit zu erkämpfen. Die IG-Metall-Debatte bietet den KollegInnen eine Gelegenheit, entsprechende Forderungen aufzustellen und in Gewerkschaft und Betrieben mit Nachdruck um deren Durchsetzung zu kämpfen.

Das kann jedoch nicht mehr als ein erster Schritt im Kampf um ein „selbstbestimmtes Arbeiten“ und Leben sein, der viele neue Fragen aufwirft: Dass zum Beispiel Zeit für Kinder oder die Pflege von Angehörigen gesellschaftlich notwendig sind, ist richtig. Aber beides sind auch Aufgaben, welche die heutige kapitalistische Gesellschaft eben auf den Einzelnen abwälzt, der seine Angehörigen dann wahlweise selbst pflegen oder in teure, nicht selten profitorientierte Einrichtungen bringen „darf“. Auch das sollte man in Frage stellen.

Selbstbestimmtes Arbeiten und Leben wird sich letztlich nicht durchsetzen lassen, solange die Beschäftigten über die Produktion – und davon ausgehend über alle gesellschaftlichen Belange – nicht selbst bestimmen können, weil die Produktionsmittel nicht ihnen, sondern den Kapitalisten gehören.

Man sollte die nächste Tarifrunde also durchaus zum Anlass nehmen, Arbeit einmal ganz konsequent „neu zu denken“, nämlich die Eigentumsfrage wieder in die Debatte zu werfen!