Journalisten nutzten ihre Machtposition aus und belästigten zahlreiche Frauen sexuell

Zwei Fälle sexueller Belästigung innerhalb des Teams beim WDR sind bekannt geworden. Der Sender, der auch regelmäßig über #metoo berichtet und sich erleichtert zeigt, „dass eine Spirale des Schweigens“ gebrochen wurde, steht unter Kritik, selbst mit Belästigern und Männern, die Frauen sexuell genötigt haben, nicht konsequent umgegangen zu sein.

„Alpha-Tier“

Im ersten Fall berichtet eine Praktikantin, von ihrem Vorgesetzten unangemessen behandelt und sexuell belästigt worden zu sein. Er hat ihr Spitznamen gegeben, Drinks angeboten, ihr letztendlich auf seinem Hotelzimmer einen Porno auf seinem Laptop gezeigt. Die damals 22-jährige hatte jahrelang geschwiegen, auch heute möchte sie anonym bleiben. Doch fasste sie den Mut, sich an die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich zu wenden.

Und es wurde bekannt, dass der Mann, der sich selbst „Alpha-Tier“ nannte, auch andere Frauen, feste Mitarbeiterinnen, belästigt hatte. So war ein eindeutig anzüglicher und aufdringlicher E-Mail-Verkehr im Rahmen einer Reportage von „correctiv“ und „Stern“ einsehbar geworden. Die Frau fragte verunsichert, ob sie nun Angst haben müsse, er entgegnete: „Ich kriege (boah, ist das arrogant) immer, was ich will.“

Erst nach Veröffentlichung der Recherche wurde er freigestellt, bis dahin war er noch regelmäßig als Auslandskorrespondent im WDR zu sehen.

Ein weiterer Fall

Noch ein weiterer Fall sexueller Belästigung wurde bekannt – auch in diesem Fall ist der männliche Täter noch für die ARD beschäftigt und regelmäßig in der Tagesschau zu sehen. Auffällig: Ein männlicher Kollege hatte diese Übergriffe gemeldet, nachdem weibliche Kolleginnen ihm von Mobbing, Belästigung und Machtmissbrauch berichtet hatten.

Dieser Machtmissbrauch ging so weit, dass Frauen berichten, dass ihre Arbeitsverträge nicht verlängert wurden, weil sie sich trauten, dem belästigenden Journalisten zu widersprechen: „Er hat mir mein Selbstvertrauen genommen und letztlich meine WDR-Karriere zerstört“, sagt eine von ihnen.

Laut correctiv-Recherche sei „die gesamte Senderspitze“ involviert gewesen. Letztendlich wurden Gespräche zwischen den betroffenen Frauen und der Personalrätin des WDR organisiert, keine der Frauen konnte ihre Angst überwinden, den Täter offiziell zu melden. Die Personalrätin ließ daraufhn bekanntgeben, dass in Programmgruppen künftig mehr Wert auf Achtsamkeit und Fürsorge gelegt würde.

Es kam auch bald zu einer Ermahnung: Derjenige, der die Fälle überhaupt bekannt gemacht hatte und die Gespräche vermittelt hatte, wurde mit dem ausdrücklichen Verbot belegt, von sexueller Belästigung in seiner Arbeitsgruppe zu sprechen. Und mehr noch, der WDR verneint, dass es je Gespräche mit den betroffenen Frauen gegeben habe.

Konsequenzen? Kaum.

Im Nachhinein berichten zahlreiche Frauen, die beim WDR tätig waren oder sind, sich auf verschiedensten Wegen an den Sender gewandt zu haben. Bereits 2010 berichtete eine der Frauen schriftlich über den Machtmissbrauch durch ihren männlichen Vorgesetzten. Der WDR reagierte nicht.

Auch versicherte der Sender Anfang April, alle nötigen und angemessenen Maßnahmen getroffen zu haben. Doch erst, nachdem die Recherchen zu den Übergriffen medial an Reichweite gewannen, wurde der Journalist, der sich „Alpha-Tier“ nannte, freigestellt.

Dieses Vorgehen kritisierte eine Organisation junger Frauen, “ Z0RA“, in einem offenen Brief an die Chefredakteurin: „Es kann nicht angehen, dass es für jeden Einzelfall einen medialen Aufschrei braucht, bis die Täter mit harten Konsequenzen zu rechnen haben.“ Und tatsächlich scheint es, als seien die Strukturen, um Frauen eine Gegenwehr zu ermöglichen und gegen sexuelle Gewalt vorzugehen, sehr dünn aufgestellt: Die Anlaufstelle für Psychosoziale Beratung ist nicht besetzt, seit die letzte Beraterin in den Ruhestand ging.