Eine Buchbesprechung von Anton Dent

Das Denken des größten Denkers der Moderne – die Rede ist von Karl Marx – auf gerade mal 100 Seiten darzustellen, ist bestimmt keine leichte Aufgabe. Schwieriger wird es vielleicht noch, wenn der, der mit dieser Aufgabe betraut wird, dafür bekannt ist, eher so 1000seitige Bücher zu verfassen.

Dennoch hat Dietmar „Die Schreibmaschine“ Dath nun genau das zum 200. Geburtstag des großen Denkers getan. Im Reclam-Verlag erschien im März, in seiner „100 Seiten“-Reihe, das Büchlein „Karl Marx“.

Im ersten Kapitel, „Von der Wut zum Wissen“, macht Dath an den Begriffen der „heißen“ und der „kalten Wut“ deutlich, warum es wichtig ist, das, was einen wütend macht, zu verstehen. Heiße Wut ist der impulsive Reflex, auf das Objekt seiner Wut einzudreschen. Das sei auch wichtig und verständlich, führe aber nicht dringend zum Verschwinden des Gehassten. Marx selbst hätte neben der heißen Wut vor allem auch kalte Wut gehabt. Kalte Wut bestehe darin, sich mit dem Verhassten auch analytisch auseinanderzusetzen, die Bedingungen seiner Existenz, seinen inneren Antrieb, seine Wirkungsweise und schließlich die notwendigen und hinreichenden Bedingungen seiner Abschaffung zu kennen und zu verstehen.

„Von den Ideen zur Praxis“ zeichnet Marx‘ philosophischen Werdegang vom Junghegelianer, zum Feuerbachianer und schließlich zum Historischen Materialisten nach. Hierbei geht Dath biographisch vor und stellt die Entwicklung von Marx‘ Denken an den Auseinandersetzungen mit seinen Zeitgenossen dar. Es ist ein Weg von der Bekämpfung falscher Ideen hin zur Bekämpfung falscher Zustände. Hierbei versteht es Dath wunderbar, das marxistische Denken mit aktuellen Beispielen zu verknüpfen, etwa wenn er den Unterschied zwischen Idealismus, mechanischem und dialektischem Materialismus daran erklärt, wie diese Denkschulen jeweils die Entstehung des Internets herleiten würden. Das zweite Kapitel schließt mit der Erkenntnis, dass die Konsequenz aus Marx‘ Denken die Organisierung ist.

Das dritte Kapitel legt die marxistische Analyse der kapitalistischen Wirtschaft dar: Wir finden hier die Erklärung des Werts und des Mehrwerts, die Erklärung der systematischen Wirtschaftskrisen und das Verhältnis der Klassen zueinander. Während es im vorherigen Kapitel dem Verständnis gut tat, Marx in Auseinandersetzung zu anderen Philosophen auftreten zu lassen, verkompliziert es in diesem Kapitel sehr, auf so wenigen Seiten neben Marx auch noch Petty, Ricardo und Smith ausführlicher als ihre Namensnennung zu behandeln. Schön ist hingegen, dass auch die Stellen genannt werden, an denen Marx‘ Analyse noch unvollständig war und wo noch Fragezeichen bestehen.

Das letzte Kapitel heißt „Von der Vorgeschichte zur Nachwelt“ und behandelt ganz kurz Marx‘ `Weiterleben‘ nach seinem Tod. Natürlich nicht als Zombie, sondern als Praxis von Millionen. Diese Geschichte wird als Geschichte von Fehlern erzählt mit dem abschließenden Aufruf für „neue, bessere Fehler“. Noch nie sei eine Gesellschaftsform beim ersten Versuch ihrer Umsetzung geglückt. Dath wünscht sich bei einigen aktuellen Versuchen etwas mehr heiße, bei anderen etwas mehr kalte Wut.

„Karl Marx“ ist eine schön zu lesende, interessante und verständliche Einführung in das Denken von Marx. Es dürfte ganz im Marx’schen Sinne sein, dass es nicht nur anregen möchte, die Welt zu verstehen, sondern auch zu verändern.