Das Theater Konstanz macht es möglich – ein Kommentar von Felix Thal

Das Theater in Konstanz am Bodensee führt am heutigen Freitag die Premiere von „Mein Kampf“ von George Tabori (1914-2007) unter der Regie von Serdar Somuncu auf. Somuncu ist bekannt aus Fernseh- und Radiosendungen und tourte sechs Jahre lang mit seiner szenischen Lesung „Mein Kampf“ durch die Bundesrepublik. Die heutige Premiere provoziert durch zwei Kontroversen: Zum einen wird sie am Geburtstag Adolf Hitlers aufgeführt und zum anderen dürfen sich die Gäste dafür entscheiden, eine Hakenkreuzbinde zu tragen.

In dem 30 Jahre alten Stück von George Tabori wird der Werdegang eines talentfreien Muttersöhnchens beleuchtet, das zudem unter Verstopfung leidet und darum kämpft, an der Kunstakademie aufgenommen zu werden. In einem Wiener Männerasyl wird er von seinem jüdischen Mitbewohner Schlomo Herzl aufgenommen und unterstützt. Sein Name: Adolf Hitler.

Die Besucherinnen und Besucher der Premiere können sich entscheiden: Erwerben sie eine Karte im Rang ihrer Wahl und bezahlen diese ordnungsgemäß, so müssen sie während der gesamten Aufführung einen Davidstern tragen. Möchten sie für ihre Karte nicht bezahlen, so sind sie dazu verpflichtet eine Hakenkreuzbinde anzulegen.

Laut Somuncu beginne die Inszenierung bereits mit dem Ticketverkauf und man wolle die vierte Wand des Theaters durchbrechen, indem man die Zuschauerinnen und Zuschauer mit zwei stark aufgeladenen Symbolen versehe. Es solle kein geschmackloser Theatergag sein, sondern aufzeigen, wie korrumpierbar und verführbar die Menschen für den Faschismus sind. Das Hakenkreuz stehe somit für die Verführung und der Davidstern für die Solidarität mit Jüdinnen und Juden.

Das Stück will einen inneren Konflikt bei den Hakenkreuztragenden auslösen, aber die Gefühlswelt wird nur zwischen den beiden Polen Genugtuung und Abscheu schwanken. Solch eine Erkenntnis ist schnell getan. Weiterhin ist das Tragen des Davidsterns nur eine Ausnutzung der Traumata und die geborgte Opferrolle für das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Ernsthafter Kampf gegen Antisemitismus ist dies wahrlich nicht. Auch die Symbolkraft der „Verführung“ lenkt davon ab, dass Menschen das Hakenkreuz aus tiefster Überzeugung angelegt haben und die Schuld des Nationalsozialismus auf Hitler projizieren.

Auf einer Pressekonferenz redete sich Somuncu aus der Verantwortung, da er ja nur auf die wachsende rechtsradikale Gewalt aufmerksam machen wolle und die AfD ungestraft hetzen könne. Gleichzeitig stellt er sich auf die gleiche provokative Ebene wie die AfD, indem er mit solcher einer Aktion Klicks und Aufrufe generiert. Hier wird ein Theaterstück gegen Antisemitismus aufgeführt, welches gleichzeitig den Judenhass auf ein Faschingsniveau bagatellisiert.

Ein in Deutschland hoffähiger Antisemitismus wird nicht dadurch bekämpft, dass eines der größten Symbole des Judenhasses in einem renommierten Theater an den Ticketverkauf geknüpft wird. Somuncu ist damit kein nach Erkenntnis strebender Aufklärer, sondern ein nach Aufmerksamkeit heischender Medienprofi.

Man stelle sich nur vor, was in einer Person jüdischen Glaubens vorgehen muss, wenn sie die Inszenierung sehen möchte: Das Zeichen der Verfolgung ihrer Vorfahren anlegen, oder das Symbol der Täter? Bisher wurden 50 Tickets kostenfrei ausgegeben…