Einblick in einen argentinischen Strafprozess, in dem nicht der Täter, sondern das Opfer patriarchaler Gewalt auf der Anklagebank sitzt. Eine Übersetzung von Sarah H.

In Argentinien erhebt sich eine neue Bewegung von Frauen gegen das patriarchale Justizsystem. Das sehen wir mit den riesigen Demonstrationen von „Ni Una Menos“ (wörtlich: „Nicht eine weniger“), bei denen Abertausende Menschen die Straßen mit ihrer Wut über die allgegenwärtigen „Femizide“ (jegliche Gewalt an Mädchen und Frauen mit Todesfolge) und die Straflosigkeit der Täter hinausschreien: Durchschnittlich wird alle 16 Stunden ein Femizid begangen, alle 16 Stunden sind es ein weiterer Mord und eine weitere Frau weniger. Genauso aber lässt die patriarchale Justiz nicht nur ungezählte Vergewaltiger, Schläger und Mörder straflos, sondern bestraft auch noch unschuldige Frauen mit Verfahren voller Vorurteile, vergrößert ihr Leid und tritt das letzte bisschen Gerechtigkeit und Würde dabei mit Füßen.

So geschieht es momentan auch bei der jungen Frau Victoria Aguirre, deren Mann ihre zweijährige Tochter Selene erschlug, nachdem er sie acht Tage lang in ihrer Wohnung eingesperrt und schon seit langem terrorisiert hatte. In ihrem völlig geschwächten und verletzten Zustand wurde Victoria nicht von der Polizei untersucht, als sie mit dem toten Baby in den Armen ankam; sie war zu verängstigt und verstört nach der Hölle, durch die sie gegangen war, sodass sie nicht gegen ihren Mann aussagen konnte – jetzt ist sie der Mitschuld an dem Mord an ihrer Tochter angeklagt und sitzt seit zweieinhalb Jahren im Gefängnis, immer noch wartend auf ihr Urteil.
Im Moment läuft  in Oberá der Gerichtsprozess zum Femizid an Victoria Aguirre, der am Montag, 3. Juli, die zweite Anhörungssitzung haben wird. Das hier ist eine Chronik des ersten Tages der mündlichen Verhandlungen und im Besonderen der feindseligen Befragung von Victoria Aguirre, der Mutter von Selene, die unrechtmäßig der Tat angeklagt wird.

Die Inquisition
1. Die Staatsanwältin schaut Victoria an und fragt inquisitorisch: „Konntest du nicht das Fensterglas zerschlagen und so entkommen, wenn du doch entführt warst?“ Die junge Frau hebt die verweinten Augen und versucht, vernünftig auf diese Frage am Rande des Absurden zu antworten. Und die Frage ist nicht nur deshalb am Rande des Unvorstellbaren, weil es ihr an jeglichem gesunden Menschenverstand fehlt (das Fensterglas zerschlagen? Durch ein zerschlagenes Fenster fliehen, mit einem kleinen Mädchen, das körperlich und geistig behindert ist?), sondern es mangelt ihr auch an der elementarsten Wahrnehmung rechtlicher Verantwortung in einer Situation von Bedrohung und Gefangennahme. Scheinbar tragen für die Staatsanwältin die Eingesperrten die Schuld, nicht geflohen zu sein, die geschlagenen Frauen, sich nicht getrennt zu haben und die Verbrannten dafür, die Flamme nicht früh genug gelöscht zu haben.
„Aber es ging um deine Tochter! Du hättest das Fenster zerschlagen können!“, tadelt sie die Staatsanwältin und fügt den Vorschriften des Strafgesetzes eine neue Funktion hinzu: bestimmen, was „gemacht würde“, so – im Konjunktiv – der Gipfel der Sinnwidrigkeit.

Das Gericht erhebt keinerlei Einspruch.

Diese Szene spielt sich ab im Prozess, der gerade im Strafgericht 1 in Oberá läuft, wo der Fall von Selene Aguirre verhandelt wird – einem Mädchen mit dem „Fahr“-Syndrom (Verkalkungen im Gehirn), welches trotz dieser Behinderung überlebte, bis zu einem Alter von zweieinhalb Jahren. Dank der Pflege ihrer Mutter, Victoria Aguirre, 24-jährige Magisterstudentin aus einer ArbeiterInnenfamilie, hatte sie sogar einige Fortschritte in der psychomotorischen Entwicklung ihrer Tochter verzeichnet. 2014 lernte Victoria ihren Freund Lovera kennen und zog das erste Mal von Zuhause aus, um mit ihm zusammen zu wohnen. Mit ihm, der sich – nach ihren Worten – in ein „Monster“ verwandelte und das Leben ihrer Tochter beenden sollte. In dem nur einem Monat, in dem sie zusammenlebten, gekrönt von einer Woche des kompletten Terrors voller sexualisierter Gewalt, verlor Victoria das, was sie am meisten liebte. Jetzt sitzt sie jedoch auf der Bank der Angeklagten, und das ist nicht nur unfassbar ungerecht, unwürdig und unzumutbar, sondern reicht auch kaum, die Situation zu beschreiben. Trotz der Illusion, die die formale Kleidung und die zivilen und legalen Rituale der Justizbeamten kreieren, braucht es keine Adleraugen, um zu sehen, das Victoria sich in Wirklichkeit auf dem Schafott befindet und die Heilige Inquisition schon längst ihr Urteil und ihre Strafe kennt.

2. Die Staatsanwältin schaut sie an und fragt vorwurfsvoll: „Konntest du nicht bei den ÄrztInnen der Polizei um Hilfe bitten und ihnen sagen, dass dein Freund sie misshandelt hat?“ Wieder hebt Victoria ihr verweintes Gesicht und erklärt sachlich, dass Lovera sie aus wenigen Metern Entfernung durch ein Fenster beobachtet habe und beschreibt außerdem noch, wie die prekären „Boxen“ des öffentlichen Krankenhauses in Oberá aussehen. „Aber es ging um deine Tochter! Hättest du es trotzdem gesagt!“, ermahnt sie die Staatsanwältin von Neuem, in der selben Zeitform und mit derselben Selbstzuschreibung von Funktionen außerhalb des Gesetzes. Das Gericht erhebt keinerlei Einspruch.

Wir, die die Befragung und diese scharfen Zurechtweisungen mit eigenen Augen sehen, fühlen uns wie in einer verkehrten Welt: Vielleicht ist es ein Verbrechen, Opfer zu sein und keine Bitte nach Hilfe aussprechen zu können? Aber ist diese Verstörung nicht vielleicht Resultat der selben Aktion des Täters? Und davon abgesehen: musste die Polizeiärztin das Wort „Hilfe“ erst hören, um in einem so klaren Fall der Misshandlung einer Minderjährigen Hilfe zu leisten? Und noch wichtiger: ist es nicht schon ein Hilfeschrei, überhaupt zur Polizei zu gehen, in einer solchen Situation der Bedrohung durch die permanente Überwachung Loveras? Für die Staatsanwältin jedoch trägt allem Anschein nach das Opfer selbst die Schuld an seinen Umständen und „hätte mehr tun sollen“, um nicht zum Opfer zu werden. Ein solches Denken geht nicht nur gegen das Prinzip des Opferschutzes, sondern leugnet auch die Ergebnisse zahlreicher Studien zu diesem Thema: Das Gutachten des Psychiaters Oscar Krimer, der morgen in der zweiten Sitzung des Gerichts aussagen wird, zeigt die Grenze zur „tragischen Falle“, wie sie vom Psychoanalysten Fernando Ulloa beschrieben wurde, um den Zustand der Hilflosigkeit zu beschreiben, in dem sich die Subjekte befinden, die von traumatischen Erlebnissen überwältigt sind – ausgelöst durch Menschen, die unrechtmäßig die Macht innehatten. Dieser Befund ist anwendbar auf die Gewalt, die Victoria erlitt, und die – laut dem Experten, der sie befragte – Isolierung, Gefangennahme, körperliche und psychische Strafen, Androhungen des Todes und sexuellen Missbrauch beinhaltete. In der „tragischen Falle“ bringt die Grausamkeit des Täters das Opfer in eine Situation „ohne Ausweg“, in der es sich an keine Dritten wenden kann und seine eigene Subjektivität „amputiert“ erscheint, weshalb es schwierig ist, für irgendetwas was geschieht, zur Verantwortung gezogen zu werden. Für die Staatsanwältin allerdings scheint es nötig, auf der Selbstverantwortung des Opfers zu bestehen, denn nur auf diese Weise kann sie argumentieren, dass Victoria nicht genügend getan hat, um Selene zu retten. Obwohl Victoria – trotz der „Falle“ – viel tat, um Selene zu retten, muss die Staatsanwältin die angeblichen „Optionen“, die die junge Frau gehabt hätte, bis ins Absurde steigern, damit die Justiz die „Henkersrolle“, die sie gegenüber diesem Opfer sexistischer Gewalt einnimmt, rechtfertigen kann.

3. Die Staatsanwältin schaut sie an und fragt weiter: „Konntest du nicht den Arzt im Revier bitten, dich gründlich zu untersuchen, damit er die Schläge sähe, die du hattest?“ Wieder schaut Victoria auf und antwortet ruhig mit einer Gegenfrage: „Waren Sie schon einmal in einem Revier? Wissen Sie, wie sie einen behandeln an einem solchen Ort? Sie schleiften mich und warfen mich in eine dunkle Zelle und der Arzt untersucht mich nicht richtig.“ Die Staatsanwältin lächelt und setzt an zu sagen: „Ich war nie in einem Revier, aber ich hätte gebeten, dass sie mich gut untersuchen…“, wird jedoch unterbrochen von der Maßregelung des verteidigenden Anwalts und das Lächeln verwandelt sich in eine undefinierbare Fratze.

Die Inquisition handelt nicht allein, sie ist Teil eines Apparats, der sich ausbreitet, mit dem Ziel, das Funktionieren des Systems nach außen hin zu erhalten. Die „Agenten der Ordnung“, die Typen, die die Knüppel tragen und Patronen schießen, sind der natürliche Teil dieses Systems. Und das System funktioniert, wie wir wissen, nicht ohne Unterdrückung und Ausbeutung. Warum endet Victoria, eine junge Studentin ohne Vorgeschichte, die sich entschied, alleinerziehende Mutter zu sein und kämpfte, um sich um ihr Kind zu kümmern, im Revier und dann im Knast? Die Antwort ist einfach. Wie Frau Rosa sagen würde: weil sie „schwarz“ ist (Herabwürdigung wegen Klasse und nicht nötigerweise Rasse) und weil sie Mutter ist, heißt, weil sie eine Frau ist. Die Unterdrückungen sollen weiterhin unangefochten sein, die Ausbeutung soll weiterhin Bestand haben und die Staatsmacht soll sich an diesen unterdrückten und ausgebeuteten Teilen der Gesellschaft abreagieren können. Warum war die Staatsanwältin niemals im Revier? Welche Frage. Es reicht, sie zu erlebenn, um es zu wissen. Warum behandelt sie Lovera mit Gefälligkeit? Warum ist der Vergewaltiger Santandrea frei? Warum kam der Frauenmörder Willy Ríos mit einem Willkommenszug in sein Dorf zurück? Warum ist Gruber straffrei?

4. Die Staatsanwältin schaut sie an und fragt inquisitorisch: „Konntest du nicht mit dem Bekannten deines Vaters entkommen, als du ihn im Supermarkt gesehen hast? Wie viele Meter entfernt war er? In welcher Distanz stand Lovera?“ Die junge Frau hebt den Kopf und entgegnet beherrscht: „Wie sollte ich gehen, wenn meine Tochter doch noch im Auto war? Vielleicht hätte ich sie mit ihm alleine lassen sollen?“ Die Antwort entwaffnet die Zurechtweisung, die schon auf den Lippen der Staatsanwältin liegt. (Dieses Mal kann sie nicht sagen: „Aber es ging um deine Tochter! Du hättest entkommen sollen!“). Wir, die wir dem Dialog beiwohnen, applaudieren spontan, zu diesem Sieg von Victoria und allen früheren Siegen von Victoria. Jede einzelne ihrer Antworten hat, mindestens in Teilen, die Strategie der Anschuldigungen entwaffnet. Victoria ist jetzt kein Opfer mehr, sie ist eine Überlebende. Was nicht wenig ist angesichts dieser Inquisition.

Übersetzung aus dem Spanischen:

Conocido periodista misionero también fue espía en la dictadura