Interview mit Pawel Nowotny, Mitarbeiter einer bekannten Hotelkette

Du arbeitest in einem Hotel. Wie ist das?

Das 3-Sterne-Hotel, in dem ich Arbeit gefunden habe, gehört zu einer bekannten Kette im „Focused Service Segment“. „Focused Service“ steht faktisch für den Einsatz von möglichst wenigen Angestellten für möglichst wenig Geld bei möglichst vielen KundInnen. Die Idee ist, dass du in dem Hotel bleiben kannst, ein schnelles, einfaches Frühstück bekommst, eincheckst und auscheckst. Du erhältst einen minimalen Service, aber dafür ist er relativ gut. Das setzt sich gerade immer mehr durch in der Hotelbranche.

Hat das Einfluss auf die MitarbeiterInnen?

Das ist von größter Bedeutung für die Hotelindustrie. Denn es erlaubt den Hotels, die Anzahl der Angestellten zu reduzieren. Die Zimmerdienste werden ganz heruntergefahren und an andere Firmen vergeben. Hier arbeiten vor allem Leute, die wie ich neu in Deutschland sind, die kaum einen anderen Job finden können. Das Frühstücksteam ist auch klein. Es macht jeden Morgen ein Standard-Frühstück.

Am meisten Druck gibt es vorne an der Rezeption. Da sind wir immer höchstens zu zweit. Und vorne sind wir für praktisch alles verantwortlich. Wir müssen den Müll wegbringen, im Notfall in der Küche aushelfen, sauber machen, die Bar bedienen und sogar Management-Aufgaben übernehmen. Deswegen lieben sie dieses Konzept. Du kannst ein ganzes Hotel auf dem Rücken von ein oder zwei Menschen laufen lassen, ein Hotel mit 130 Zimmern.

Welche Einflüsse hat das auf deine Arbeit?

Es gibt immer zu wenige Kollegen und Kolleginnen. Also bist du ständig überarbeitet, ständig mit Multitasking beschäftigt. Du musst Berichte für den nächsten Tag anfertigen. Gleichzeitig gibt es wellenartig Leute, die einchecken oder auschecken, Leute an der Bar, Leute, die was über die Sehenswürdigkeiten wissen wollen. Du bist fast immer an zwei oder drei Aufgaben gleichzeitig dran. Es ist super stressig und überhaupt nichts Gutes.

Was ist mit Arbeitsverträgen, die Aufgaben eingrenzen sollten?

Das ist wirklich interessant. Der Arbeitsvertrag benennt keinerlei Aufgaben. Sie sagen, dass es fast keine Hierarchien gibt. Aber das ist deswegen so, weil es für die verschiedenen Hierarchien keine klare Aufgabenverteilung gibt. Also wird immer mehr auf die unteren Ebenen verlagert. Wir machen Manager-Aufgaben, die eigentlich in Ruhe in einem Hinterzimmer erledigt werden sollten.

Wir machen nicht nur Berichte und Buchungen klar, sondern beraten auch Kunden und Kundinnen an der Rezeption. Tendenziell kriegen wir immer mehr Aufgaben aufgedrückt. Am Anfang war es besser, aber sobald du dich gerade an deine Arbeit gewöhnt hast, bekommst du weitere Aufgaben dazu.

Was ist mit Pausen?

Pausen sind nur ein theoretisches Konzept bei uns. Eigentlich soll es eine dreißigminütige Pause fürs Essen geben und dann noch zwei viertelstündige Pausen in acht Stunden.

Aber wenn du z.B. in der Frühschicht alleine bist, was oft der Fall ist, hast du 60 Leute, die auschecken, musst ein paar Berichte vor 3 Uhr machen und hast buchstäblich keine Zeit zum Pissen. Und wenn du doch gehst, dann hast du direkt fünf Leute da, die genervt sind, weil sie so lange warten müssen.

Was ist mit dem Lohn? Ist der dann nicht relativ hoch?

Könnte man meinen. Wir machen eine Menge Management-Sachen. Wir sind für ein ganzes Hotel zuständig. Wir müssen oft in die Zimmer laufen und eine Menge Dinge klären. Aber als Rezeptionist kriegst du gerade mal 1.400 Euro im Monat. Das ist doch lachhaft. In einem Supermarkt kannst du mehr verdienen und wirst nicht so gehetzt.

Wie ist es möglich, dass die ArbeiterInnen trotzdem ihren Job machen?

Im Grunde beschweren sich alle. Niemand mag diesen Job. Aber die Manager tun so, als ob sie deine Kumpels wären. Sie loben dich und spielen deine Freunde. Und wenn etwas passiert, meiden sie die Situation. Die Firma tut auch so, als ob es kaum Hierarchien gibt. Sie behaupten, dass es nur fünf Stufen gibt und jeder aufsteigen kann.

Aber in Wirklichkeit können nur die Manager weiter aufsteigen. Und sie steigen auf, indem sie Geld machen. Geld machen sie, indem sie uns unfassbar auspressen. Das ganze Ding hilft in Wirklichkeit den Managern, mit unserem Schweiß und Blut die Karriereleiter zu erklimmen.

Organisieren sich die MitarbeiterInnen oder gibt es auch mal Konsequenzen für die Manager?

Es ist schwer, sich zu organisieren. Der Arbeitsplatz ist getrennt in die verschiedenen Bereiche. Wir sehen die Zimmerdienstler kaum, da sie für eine andere Firma arbeiten. Die Frühstücksleute sind mittags schon wieder weg. Und wir sind vorne gar nicht so viele. Außerdem arbeiten wir immer im Schichtdienst. Also sehen wir uns kaum.

Aber wenn wir damit drohen würden, zu kündigen, dann könnten wir sie richtig unter Druck setzen. Der Job ist so übel, dass es kaum Menschen gibt, die ihn machen würden. Außerdem lernt man unglaublich viele Sachen und es dauert lange bis man auf unser Level kommt.

Und wenn ihr ein Treffen schaffen könntet, um einen Protest zu planen?

Wenn wir das schaffen würden, wären sie erledigt. Wir könnten ihnen auf jeden Fall großen Schaden zufügen. Sie haben ja sonst kaum jemanden, der die Aufgaben übernehmen kann.

Wäre das vielleicht über Emails, Handys oder „soziale Netzwerke“ im Internet machbar?

Ich denke, sowas könnte funktionieren. Aber das Schwierige ist, langfristige Kontakte zu knüpfen. Die Meisten sehen sich nur kurz in diesem Job. Kaum jemand will das lange Zeit machen. Deswegen gibt es praktisch kein Interesse, sich den Stress zu machen.

Ein anderes Problem ist, dass die Kultur in der Hotelindustrie völlig kaputt ist: Arbeite deine Scheißwoche durch, besauf dich am Wochenende und arbeite wieder eine Scheißwoche. Viele nehmen Drogen. Es macht die Leute kaputt.