Ein Nachtrag zur Tafel-Debatte – ein Kommentar von Anton Dent

Seit Jahrzehnten ist es eigentlich ein gesellschaftliches Tabu, Menschen in Rassen einzuteilen und diesen auch noch biologisch verursachte Persönlichkeitseigenschaften zuzuschreiben. Der Nationalsozialismus und seine mit der Rassenideologie begründeten Verbrechen haben zu diesem Konsens geführt. Sogar extreme Rechte mussten sich dem beugen und haben ihre Ideologie dementsprechend angepasst.

Die Kultur übernahm in diesen Kreisen nun die Rolle, welche früher die Rasse innehatte: An Äußerlichkeiten erkennbare Menschengruppen werden allgemeine und unveränderliche Persönlichkeitseigenschaften zugeordnet. Allerdings fällt es den Rechten zunehmend schwerer, ihre angepasste Ideologie konsequent einzuhalten. Man fürchte sich zwar noch vor einer Islamisierung Deutschlands durch syrische Flüchtlinge, aber in Wahrheit will man eben auch die christlichen Syrer nicht hier haben.

Nun kann man seit einigen Jahren bemerken, wie ganz langsam wieder direkt biologisch-rassistische Argumente ins Feld geführt werden. Thilo Sarrazin präsentierte 2009 sehr erfolgreich seine Thesen, nach denen die Unterschicht nicht aufgrund von Ausbeutung und Unterdrückung arm, sondern weil sie einfach genetisch betrachtet weniger intelligent sei. Zwar bekam Sarrazin damals noch recht viel Kritik, doch schaffte es sein Buch viele Wochen auf Platz 1 und er wurde von Talk Show zu Talk Show gereicht. Vor einiger Zeit hat schließlich der AfD-Politiker (Bernd-)Björn Höcke von afrikanischen und europäischen Ausbreitungstypen geredet. Somit hätten sich evolutionär bedingt bei Afrikanern und Europäern unterschiedliche Reproduktionsstrategien entwickelt. Nun ist Höcke auch für Bürgerliche ein Schmuddelkind, doch der biologistische Rassismus ist im Aufwind.

Als die Essener Tafel vor kurzem bekanntgab, dass sie zukünftig keine Neuanmeldungen von Menschen ohne deutschen Pass annehme, wurde dies vom Chef der Essener Tafel, Jörg Sartor, auch damit begründet, dass einige Ausländer eben ein bestimmtes Nehmer-Gen hätten, welches sie dazu bringe, schlechtes Verhalten bei der Essensausgabe zu zeigen. Dieser bekam zwar auch Kritik, aber mindestens genauso viel Zustimmung, nicht nur von ganz rechts. Viele wollen hier keinen Rassismus erkennen.

Das Nehmer-Gen des Kapitals

Die Debatte um die Essener Tafel zieht sich nun schon etwas und hat breite Kreise gezogen, ist momentan leiser geworden, wird aber wieder aufkochen. Zeit, einmal über ein anderes Nehmer-Gen zu sprechen. Das Nehmer-Gen des deutschen Kapitals, das da heißt: beständige Jagd nach Profit und Kapitalanhäufung. Dieses ist nicht eingeschrieben in die DNA der Mitglieder der Konzernvorstände, sondern in die Funktionsweise der kapitalistischen Wirtschaft.

Wie man an dem Gejaule um Trumps Strafzölle sieht, kann man ganz gut gleichzeitig Europa für Flüchtlinge abschotten, aber voller Leidenschaft offene Grenzen für das Kapital und seine Waren fordern. Dass die Fluchtbewegungen eben vor allem auch durch die Folgen der Kapital- und Warenströme verursacht werden, will man nicht erkennen. Das deutsche Kapital kennt für sich nämlich keine Grenzen, es ist gewissermaßen ein Wirtschaftsflüchtling. Da ihm der nationale Markt zum Profit-Machen nicht reicht, zieht es in andere Länder. In diesen Ländern legt es ein Verhalten an den Tag und lässt eine Anstell-Kultur derart vermissen, dass es Sartor eiskalt den Rücken runter laufen müsste.

In Afrika, Lateinamerika und Asien etwa nimmt man sich Land. BäuerInnen werden hier von Soldaten, Polizisten und Kriminellen mit Gewalt von ihren Höfen vertrieben oder indigene Stämme aus ihren Dörfern. Dieses Land nehmen sich dann Agrarkonzerne, in die beispielsweise die Deutsche Bank und der Versicherungskonzern Allianz massenhaft Kapital pumpen.

Man geht auch ins Ausland, um sich dort Rohstoffe zu nehmen. Die deutschen Konzerne interessieren sich dort aber nicht für irgendwelchen Umweltschutz und verseuchen damit Trinkwasser oder verursachen durch Sprengungen Erdrutsche, die ganze Dörfer verschwinden lassen. Ebenfalls kann man hier Kinder oder ZwangsarbeiterInnen in Minen schuften lassen. Der deutsche Energiekonzern EnBW arbeitet in Kolumbien mit Firmen zusammen, die Paramilitärs unterhalten, um GewerkschafterInnen und UmweltaktivistInnen zu ermorden.

Sehr beliebt ist auch das Nehmen von billigen Arbeitskräften. Adidas oder Puma etwa nehmen sich diese gerne in asiatischen Ländern und lassen sich ihre Schuhe für Löhne zusammennähen, die für kein Leben reichen, unter Bedingungen, die das Leben der ArbeiterInnen gefährden. Zu weit weg? In Mazedonien (made in Europe) lässt Deichmann Schuhe für unter 200 Euro Lohn im Monat nähen. Ein existenzsichernder Lohn für eine Familie wird hingegen auf 550 Euro monatlich geschätzt. Selbst wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten würden, könnten sie nicht mal sich und 2 Kinder über die Runden bringen. Ähnliche Scheußlichkeiten in Bulgarien und Rumänien.

Bevor also irgendwer auf Flüchtlinge zeigt, weil diese sich erdreisten, nicht nach deutscher Zucht und Ordnung in Reih und Glied zu stehen, um weggeworfenes Essen zu erhalten, sollte man den Blick dahin richten, wo diese Flüchtlinge herkommen, danach fragen, warum sie dort weg mussten und was das mit dem Raubzug deutscher Konzerne unter Schutz des deutschen Staates zu tun hat. Vielleicht bekommt man dann einen anderen Blick darauf, wer Nehmer und wer Geber ist.