Ein Gespräch mit Orhan Deniz Batasul. Batasul ist Aktivist der türkischen Organisation „Dev Genc“ (Revolutionäre Jugend) und wurde am 28. Juni in Dortmund von zwei bewaffneten Männern überfallen und massiv bedroht.

Das Interview erschienen zuerst gekürzt in der Tageszeitung „Junge Welt“ und wurde von unserem Redakteur Kevin Hoffmann geführt.

Laut einer Stellungnahme der Organisation „Dev Genc“ (Revolutionäre Jugend) wurden Sie am Mittwoch von zwei Personen überfallen und bedroht. Was ist genau passiert?

Ich war am besagten Tag gegen 10:45 Uhr auf dem Weg zu unserem Kulturverein „DAYEV“ in Dortmund, als mich zwei Personen in einem Park attackierten. Einer legte von hinten seinen Arm um meinen Hals, der andere schlug von vorne auf mein Gesicht und in meine Magengrube. Als sie mich zu Boden brachten, drückten sie ein Messer an meinen Körper und drohten, mich zu ermorden, sollte ich mich wehren. Sie zogen mich an den Rand des Parks, wo sie mich nach Informationen befragten und von mir Kooperation forderten. Dies sei ihr zweiter „Besuch“, beim dritten Mal würde es schlecht für mich aussehen. Als ich antwortete, dass ich nichts über diese Dinge wisse, drückte einer der Angreifer meinen Genitalbereich und versuchte meinen Gürtel zu öffnen. Ich versuchte mich zur Wehr zu setzen und spuckte ihm ins Gesicht, woraufhin er mit seinem Messer eine Verletzung an meinem Bauch hervorrief. Daraufhin traten die beiden ein weiteres Mal auf mich ein und verließen den Park zügig.

In der Erklärung heißt es, dass Sie durch den Angriff verletzt wurden? Wie geht es Ihnen jetzt?

Ich habe an bestimmten Stellen am Körper Schmerzen aufgrund der Faustschläge und Tritte. Zudem habe ich eine schmerzhafte, mehrere Zentimeter lange Schnittverletzung am Bauch, die ich heute im Krankenhaus behandeln ließ. Mir geht es den Umständen entsprechend gut.

Wen vermuten Sie hinter diesem Angriff?

Vom Aussehen her zu urteilen und aufgrund der Tatsache, dass einer der Angreifer (der zweite hat nicht geredet) auf türkischer Sprache redete, würde ich von türkischstämmigen Faschisten ausgehen. Die Angreifer waren beide breit gebaut und hatten ein ähnliches Erscheinungsbild wie Mitglieder einer Rockergruppe oder ähnliches.

Die Fragen, die mir gestellt wurden, waren jedoch keine gewöhnlichen Fragen. Es waren auch keine gewöhnlichen Polizeifragen. Zudem redete einer der Angreifer von einem „zweiten Mal“. Ich wurde vor einigen Monaten von zwei Beamten des Verfassungsschutzes auf offener Straße angehalten und mit Vornamen angesprochen. Sie erzählten mir von ihrer Kenntnis über meine privaten Probleme, und dass sie mir Hilfe im Gegenzug zu einer Kooperation mit dem Verfassungsschutz bieten würden. Woher wissen die beiden Angreifer vom Mittwoch von dem „ersten Mal“? Ich gehe deshalb von einem koordinierten Angriff des Verfassungsschutzes aus, jedoch halte ich auch eine Beteiligung der türkischen Behörden, wie dem Geheimdienst „MIT“ für möglich, was wiederum eine Kooperation der beiden Behörden nahelegen würde.

In den vergangenen Wochen wurden mehrere Mitglieder Ihrer Organisation von Mitarbeitern des Verfassungsschutz angesprochen. Was ist der Hintergrund dieser Ansprachen?

Wir wissen, dass der Verfassungsschutz uns damit einschüchtern will. Er spricht gezielt Menschen an, bei denen er eine Schwäche (wie z.B. familiäre Probleme) ausfindig machen konnte. Er rechnet sich bei diesen Menschen größere Chancen aus, an Informationen zu kommen bzw. eine Kooperationsbasis zu schaffen, da er diese Personen für verletzlicher und angreifbarer hält. Die Systematik ihrer Ansprechversuche ist immer gleich: Sie kommen aus dem Nichts und nutzen einen Überraschungsmoment, indem sie uns mit Vornamen ansprechen. Anschließend erwähnen sie ein Problem, das wir im Privatleben haben. Diese Vorgehensweise soll einschüchtern, da man nicht einschätzen kann, wie viel diese Personen wissen und zu was sie fähig sind. Der Angriff vom Mittwoch hatte hierbei jedoch eine neue Qualität erreicht.

Wir sind revolutionäre Jugendliche. Jegliche politische Arbeit, die wir betreiben, ist öffentlich nachzusehen. Wir machen unsere Arbeit auch selbst öffentlich. Wir setzen uns seit Jahren gegen Rassismus, Imperialismus und den Faschismus in der Türkei ein. Wir organisieren Veranstaltungen, bei denen Jugendliche aus allen Schichten eine Plattform für die gemeinsame Lösung ihrer Probleme finden. Wir haben vor allem die „NSU“- Thematik hautnah mitverfolgt, haben Angehörige der Opfer besucht, sie interviewt, die Gerichtsverhandlungen besucht und darüber berichtet. Wir konnten dadurch vielen Menschen plausibel erklären, dass die BRD Täterin war, dass Rassismus staatlich gefördert wird, um die Menschen leichter regieren zu können. Die Behörden versuchen, diese politische Arbeit zu verhindern, indem sie uns auf verschiedenen Wegen einzuschüchtern versuchen. Nicht umsonst stehen wir auch schon seit Jahren in den Verfassungsschutzberichten vom Bund und diversen Ländern wie Hamburg und NRW.

Erwarten Sie oder Ihre Organisation weitere Repressionen von den Behörden oder faschistischen türkischen Kräften in Deutschland?

Ja. Wir wissen schon länger, dass konsequente, antikapitalistische und antifaschistische Arbeit auch in Deutschland ein Dorn im Auge der Herrschenden ist. Mit dem Paragraphen 129b StGB werden regelmäßig Revolutionäre in Deutschland vor Gericht gestellt und ohne jegliche Beweise zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Diese Menschen, wie z.B. Yusuf Tas, Sonnur Demiray, Musa Asoglu und Muzaffer Dogan, betrieben politische Arbeit, die heute auch von uns betrieben wird. Es kann also jederzeit passieren, dass ich oder eine/r meiner GenossInnen demnächst verhaftet werden und wir zum Beispiel nach Paragraph 129b StGB vor Gericht gestellt werden. Dass wir vom Verfassungsschutz angesprochen werden, ständig in ihren Berichten aufgeführt werden, oder wie zuletzt am Mittwoch bewaffnet überfallen werden, zeigt uns ganz deutlich, dass sich die Behörden intensiv mit uns beschäftigen, während der MIT mit seinen ca. 3000 Informanten und Agenten (laut Bundesanwaltschaft) frei herumläuft und sich dutzende Neonazis im Untergrund bewaffnen. Selbst Mordanschläge sind nicht auszuschließen. Ich hätte am vergangenen Mittwoch auch sterben können.