Perspektive Online hat mit der Diplom-Pädagogin Rojda ein ausführliches Interview zum Thema „Asylverfahren in Deutschland“ geführt. Rojda hat uns ihren Arbeitsalltag in ihrer Einrichtung näher beschrieben und erläutert, wie Menschen mit Fluchterfahrung in den Arbeitsmarkt integriert werden und gegen die Bürokratie kämpfen. – Teil I

Rojda räumt auch mit den gängigen Vorurteilen auf, Flüchtlinge würden in Deutschland mehr Geld vom Sozialstaat bekommen als EmpfängerInnen von Hartz IV. Das Interview wird in zwei Teilen veröffentlicht.

In was für einer Einrichtung arbeitest du?

Ich arbeite in einer Sozialeinrichtung eines freien Trägers im Norden von NRW. Wir sind kein großer Verbund wie das „Deutsche Rote Kreuz“ oder die „Johanniter“, sondern ein eigenständiger, gemeinnütziger Verein. Ursprünglich haben wir mit einer Schwangerschaftskonfliktberatung begonnen, bieten aber seit dem Jahre 2015 Flüchtlingsberatung an.

Wie wird deine dortige Arbeit finanziert?

Als Diplom-Pädagogin erhalte ich in unserer Stadt das Geld vom Bürgermeister. Dieser ist recht fortschrittlich und forderte während der Ankunft vieler hunderter Flüchtlinge, dass diese unbedingt in eigenen Wohnungen und Wohngemeinschaften untergebracht werden sollten. Es ist besser, WGs als große Heime zu belegen. Die Stadt mietet die Wohnungen an und die Flüchtlinge werden dann von uns alle zwei Wochen betreut. Unsere Einrichtung hat ein „Welcome-Projekt“ ins Leben gerufen, bei dem Alleinreisende betreut werden.

Wie lange bist du dort schon beschäftigt und wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Seit Oktober 2016 arbeite ich dort. Der Alltag ist sehr vielfältig. Ich arbeite im Bereich der Arbeitsmarktintegration und der Flüchtlingsbetreuung. Das bedeutet, dass die Menschen nach ihrer Ankunft in unserer Stadt quasi direkt zu mir kommen und wir uns darum kümmern, ihnen so schnell wie möglich eine Arbeitsstelle zu besorgen. Das Sozialamt ist dabei für uns der Auftraggeber, und die Menschen werden dort von einem mehrsprachigen Team empfangen. Ich helfe den Menschen, mit dem Sozialamt oder dem Jobcenter zu kommunizieren. Zum Beispiel versende ich Unterlagen an verschiedene Ämter, weil diese oft in anderen Städten liegen. Auch schlichte ich bei Streitigkeiten in den WGs, bin moralische Unterstützung beim Asylverfahren, helfe bei der Wohnungssuche, oder mache mögliche Arbeitgeber ausfindig, helfe beim Schreiben von Bewerbungen und übe mit ihnen Bewerbungsgespräche.

Ich vereinbare Arzt-Termine oder den Kontakt zu Sprachkursen und ÜbersetzerInnen. Auch müssen die Abschlüsse von AkademikerInnen anerkannt werden, oder ich informiere die Menschen über das System des Arbeitsmarktes, der Schulen oder der allgemeinen deutschen Bürokratie. Wenn ein Flüchtling zu mir kommt, dann führe ich mit ihm ein Interview, um heraus zu finden, welche Stärken er hat und welche schulischen Voraussetzungen er mitbringt. Ausgehend von diesen Stammdaten erfolgt dann die Arbeitsmarkt-Iintegration. Diese intensive Beschäftigung mit den Menschen ist sehr untypisch für die Flüchtlingshilfe und daher sehr fortschrittlich. Ich kenne keine andere Stelle, die so ist, da große Träger viel „wirtschaftlicher“ arbeiten. Bei uns stehen die Menschen im Mittelpunkt. Frei nach dem Motto: „Nicht: was müssen wir machen, sondern: was können wir machen?“. Aber unsere Arbeit steht und fällt mit dem Engagement des Bürgermeisters.

Die Flüchtlinge, mit denen du zusammen arbeitest – aus welchen Ländern kommen die Menschen?

Hauptsächlich aus Syrien und dem Irak. Auch sind Menschen bei uns aus Eritrea, dem Iran, viele Familien aus dem Balkan, Afghanistan und Kurden. Aber für die Arbeitsmarktintegration betreue ich meistens nur Alleinreisende.

Erzähle doch bitte die Geschichte eines Menschen, den du betreut hast und der dir im Gedächtnis hängen geblieben ist.

Einer der ersten Menschen, den ich betreut habe: Er war ein 23-jähriger Syrer aus Damaskus. Ein sehr selbstständiger junger Mann, der aber trotzdem ein wenig Hilfe brauchte. Er hatte in Damaskus Elektrotechnik studiert, musste aber sein Studium abbrechen. Er selbst fand die Integrationskurse hier in Deutschland so schlecht, dass er eigenständig Deutsch gelernt hat. Nun ist er an einer Technischen Hochschule und in einem studienbezogenen Sprachkurs für Geflüchtete. Seine Chancen stehen sehr gut an dieser TH, auch weiter zu studieren. Ich habe ihm dabei geholfen, ein Praktikum in der Industrie zu finden, und er ist aus seiner ehemaligen WG ausgezogen und bewohnt nun eine eigene Wohnung. Er ist sehr motiviert und engagiert.