Seit mehr als zwei Wochen findet in Genf vor der UN-Vertretung ein Hungerstreik kurdischer AktivistInnen statt, der auf die Situation in Afrin und auf die dortigen Verbrechen der Türkei und der mit ihr verbundenen islamistischen Milizen aufmerksam machen soll. Auch Miran Mahmod, ein Aktivist der Bonner Jugendbewegung, hat mehrere Tage an dem Hungerstreik teilgenommen. Perspektive Online hat ihn dazu interviewt.

Wie ist die aktuelle Situation in Afrin?

Am 20.01.2018 begann Erdogan mit seinen islamistischen Verbündeten Afrin anzugreifen. Afrin ist ein Kanton der demokratischen Föderation Nordsyrien, also des während dem Krieg aufgebauten basisdemokratischen Rätesystems. Die Verteidigungseinheiten YPG und YPJ leisten gegen den Angriff auf Afrin einen mutigen und heldenhaften Widerstand. Doch aufgrund der technologischen Überlegenheit des türkischen Militärs und seiner islamistischen Verbündeten, konnten die YPG und YPJ nur zwei Monate standhalten. Schließlich wurde die Stadt Afrin im Kanton Afrin umzingelt. Zum Schutz der Einwohnerinnen und Einwohner wurden diese am 17. März von den YPG und YPJ aus der Stadt gebracht. Währenddessen wurde die Stadt von den Islamisten besetzt. Nach dem Evakuieren der Bevölkerung begannen sie mit dem andauernden Guerillakampf gegen die Besatzer.

Was kannst du über die Situation der geflohenen Zivilbevölkerung sagen?

Hunderttausende Zivilistinnen und Zivilisten sind aus Afrin geflohen. Viele der Flüchtlinge lebten bereits in Afrin als Flüchtlinge, da sie während dem mittlerweile siebenjährigen Krieg dorthin geflohen sind. Dementsprechend ist ihr Leben besonders schwer. Viele von ihnen haben begrenzten Zugang zu Essen, Trinken, geschweige denn zu einer Unterkunft.

Nach der Besetzung von Afrin droht die Türkei, jetzt weitere kurdische Gebiete anzugreifen. Was kannst du dazu sagen?

In der Nacht auf den 2.4. hat die türkische Luftwaffe zwei Friedhöfe in der Autonomen Region Kurdistan, also im Nordirak, bombardiert. Zudem kontrolliert die Türkei seit Ende März einige Dörfer innerhalb der Region, genaugenommen in den Provinzen Duhok und Hawler. Dies wird von der kurdischen Regionalregierung im Irak gebilligt, diese arbeitet mit der Türkei zusammen.

Was die demokratische Föderation Nordsyrien angeht, so droht die Türkei auch dort mit Angriffen. Diese werden von der kurdischen Bewegung ernst genommen. Da jedoch ein Großteil der Verteidigungseinheiten in Afrin ist, sind sie dringend auf Unterstützung angewiesen, um weitere Massaker zu verhindern. So haben Vertreterinnen und Vertreter der Föderation Frankreich um Hilfe gebeten. Es ist ein Lichtblick, dass Frankreich kürzlich militärische und humanitäre Hilfe zugesagt hat.

In Deutschland gibt es regelmäßig Demos in Solidarität mit Afrin. Was motiviert dich dazu an einem Hungerstreik teilzunehmen? Und was willst du damit erreichen?

Sowohl mit einer Demonstration, als auch mit einem Hungerstreik zeigen wir unsere Solidarität mit Afrin. Aber ein Hungerstreik ist ein viel stärkeres Zeichen, so zeigen wir zudem unsere Entschlossenheit und unsere Bereitschaft. Nachdem ich über zwei Monate für Afrin demonstriert habe, wollte ich nun neben der Demonstration eine weitere Aktionsform durchführen, damit die Proteste vielfältiger und stärker werden.

Mit dem Hungerstreik zeigen wir, dass wir nicht unserem normalen Alltag nachgehen wollen, während Deutschland, die EU und die UN Massaker und ethnische Säuberungen (zum Teil aktiv und zum Teil passiv) unterstützen. Wir zeigen damit der Öffentlichkeit, dass uns der Protest wichtiger ist als unser Alltag. So schaffen eine andere Wahrnehmung als mit einer Demonstration. Während Demonstrationen zum Teil in der Öffentlichkeit auf Ablehnung stoßen, regt sie ein Hungerstreik eher zum Nachdenken an. Zudem zeigt gerade die Geschichte der kurdischen Bewegung, dass Hungerstreiks effektiver sind und eher dazu führen, dass die Forderungen umgesetzt werden.

Was sind deine Forderungen an die UN und die deutsche Bundesregierung?

Ich fordere, dass Druck auf Erdogan ausgeübt wird. Dass Deutschland keine Waffen mehr liefert, sich für humanitäre Hilfe einsetzt und aufhört, die Kurdinnen und Kurden in Deutschland zu unterdrücken. Das tun sie, indem sie z.B. Verlagshäuser leerräumen, Fahnen, Symbole und Demonstrationen verbieten, ein unnötig großes Polizeiaufgebot bei kurdischen Demos einsetzen, um sie unfriedlich darzustellen, und Erdogans Geheimdienst machen lassen, was er will.
Von der UN fordere ich z.B., dass sie sich für humanitäre Hilfe einsetzt und dass sie für eine Flugverbotszone über Afrin sorgt. Damit endlich Erdogans Luftangriffe gestoppt werden.

Was kann man in Europa bzw. in Deutschland in der aktuellen Situation für Afrin tun?

Am besten ist es, wenn man sich politisch organisiert. Das heißt, wenn man sich mit anderen zusammenschließt und gemeinsam aktiv ist. So kann man organisiert Widerstand leisten, organisiert demonstrieren und organisiert die Öffentlichkeit erreichen. Abgesehen von politischer Organisierung und politischem Protest kann man Afrin auch mit Spenden unterstützen, am besten an den kurdischen roten Halbmond (Heyva zor) oder Medico International.