Was haben ein migrantischer Bauarbeiter, ein deutscher Pfleger oder eine fein angezogene Büroangestellte gemeinsam? Auf den ersten Blick scheinen die Berufe und ihre Tätigkeiten wenig miteinander zu tun zu haben. – Ein Kommentar von Yusuf Özkan

Was diese und die allermeisten der rund 44 Millionen erwerbstätigen Menschen in Deutschland allerdings doch verbindet, ist die Tatsache, dass wir alle arbeiten gehen müssen. Wir sind diejenigen, die Dienstleistungen erbringen und Waren produzieren – den Reichtum in diesem Land schaffen. Wir sind ArbeiterInnen!

„ArbeiterIn? Ich doch nicht…“

Viele Menschen verstehen sich heute nicht als „Arbeiter“ oder „Arbeiterin“. „ArbeiterIn“ wird oft in unserem Kopf mit Fabrik und rußigen Händen verbunden. Wenn man sich fragt, wie man eine/n ArbeiterIn definieren kann, dann sollte man aber nicht in Schubladen denken. Konkret: nicht nur HandwerkerInnen, also Menschen im „Blaumann“, sind ArbeiterInnen, sondern auch die über 18 Millionen BüroarbeiterInnen, die fast die Hälfte aller Beschäftigten darstellen. Auch sie könnten nicht überleben, wenn sie nicht ihre Arbeitskraft verkaufen würden.

Angestellte im Büro, im Einzelhandel, MechanikerInnen in einer Werkstatt, aber auch am Fließband bei der Fahrzeugherstellung – sie alle gehören zu der ArbeiterInnenklasse und haben deshalb oft dieselben Probleme.

Jeder kennt es…

ArbeiterInnen dürfen den Arbeitsprozess in keiner Weise aufhalten. Wir müssen funktionieren und produzieren. Ob es Denkarbeit am Schreibtisch ist oder am Fließband bei Ford, uns wird gelehrt, dass wir alle ersetzbar wären.

Deshalb ist auch die Existenzangst etwas, was wir ArbeiterInnen alle gemeinsam haben. Uns wird gesagt, dass man sich heutzutage über eine „Festanstellung“ richtig freuen solle. Leider wird dieser schlechte Witz bittere Realität, wenn man sich die Entwicklungen im Leiharbeitssektor anschaut.
Millionen von Menschen sind in prekären Arbeitsverhältnissen untergebracht. In diesem Zusammenhang heißt es für viele: Perspektivlosigkeit statt Lebensqualität und eine sichere Zukunft.

Wir haben einen gemeinsamen Gegner

Alle ArbeiterInnen eint, dass wir keine Produktionsmittel – also keine Fabriken, Büros oder Äcker – haben. Weder bringen wir Arbeitsmittel mit in die Firma, noch nehmen wir welche mit nach Hause. Wir betreten unseren Arbeitsplatz lediglich mit unserem Geist, Körper und unserer Arbeitskleidung. Alles, was wir in unserer Arbeitszeit schaffen, bleibt im Besitz unserer Chefs, Vorgesetzten und wie sie noch so heißen mögen. Deshalb haben wir auch einen gemeinsamen Gegner.
Denn die Chefs und Bosse haben das Ziel, mehr Profit zu machen, um noch mehr zu produzieren. So wollen sie in der Konkurrenz bestehen. Für uns bedeutet das jedoch: länger und härter zu arbeiten, zu oft weniger Lohn.

Viel zu oft sehen wir die Unterschiede

Obwohl wir eigentlich Vieles gemeinsam haben, herrschen unter den Arbeitenden selbst oft Vorurteile:

So sehen beispielsweise manche aus dem Handwerk die Menschen im Büro als „Taugenichtse“ an. Umgekehrt wird die Arbeit der Handwerker oft als minderwertig betrachtet. Dabei benötigt die Gesellschaft beide Tätigkeiten, sie benötigt sowohl Kopf- als auch Handarbeit.

Ebenso gibt es Vorurteile gegenüber Arbeitslosen. Sie seien faul. Das milliardenschwere Konzerne wie Siemens aber gerne mal tausende Arbeitsplätze streichen, obwohl sie mächtig Gewinn scheffeln, vergessen hier viele.

Die Vorurteile gehen so weit, dass teilweise ArbeiterInnen aus der Stammbelegschaft ihre KollegInnen, die in Leiharbeitsfirmen beschäftigt sind, wie Menschen zweiter Klasse behandeln. Dabei arbeiten diese gleich viel, bekommen aber deutlich weniger Geld.

Frauen werden im Bezug auf Arbeit oft als „unfähig“ deklariert. Gleichzeitig verdienen Sie für die gleiche Tätigkeit weniger Geld. Zuhause dürfen viele dann auch noch den Haushalt schmeißen. Aber mit welcher Begründung? Frauen und Männer sind doch gleichberechtigte Menschen.

Auch Deutsche und MigrantInnen grenzen sich oft gegeneinander ab. MigrantInnen werden immer wieder mit dem Gedanken, „den Deutschen die Arbeit wegzunehmen“, konfrontiert. Dabei haben viele MigrantInnen oft überhaupt keine Arbeitsberechtigung, und wenn doch, erledigen sie oft die Jobs, die Deutsche nicht gern machen.

Eine/n Arbeiter/in zeichnet weder ihre/seine „Uniform“, Herkunft, noch das Geschlecht aus. Wir müssen den verschiedenen Versuchen, uns zu spalten, widerstehen und uns auf unsere Gemeinsamkeiten besinnen.