Sind es Flüchtlinge und Ausländer? – Ein Kommentar von Kevin Hoffmann

In den Talkshows, in den Nachrichten, den Zeitungen, Sozialen Medien und den Kneipen wird über kaum mehr über etwas anderes gesprochen: Die Kriminalität steige immer mehr. Man könne sich ja kaum mehr auf die Straße trauen. Frauen schon gar nicht. Messerangriffe, Morde und Vergewaltigungen würden um sich greifen und Schuld daran seien die Flüchtlinge und Ausländer.

Jeder „arabisch oder muslimisch“ aussehende Mensch wird zum potentiellen Terroristen und das Kopftuch der Nachbarin greift plötzlich die eigene Freiheit an.
All das spiegelt die „gefühlte“ Realität vieler Menschen in Deutschland wieder. Dass dieses Bild mit der objektiven Realität kaum etwas gemein hat, spielt dabei kaum eine Rolle. Das Bild des immer unsicherer werdenden Deutschlands ist in den Köpfen etabliert und wird täglich durch neue Informationen genährt. Wen soll das auch wundern, wenn etwa in den Fernseh-Talkshows das Thema „Flüchtlinge & Integration“ fast 25 Mal so oft vorkommt wie die Themen Bildung, Pflege oder Natur- & Umweltschutz? Wie soll das Ergebnis ein Anderes sein, wenn über den grausamen Mord an einer jungen Frau monatelang in Zeitungen, Radio und Fernsehen berichtet wird, weil der vermeintliche Täter ein Ausländer war? Während seine Tat als „Ehrenmord“ eingeschätzt wird, wird bei einem deutschen Täter in den Medien meist von einem „tragischen Familiendrama“ berichtet und der Fall nach zwei Tagen nicht weiter erwähnt.

Ähnlich verhält sich dies mit der „Terrorangst“. Der „islamistische Terrorismus“ scheint heute auch in Deutschland überall präsent zu sein. Allein schon dunkle Haare und ein Bart führen zu hunderten willkürlichen und rassistischen Personenkontrollen durch die Polizei – jeden Tag in Deutschland. Erst kürzlich erfragte die rassistische „Alternative für Deutschland“ (AfD), wie viele Sprengstoff-Funde in den Jahren 2000 bis 2017 durch die Polizei getätigt wurden. Ihr Ziel war es, die Angst vor islamistischem und linkem „Terror“ weiter zu schüren. Daraus wurde jedoch nichts. Denn das Bundesinnenministerium musste bekannt geben, dass 70% der Sprengstoffe von Faschisten hergestellt und beschafft wurden. Nur 17% entfielen auf islamische Fundamentalisten und 13% auf Linke. Wir sehen also eindeutig, von wo die größte Gefahr ausgeht.

Die wahren Probleme

Probleme in der Pflege – ein unterbetontes Problem |“UmCare – Strategiekonferenz Pflege und G“ (CC BY 2.0) by rosalux-stiftung

Über die eigentlichen Probleme der meisten Menschen wird in der Öffentlichkeit kaum gesprochen. Immer mehr Menschen haben heute keinen regulären Job mehr. Befristete Verträge, Teilzeitarbeit, Leiharbeit und Minijobs sind keine Ausnahmen mehr, sondern werden zur Regel. Die Mieten steigen in den meisten Teilen der Republik ins unermessliche, insbesondere in den Großstädten. Immer mehr Menschen sind auf staatliche Leistungen angewiesen. Die meisten Renten, insbesondere von Frauen reichen im Alter kaum zum Überleben, geschweige denn um die immer höheren Arzt- und Behandlungskosten zu zahlen. Auch in Deutschland leiden Millionen Frauen weiter unter patriarchaler Unterdrückung und Gewalt und einer schlechteren Bezahlung.

Vereinen statt spalten

Warum also wird in den Talk-Shows, in den Nachrichten, den Zeitungen, Sozialen Medien nicht über diese Themen gesprochen? Sie betreffen uns alle, egal wo wir wohnen oder arbeiten, egal ob wir hier oder wo anders geboren wurden. Diese Themen werden bewusst von den Medien und wo sie es nur können auch von der Politik ausgespart, weil sie uns alle betreffen, weil es Probleme sind die uns zusammen bringen anstatt uns zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen.

Unser wahres Problem ist, dass wir uns täglich für niedrige Löhne abschuften müssen, obwohl wir während unserer Arbeitszeit einen viel größeren Reichtum erwirtschaften, der dann bei unseren Chefs und den Besitzern der großen Konzerne landen. Das ist ein Problem was uns alle betrifft und welches wir gemeinsam überwinden können. Nur wenn immer mehr Menschen nicht mehr in diesem System leben und schuften wollen und es durch ein neues solidarisches und gerechtes System ersetzen wollen, dann können die Besitzer der Fabriken und Monopole auch dieses System nicht mehr so aufrechterhalten und alleine von unserer Arbeit profitieren und in Reichtum leben.

Hohe Löhne, Niedrige Mieten, Ende des Pflegenotstands und eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus – das sind die Themen die wir in den Gesprächen mit unseren KollegInnen und NachbarInnen auf die Tagesordnung setzen sollten.