Kommentar zur Verfilmung von Dave Eggers‘ Roman „The Circle“ – von Thomas Stark

Bringt Facebook die Vollendung der Pressefreiheit? Denn immerhin kann dort jeder seine Meinung veröffentlichen, ohne dass er eine Druckerei oder einen Fernsehsender besitzen muss? Sind Regierungen durch das Internet besser zu kontrollieren? Oder bringt die digitale Revolution in Wahrheit das Ende jeder Privatsphäre?

Diese und ähnliche Fragen bilden den realen Hintergrund von „The Circle“, dem Bestseller-Roman von 2013 über eine Welt der totalen Transparenz, dessen Verfilmung seit dem 7. September in deutschen Kinos läuft.

Darin beginnt Hauptfigur Mae Holland (Emma Watson) ihren heiß ersehnten Job bei der gleichnamigen Firma „Circle“, einem Technologiegiganten, der in etwa die heutigen Geschäftsfelder von Apple, Amazon, Google und Facebook beherrscht: Benötigte man früher für Email, Einkauf und soziale Medien mehrere Accounts von verschiedenen Anbietern, läuft in der Filmwelt jetzt alles zentral über „TruYou“, den Circle-Account. Und der Aufstieg des Internetmonopols fängt hier erst an: Zu Beginn des Films preist der charismatische Eamon Bailey (Tom Hanks), Co-Chef des Unternehmens, im Firmentheater vor seinen Angestellten bei einer Präsentation im Steve Jobs-Stil die neueste technische Errungenschaft aus eigener Produktion an: Eine hochauflösende Minikamera namens „SeeChange“ – mit endloser Akkulaufzeit zu günstigem Preis. Jeder soll diese Kameras erwerben und an jedem beliebigen Ort anbringen können. Und jeder kann die Aufnahmen im Internet verfolgen: Nach Bailey eine flächendeckende Überwachung von unten,  die es Terroristen oder tyrannischen Staaten unmöglich machen soll, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit Böses zu tun.

Doch der Circle-Philosophie geht es um viel mehr: Jeder soll Alles wissen. Geheimnisse sollen vollständig ausgemerzt werden. Alles, was auf der Welt passiert, soll in den Datenspeichern der Firma landen. Das fängt bei den eigenen Beschäftigten an, die dazu angehalten sind – ganz freiwillig natürlich – auch ihre Freizeit auf dem Firmencampus z.B. bei hippen Musikevents zu verbringen, ihre Gesundheit 24 Stunden am Tag durch ein digitales Armband checken zu lassen, sich mit anderen „Circlern“, die dieselben Hobbys und Probleme teilen, zu vernetzen, und vor allem: All ihre Aktivitäten in den sozialen Medien zu dokumentieren – denn: „Sharing is caring“ („Teilen heißt kümmern“) und „Secrets are lies“ („Geheimnisse sind Lügen“). Im Gegenzug gibt es Annehmlichkeiten wie die Rundum-Krankenversicherung, die das Circle-Unternehmen großzügigerweise auf Mae‘s an Multipler Sklerose erkrankten Vater ausweitet – Kameras im elterlichen Haus inklusive.

Die „Vollendung“ des Circle geschieht schließlich durch die schleichende Übernahme des Staates: Mit 24 Stunden transparenten Politikern und dem Wählen über „TruYou“ … Doch wir wollen nicht das Ende des Films verraten.

Roman und Film greifen aktuelle Entwicklungen in der „digitalisierten Gesellschaft“ auf, zeichnen diese ins Extreme und entwerfen damit eine Dystopie, d.h. das Bild einer düsteren Zukunft. Zu diesen Entwicklungen gehört nicht nur das kapitalistische Monopol, das auf der Grundlage seiner Herrschaft über den Markt danach drängt, auch die Politik und alle gesellschaftlichen Bereiche zu unterwerfen – das in Wahrheit aber schon lange vor dem digitalen Zeitalter zur Realität wurde, wenn auch nicht in der überzeichneten Gestalt einer einzelnen Schurken-Firma …

Dazu gehört auch die Aufhebung der Trennung zwischen Arbeit und Privatleben unter ausbeuterischen Bedingungen: Die Firma wird zur vermeintlichen Event-Location oder zur pseudo-philosophischen Bewegung, die Beschäftigten werden zu feiernden Jüngern oder ausgebrannten KarrieristInnen (wie Mae‘s ständig umherreisende Freundin Annie, der sie ihren Job verdankt) – nicht nur im kalifornischen Silicon Valley oder in Seattle bei Amazon gibt es diese „Kultur“ schon heute.

Vor allem aber gehört dazu das Geschäftsmodell, für das Techno-Monopole wie „Alphabet“ (Google) und Facebook heute stehen: Alles ist umsonst, der Kunde ist die Ware. Daten sind das neue Gold oder Öl. Wozu noch den Staat wie bei Orwells „1984“ die Bürger zwangsweise zu Hause überwachen lassen, wenn man sie dazu bringen kann, ihre Daten freiwillig und mit Freude selbst bereitzustellen? In Roman und Film nimmt diese Freigiebigkeit und Aufgabe von Privatsphäre dann extreme Züge an …

Eine Perspektive können wir von „The Circle“ nicht erwarten – ebenso wenig wie von den heutigen Tech-Konzernen und ihren Produkten: Google, Facebook und Amazon haben nicht das Monopol über den Informations- und Unterhaltungsmarkt abgeschafft, sondern reißen dieses heute Stück für Stück an sich. Regierungen und staatliche Behörden stehen heute nicht unter der digitalen Kontrolle der Bevölkerung, sondern nutzen die Möglichkeiten des Internets selbst für den Informationskrieg (Link). Soziale Medien können kein freier und demokratischer Sektor sein, solange Facebook die Server gehören. Wenn uns die Idee einer düsteren Zukunft also nicht gefällt, sollten wir daran etwas ändern.