Reportage über die Lehrer-Proteste in Peru – von Marcela Ramirez

Perus LehrerInnen befinden sich im Streik, seit fast zwei Monaten nun. Die Luft auf den Straßen der Hauptstadt Lima wird immer dünner, je länger sie dort protestieren und je stärker dabei die Polizeirepression wird. Die LehrerInnen sind allgegenwärtig, allein schon, weil sie bei jedem Gang in die Innenstadt zu sehen sind: bei Tag demonstrierend, am Abend auf der Suche nach einer Herberge und nachts schlafend auf der Plaza San Martín, wenn kein Dach zum Übernachten mehr gefunden wurde.

Hunderte LehrerInnen sind angereist aus den südlichen Provinzen des Landes, besonders aus Cuzco, wo die Streikbewegung am 15. Juni entsprang. Sie stehen auf den Straßen und geben ihr letztes Geld für einen Schlafplatz in Lima, weil sie eines wissen: viel haben sie eh nicht zu verlieren.

Die LehrerInnnen fordern höhere Löhne – Löhne, von denen sich leben lässt, von denen sich arbeiten und lehren lässt. Im Moment verdient die durchschnittliche Lehrkraft in Peru wenig mehr als 600 Dollar. Die Wochenstunden wurden jetzt um zwei Stunden erhöht ohne den Hauch einer Gehaltserhöhung. Noch dazu sollen die LehrerInnen Prüfungen unterzogen werden, die mit großer Wahrscheinlichkeit zu massenhaften Entlassungen unter den 79% der LehrerInnen, die keine sichere feste Anstellung haben, führen werden, wie das im letzten Jahr bei der Einführung einer solchen Regelung in Mexiko genau so passiert ist.

Während das peruanische Bildungssystem vor einem Kollaps steht, sieht die Regierung sich letztendlich doch noch gezwungen, auf die Streikenden zuzugehen: In Cusco wurden nach einem Monat der Arbeitsverweigerung Verhandlungen mit den GewerkschaftsführerInnen aufgenommen in der Hoffnung, die wütende Masse damit beruhigen und endlich wieder hinter ihre Pulte bewegen zu können: 238.000 der 360.000 streikenden LehrerInnen. Über 60% kämpfen jedoch immer noch weiter.

Es scheint, als würde die Lehrergewerkschaft „SUTEP“ einen Großteil der LehrerInnenschaft nicht mehr vertreten. Diese will sich nicht damit abfinden, dass die Bildung seiner Jugend dem peruanischen Staat nur 3,8% seines BIPs wert ist. Das ist sogar weniger als in Bolivien, Kolumbien oder Chile, deren massive StudentInnenproteste gegen das marode privatisierte Bildungssystem erst in den letzten Monaten für Medienberichte sorgten.

Doch das Zuckerbrot der diplomatischen kleinen Zugeständnisse an den Tischen der GewerkschafterInnen hat bei den Protestierenden wenig Eindruck hinterlassen. Da sich die kämpferische Stimmung so hartnäckig hält, holt die Regierung inzwischen die Peitsche heraus: die Eskalationen der Polizeigewalt werden immer brutaler. Einen traurigen Höhepunkt fanden sie am 16.8. im völlig überzogenen Einsatz von Wasserwerfern, Tränengas und Massen an Knüppeln, mit dem die Reihen der LehrerInnen, die ihr Recht auf eine würdige Arbeit einforderten, auseinander getrieben wurden – ohne Rücksicht auf etwaige Verluste.

Die „Terroristen“ sind dabei laut Innenminister Carlos Basembrío eindeutig die LehrerInnen – „Terroristen“, weil die Proteste der LehrerInnen seit Langem mehr von der politischen Gruppierung „MOVADEF“ (Bewegung für Amnestie und Grundrechte) getragen werden, der Verbindungen zu einem Teil der „Kommunistischen Partei Perus“ nachgesagt werden.

Aus Sicht des Inneninisteriums sind alle, die mit dieser Organisation zusammenarbeiten, die sie in diesem Kampf unterstützen, für ihre Rechte und ihr Leben kämpfen, „Terroristen“.

Peru ist derweil bei Weitem nicht das einzige Land, in dem die Bildung zu einem immer gefährlicheren Geschäft wird:

Auch in Argentinien streiken die LehrerInnen schon das ganze Jahr über immer wieder gegen die miserablen Löhne, die ihnen noch gegönnt werden, und die seit Jahren schlechter werdende öffentliche Bildung im Allgemeinen, die mangels Investitionen einen öffentlichen Schulabschluss scheinbar parallel zu ihrer Währung im Wert immer weiter in den Keller gehen lässt. Das letzte Mal füllten sie die Straßen von Buenos Aires am 11.7. dieses Jahres und weitere Streiks sind angekündigt, um „gegen die Verzögerungstaktitk der Regierung“ vorzugehen, so der Vorsitzende der LehrerInnengewerkschaft dort.

In Kolumbien begannen die LehrerInnen am 11. Mai ihre Streiks und brachten durch die breite Solidarität über 60.000 Menschen auf die Straße. Paramilitärs dürften dabei verantwortlich gewesen sein für die tragischen Tode von drei LehrerInnen und das spurlose Verschwinden einer weiteren Lehrkraft.

Das Traurigste ist, dass sämtliche Forderungen, die die LehrerInnen stellten, frühere, gebrochene Versprechungen der Regierung waren.

Die brutalsten Eskalationen jedoch geschahen letztes Jahr in Mexiko bei den Demonstrationen gegen die Bildungsreform, die weite Teile der Bildung privatisieren will!

Wir sehen, dass die neoliberale Bildungspolitik in den meisten Ländern Lateinamerikas tiefe Spuren hinterlässt: Die Bildungssysteme sind marode, sie verfaulen geradezu. Statt endlich Geld in die Schulen zu stecken, investiert die Politik weiterhin in Waffen und Polizei, um ihre darbenden Angestellten zum Schweigen zu bringen.