Ein Interview mit Ferhat vom „Kurdistan Solidaritätskomitee Freiburg“ über praktische Solidarität – von Pa Shan

Ferhat, was war der Anlass für die heutige Demo in Freiburg?

In erster Linie ging es um die Angriffe der türkischen Besatzungsmacht gegen Afrin im nordsyrischen Rojava. Gegen diese wollten wir unseren Protest in die Öffentlichkeit tragen. Wir konnten damit viele solidarische Organisationen erreichen, die heute mit uns gemeinsam protestiert haben.

Schade fand ich nur, dass zumindest in Freiburg fast keine türkischen Menschen ihre Solidarität durch ihre Teilnahme gezeigt haben. Ich bin mir sicher, dass es viele TürkInnen gibt, die auch gegen diesen Krieg sind. Die, die hier leben und einen besseren Überblick haben als die in der Türkei, wissen, dass dieser Krieg nichts Gutes ist. Es wäre gut gewesen, wenn sie heute an dieser Demo teilgenommen hätten.

Auf der Demo wurde in einer Rede erwähnt, dass die deutschen Medien über die Angriffe auf Afrin nicht korrekt berichtet hätten. Kannst du das kommentieren?

Die Situation in der Türkei ist den deutschen Medien und der Bundesregierung bekannt. Trotzdem übernehmen sie die Berichterstattung aus der Türkei fast eins zu eins. Das ist meiner Meinung nach nicht korrekt. Wir haben also auch in Deutschland keine neutrale Berichterstattung.
Man konnte in live-Berichten der ARD sogar türkische Leopard-Panzer aus deutscher Produktion sehen. Aber die Bundesregierung meinte, es gäbe keine Erkenntnisse darüber, dass deutsche Panzer in der türkischen Offensive gegen Afrin verwendet werden. Solche Verdrehungen sollten ein Ende finden. Es sind offensichtliche Manipulationen der Bevölkerung. Die Bundesregierung sollte da ihre Perspektive ändern.

Hängt die pro-türkische Haltung der Bundesregierung womöglich auch damit zusammen, dass gerade sie massiv Panzer in die Türkei und diverse andere Länder exportiert hat?

Wenn die Bundesregierung anerkennt, dass der Export deutscher Panzer für den Krieg gegen Afrin schlecht ist, sollte sie den Export von Panzern stoppen. Die Türkei ist natürlich ein NATO-Partner. Aber deswegen können doch die Rechte der Kurden nicht Stück für Stück beseitigt werden.
Als 2016 kurdische Gebiete in der Türkei von Erdogans Kampfjets bombardiert wurden, haben wir eine Demo durchgeführt, auf der „Mörder Erdogan“ skandiert wurde. Die deutsche Polizei trug uns auf, diese Rufe zu unterlassen. Das lässt sich als Unterstützung des Despoten Erdogan interpretieren.
Auch gibt es intensive Angriffe auf unsere Symbole. Obwohl es dafür keine Rechtsgrundlage gibt, versuchen Ordnungsamt und Staatsanwaltschaft, Symbole des kurdischen Freiheitskampfs zu verbieten.

Die Verbote werden damit begründet, dass die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) oder die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) terroristisch seien, wie Erdogan es behauptet?

Ja, sie haben auch das Bild des kurdischen Anführers Abdullah Öcalan verboten. Seit etwa 100 Jahren wird das kurdische Volk immer wieder bekämpft.
Die absurde Behauptung, dass der Widerstand gegen solche Angriffe terroristisch sei, verurteilen wir aufs Schärfste. Man darf doch nicht aufgrund wirtschaftlicher Interessen ein ganzes Volk illegalisieren oder kriminalisieren.

Demokratische Strukturen und Teilhabe hat man uns bis jetzt zwar nicht geboten. Aber wir werden uns diese holen. Dass dieses Vorhaben auch in Deutschland kriminalisiert wird, erschwert unsere Arbeit natürlich. Aber wir sind entschlossen. Selbst, wenn wir diese Rechte nicht für uns erkämpfen können, sollen zumindest unsere Kinder ein friedliches Leben führen können.

Wie können Menschen den kurdischen Freiheitskampf in Deutschland unterstützen?

Man kann sich auf politischer Ebene engagieren. Man könnte gegenüber der deutschen Gesetzgebung einfordern, die genannten Verbote zu beenden. Ansonsten kann man auch selbst Aktionen durchführen, die das Morden in Kurdistan zur Sprache bringen oder verhindern helfen.

Es gab z.B. eine Plakataktion gegen die die LITEF GmbH. Das ist eine Rüstungsfirma in Freiburg, die Teile für den Leopard 2-Panzer produziert. Als ich von der Aktion gelesen habe, war das für mich ein Zeichen, dass wir mit unserem Widerstand nicht alleine sind.

Man sollte sich bewusst machen, dass man durch solche Panzerverkäufe den Tod hunderter von Menschen in Kauf nimmt. Seit acht Tagen wird Afrin mit deutschen Panzern und mit Kampfjets attackiert. Kampfjets machen keinen Unterschied zwischen Kämpfern und Nicht-Kämpfern, Kindern und Alten. Das muss sofort aufhören.

Welche Perspektive gibt es für ein Ende des Krieges?

Die türkische Regierung hat sich dafür eingesetzt, dass die Kurden nicht am Verhandlungstisch für eine friedliche Lösung des Konflikts in Syrien teilnehmen konnten. Das hat man in Astana gesehen. Jetzt wiederholt sich das in Sotchi. Die Leute, die sich jetzt mit der Türkei arrangieren, sind selbst Kriegsparteien im Konflikt.

Wir wollen kein Land von der Türkei, von Syrien, vom Irak oder Iran haben. Wir haben ein eigenes Territorium. Wir wollen uns in nicht erster Linie abtrennen. Wir sehen, dass Grenzen nicht gut sind. Die Menschheit hat ihretwegen seit zehntausend Jahren genug Blut vergossen.

Wir können ein friedliches Leben miteinander führen. Das geht durch gegenseitigen Respekt vor der jeweiligen Kultur, Ethnie, Sprache und Bildung. Daher versuchen wir, in Rojava Strukturen aufzubauen, die Teilnahme für jeden, unabhängig von wirtschaftlichen oder kulturellen Hintergründen, ermöglichen.