Was steckt hinter dem Hype um das Krypto-Geld? – Eine Einschätzung von Thomas Stark

Das „Krypto-Blutbad“ beherrschte Mitte Januar die Schlagzeilen in der internationalen Wirtschaftspresse. Der Kurs der digitalen Währung „Bitcoin“ war innerhalb von zwei Tagen um ein Drittel nach unten gestürzt. Ähnlich erging es den Konkurrenten „Ethereum“ und „Ripple“. Doch schon nach wenigen Tagen erholten sich die Kurse und Bitcoins legten erneut um zwanzig Prozent zu.

Der Bitcoin wird nicht erst seit diesen dramatischen Kursschwankungen und nicht nur in der Finanzwelt heftig diskutiert: Eine Währung, die nichts weiter zu sein scheint als ein paar Nullen und Einsen auf Computern – und deren Preis von 450 Dollar Anfang 2016 auf 20.000 Dollar im Dezember 2017 kletterte. Ein Geld, das gleichzeitig von Aktivisten als Alternative zum Weltfinanzsystem gepriesen wird, wie z.B. in recht forderndem Ton von einer Bitcoin-Initiative von Ladenbesitzern in Berlin-Kreuzberg: „Jeden Tag, den wir uns entscheiden, keine befreite und alternative Währung wie Bitcoin zu benutzen, entscheiden wir uns dafür, ein obsoletes, unfähiges und unfaires Finanzsystem einen weiteren Tag zu unterstützen.“ Eine Art Geld mit „Bio“-Siegel also, mit dem man die Welt retten und dabei mit etwas Glück sogar noch reich werden kann?

Was sind Bitcoins?

Die Entstehung der Bitcoins bot von Anfang an reichlich Raum für Spekulationen und Legendenbildung. 2008 veröffentlichte ein gewisser Satoshi Nakamoto – von dem bis heute niemand weiß, wer das ist und ob es ihn tatsächlich gibt – einen Fachartikel auf einer Mailing-Liste über Kryptographie. Darin erklärte er das Konzept eines neuen elektronischen Geldsystems, in dem Überweisungen von einem Netzwerk gleichberechtigter Computer („peer to peer“) durchgeführt werden, das also ohne eine zentrale Abwicklungsstelle wie eine Bank auskommt.

Die Idee ist, dass die Aufzeichnungen über alle Geldtransaktionen von allen Rechnern im Netzwerk gespeichert und damit kontrolliert werden. Dadurch soll die Fälschungssicherheit von Bitcoin-Überweisungen gewährleistet werden. Um einen neuen Datenblock mit Transaktionen in die gemeinsame Datenbank (quasi das „Geschäftsbuch“) zu schreiben, müssen die Computer im Netz eine komplizierte Rechenaufgabe lösen. Der Rechner, dem dies als erstes gelingt, schreibt den Datenblock und erhält im Gegenzug eine festgelegte Menge an Bitcoins, die dann über spezielle Online-Börsen auch gegen traditionelles Geld gehandelt werden können. Dieser Herstellungsprozess wird „Mining“ genannt, wobei der Name an das Schürfen von Gold erinnern soll.

Die Technik der dezentralen Datenbank heißt „Blockchain“. Die Rate der beim Mining ausgegebenen Bitcoins wird immer wieder halbiert und die maximale Menge an erzeugbaren Bitcoins ist unveränderlich auf 21 Millionen Einheiten begrenzt, was nach Auffassung der Erfinder des Systems einen wirksamen Schutz vor Inflation bieten soll.

Spekulationsblase

Die Idee von der sauberen und fairen Alternative zu Zentralbankgeld und Finanzsystem entpuppt sich beim näheren Hinsehen jedoch als ein ebensolcher Mythos wie die Story um den geheimnisvollen Erfinder. Bereits lange vor dem Boomjahr 2017 sind Investoren der Wall Street und des Silicon Valley auf das Bitcoin-Projekt aufgesprungen, dessen Entwicklung seit 2012 von der Non Profit-Organisation „Bitcoin Foundation“ geleitet wird.

Insbesondere die von Aktivisten hervorgehobene Tatsache, dass im Gegensatz zum offiziellen Geld keine staatliche Stelle wie eine Zentralbank in das System involviert ist, dürfte die Spekulation mit Bitcoins anheizen. Als (über die Rechenprozesse von Computeranlagen vermitteltes) Produkt menschlicher Arbeit besitzen Bitcoins zwar tatsächlich realen Wert. Im Gegensatz zum Zentralbankgeld gibt es jedoch von vornherein keine staatlich verbriefte Garantie, dass erworbene Bitcoins auch wieder zurückgetauscht werden können. Im Zweifel bleibt der Bitcoin-Käufer also auf seinen Nullen und Einsen sitzen. Das macht die Investition in Bitcoins hochriskant, treibt die Renditen nach oben und zieht brachliegendes Geldkapital an.

Neben dem direkten Handel mit Bitcoins und den Produkten alternativer Anbieter gibt es längst auch das Geschäft mit Derivaten: Das sind Finanzprodukte, mit deren Kauf man quasi eine Wette auf die künftige Kursentwicklung abschließt. Die abenteuerlichen Kursschwankungen zu Beginn dieses Jahres sind möglicherweise also nur ein Vorgeschmack auf die Auswirkungen dieser Spekulationsblase – unabhängig davon, ob der Kurssturz im Januar nun wirklich am chinesischen Neujahrsfest, Ankündigungen einer strengeren Regulierung der Digitalwährungen in Asien oder gar kriminellen Aktivitäten lag.

Energieverbrauch und Monopolisierung

Die dezentrale Struktur des Systems bedeutet keineswegs, dass jeder Nutzer auf seinem Heimrechner Bitcoins schürfen könnte. Die Komplexität der zu lösenden Rechenaufgaben macht vielmehr Großrechenanlagen erforderlich und kostet äußerst viel Strom. Nach einem Bericht des österreichischen „Standard“ aus dem November 2017 liegt der jährliche Energieverbrauch des gesamten weltweiten Bitcoin-Minings mit 29,05 Terawattstunden (TWh) bereits höher als der der Slowakei. Und die Tendenz geht rasant nach oben: Bereits für 2018 könnte laut der US-Bank „Morgan Stanley“ der Verbrauch auf bis zu 140 TWh hochschnellen – schließlich bescherte der Kursflug den Betreibern der sogenannten „Mining-Pools“ zu Spitzenzeiten im vergangenen Dezember Einnahmen von 35 Millionen Dollar am Tag.

Um sich am Mining-Prozess zu beteiligen und daran zu verdienen, benötigt man also eine große Menge an Kapital. Die Bitcoin-Produktion ist heute entsprechend stark monopolisiert. Einer der größten Mining-Pools ist „Ant.com“, der zur chinesischen Firma „Bitmain“ gehört und kontinuierlich etwa 20 bis 25 Prozent der weltweiten Mining-Aktivitäten durchführt. Insgesamt befinden sich ca. 70 Prozent der weltweit zum Bitcoin-Schürfen verwendeten Rechenleistung in China – und dort vor allem in der Inneren Mongolei, wo die großen Rechenparks bislang auf billigen Kohlestrom zurückgreifen konnten. Das „Bio“-Siegel für Bitcoins dürfte sich damit also erledigt haben.

Blockchain-Technologie und „Internet der Dinge“

Doch mit dem Zugriff auf Billigstrom könnte es in China bald vorbei sein. Berichten zufolge plant die dortige Regierung ein geordnetes Ende des Bitcoin-Minings im eigenen Land.  Strengere Regulierungen sind dort und in Südkorea bereits im Gange, europäische Länder könnten folgen. Das Geschäft mit den Digitalwährungen dürfte damit in den genannten Ländern in die jeweiligen Mechanismen staatlicher Planung und Kontrolle der Finanzmärkte eingegliedert werden, die es dort für den Bankensektor schon seit der letzten Weltwirtschaftskrise 2007/2008 gibt. Insbesondere China scheint die gesellschaftlichen Folgen eines massenhaften Bankrotts von Kleinanlegern zu fürchten, wenn man das Krypto-Geschäft einfach wild weiterlaufen ließe.

Selbst wenn dies aber zum vorzeitigen Ende des Kryptogeld-Booms führen sollte, was zumindest einige Stimmen aus der Finanzszene vorhersagen: Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass die zugrundeliegende „Blockchain“-Technologie in vielen Wirtschaftszweigen übernommen werden wird. Ihre Anwendung ist im Prinzip überall denkbar, wo eine sichere Buchführung über Transaktionen erforderlich ist, wie z.B. im Handel, in der Logistik oder im Vertragswesen.

Sie wird bereits als Schlüsseltechnologie für die Verwirklichung des „Internets der Dinge“ gehandelt: Der Vision für eine künftige Infrastruktur, in der Gegenstände wie Maschinen, Verkehrsmittel, Konsumgüter und vieles mehr direkt miteinander kommunizieren: „Dann könnte ein autonomes Elektroauto, ausgestattet mit digitaler Brieftasche, eigenständig die günstigste Ladesäule ansteuern und selbstständig den Strom in einer Computerwährung ähnlich dem Bitcoin bezahlen…“ 

Wenngleich die Entwicklung von Bitcoins zur Weltwährung also im Moment unwahrscheinlich erscheint, könnte die Digitalwährung der Motor einer noch viel grundlegenderen technologischen Umwälzung sein.