Teil 1: Wie der Arbeiterklasse durch hohe Mieten die Luft abgeschnürt wird. – Ein Kommentar von Thomas Stark

Hohe Mieten bringen Millionen Haushalte in Deutschland an die Belastungsgrenze. Wer wenig Einkommen hat, zahlt einen überdurchschnittlich hohen Anteil dieses Einkommens für die eigene Wohnung. Besonders betroffen sind Haushalte unterhalb der Armutsgrenze, mit Migrationshintergrund, mit Alleinerziehenden oder RentnerInnen. Das Geschäft mit Wohnraum und Grundstücken erlebt derweil einen Boom.

Einige Zahlen zur Mietbelastung

Wie eine Studie der Humboldt-Universität Berlin unter Förderung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung im vergangenen Jahr gezeigt hat, zahlen in deutschen Großstädten 40 Prozent der Haushalte – das entspricht etwa 8,6 Millionen Menschen – mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die eigene Wohnung. Gut eine Million Haushalte müssen sogar mehr als die Hälfte ihres Einkommens aufwenden. Die mittlere Belastungsquote liegt in den Großstädten bei 27 Prozent (Medianwert). Am höchsten ist sie in Bonn, Neuss, Köln, Düsseldorf und Bremen mit 30,3 bis 29,1 Prozent.

Wie die Studie ferner herausstellt, ist die soziale Lage der betroffenen Haushalte heute das entscheidende Kriterium für die Mietbelastungsquote: Während Haushalte mit höheren Einkommen nur 17,2 Prozent davon für die Bruttokaltmiete aufbringen müssen, liegt die Belastung für Haushalte unterhalb der Armutsgrenze bei 39 Prozent. Auch bestimmte gesellschaftliche Gruppen sind bei den Mieten benachteiligt: Haushalte mit Migrationshintergrund wenden einen relativ hohen Anteil von 30 Prozent ihres Einkommens für die eigene Wohnung auf, Haushalte mit Alleinerziehenden 32 Prozent und Haushalte mit über 65-Jährigen 31 Prozent. Die Erhebungen zeigen auch, dass ärmere Haushalte pro Kopf weniger Wohnfläche zur Verfügung haben und in schlechter ausgestatteten Wohnungen leben.

Zudem machen die hohen Mietbelastungen arm: Etwa 1,3 Millionen Haushalte – und damit 10 Prozent aller Großstadthaushalte – haben nach der Mietzahlung ein Resteinkommen unterhalb der Grundsicherungssätze. Die Betroffenen seien entweder EmpfängerInnen von Transferleistungen, deren Mieten die Grenzsätze überschreiten und daher teilweise z.B. aus dem Hartz IV-Regelsatz bezahlt werden müssen. Oder aber GeringverdienerInnen, die keine Transferleistungen erhalten, jedoch durch hohe Mieten einkommensmäßig unter den Hartz IV-Satz gedrückt werden: „Über zwei Drittel der Haushalte, die nach der Mietzahlung nur noch über ein Resteinkommen unterhalb der Hartz IV-Regelsätze verfügen, haben eine Mietkostenbelastung von über 40 Prozent. Diese etwa 900.000 Haushalte werden im Wortsinn durch die Miete in die Armut gedrängt.“

Die aktuelle Entwicklung der Mietpreise lässt erahnen, dass sich die Situation in den nächsten Jahren weiter verschärfen wird: Im bundesweiten Durchschnitt stiegen die Mieten im Jahr 2017 um 4,3 Prozent und damit stärker als im Vorjahr. Bei bestehenden Wohnungen in einigen Großstädten lag der Anstieg im selben Jahr sogar bei mehr als neun Prozent.  Schaut man sich die Tarifabschlüsse der letzten Jahre an, wird man solche Jahreszuwächse bei den Löhnen vergebens suchen…

Eine Klassenfrage

Wohnen ist ein gesellschaftliches Grundbedürfnis. Der Zugang zu Wohnraum ist jedoch eine gesellschaftliche Machtfrage. Der Arbeiterklasse ist dieser Zugang im Kapitalismus erst einmal verwehrt, da ArbeiterInnen in der Regel kein Eigentum an Wohnraum besitzen. Um wohnen zu können, müssen sie einen Mietvertrag eingehen und monatlich einen Teil ihres Arbeitslohns an den jeweiligen Eigentümer abführen: Gut 72 Prozent der Großstadthaushalte in Deutschland wohnen heute als HauptmieterInnen in ihren Wohnungen.

Wie die Zahlen der Humboldt-Studie zeigen, ist der abzuführende Anteil des Arbeitslohns heute für einen großen Teil der Arbeiterklasse so hoch, dass es ihnen finanziell die Luft abschnürt: Ein Mietanteil oberhalb von 30 Prozent des Haushaltseinkommens gilt bei Sozialwissenschaftlern und Immobilienexperten als problematisch, weil nur noch relativ wenig Geld für den weiteren Lebensunterhalt übrigbleibt. Deshalb ziehen auch viele Vermieter bei dieser Quote eine Grenze, weil sie zweifeln, dass MieterInnen sich ihre Wohnung dauerhaft leisten können.

Ein wachsender Niedriglohnsektor führt in Kombination mit den beschriebenen Verhältnissen auf dem Wohnungsmarkt also zu einer Tendenz der Verelendung, zu einem Leben in immer schwierigeren Verhältnissen für die Arbeiterklasse, die sich auch im Lebensgefühl äußert: „Prekäre Wohnverhältnisse, Überbelegung und oft auch das Wohnen in bestimmten Stadtlagen gelten als Zeichen des Scheiterns, der Benachteiligung und der Ausgrenzung. Wohnen ist ein zentraler Indikator der sozialen Lage und ein Gradmesser der Ungleichheit.“