Ein Kommentar zu Giuseppe Porcaros Roman „Disco Sour“ – von Thomas Stark

Ist die Forderung nach mehr direkter Demokratie ein fortschrittlicher Gedanke? Bedeuten Volksentscheide mehr Macht für das arbeitende Volk? Und was passiert mit dieser Macht? Bei dieser Frage werden sich manche womöglich an ihren Politikunterricht in der Schule erinnern: Vielleicht wurde dort kontrovers diskutiert, ob man Otto-Normalverbraucher in die Position bringen sollte, verantwortungsvolle Entscheidungen über komplexe Sachverhalte mit dem Stimmzettel zu treffen. Es dürfte das Argument gefallen sein, dass Bevölkerungen empfänglich für Stimmungsmache und Manipulation sind. Würden bundesweite Volksentscheide etwa zur Wiedereinführung der Todesstrafe führen? Am Ende der Diskussion wird gemäß dem staatlichen Lehrauftrag die Erkenntnis herausgearbeitet worden sein, dass das parlamentarische, auf Stellvertretung basierende politische System die bessere Alternative sei. Bürgerbegehren und Referenden ja, aber bitte nach strengen Regeln und nur in Maßen.

Tatsächlich kommt die Forderung nach mehr direkter Demokratie heute sehr laut aus der Ecke der „Neuen Rechten“: Vor der Bundestagswahl 2017 war es die AfD, die „mehr Volksentscheide nach Schweizer Modell“ ganz oben in ihr Grundsatzprogramm geschrieben hat. Abstimmen lassen wollte sie u.a. über Flüchtlinge und Abtreibungen. Lag der Schulunterricht also richtig?

Demokratie im Tinder-Stil

Der in diesem Jahr in London erschienene Roman „Disco Sour“ von Giuseppe Porcaro dreht sich im Grunde um diesen Fragekomplex: Nur, dass er ihn passend zur technologischen Entwicklung und zur Debatte über künstliche Intelligenz kreativ weiterdenkt und interessante Verbindungen aufmacht: Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft – nach einem europäischen Bürgerkrieg infolge der Wirtschaftskrie von 2008. Die staatlichen Strukturen sind weitestgehend zusammengebrochen. Lediglich die Europäische Union existiert noch und verhindert, so die Lesart der handelnden Personen, die völlige Anarchie. Die Nachkriegsordnung muss erst noch entworfen werden.

In diesem Szenario wirbt ein ehemaliger Rebellenführer und Unternehmer für ein „Plebiscitum“, eine Plattform im Stil der Dating-App Tinder, die Wahlen in Zukunft überflüssig machen soll: Die NutzerInnen teilen ihre politische Meinung bequem durch das Swipen nach rechts oder links mit. Das Ergebnis ist bindend für das Parlament. Aber nur für eine Übergangsperiode, in der die Plattform die Daten der BürgerInnen sammelt. Danach werde der Voting-Algorithmus selbständig in der Lage sein, die politischen Präferenzen und Verhaltensweisen der Bevölkerung zu berechnen. Das Regieren in der „Demokratie 6.0“ werde deutlich schlanker und effektiver als das herkömmliche parlamentarische System, so der Werbevortrag des Plebiscitum-Gründers.

Die Konferenz

Der Autor des Romans hätte versucht sein können, die Gesellschaft nach Einführung von Plebiscitum in Form einer schwer verdaulichen Dystopie zu beschreiben. Stattdessen beschränkt er die Handlung auf die Vorgänge rund um eine Konferenz, bei der das Projekt beworben wird. Gegenspieler des Plebiscitum-Gründers und Hauptfigur des Romans ist Bastian, selbst exzessiver Dating-App-Nutzer und Führungsmitglied eines Netzwerks europäischer Zivilgesellschaften und lokaler Regierungen. Seine Rolle ist es, die Existenzberechtigung seines Verbands zu verteidigen.

Weil er zu Beginn der Handlung sein Smartphone verliert, gerät die Reise zur Konferenz für ihn zur Odyssee, die ihn durch die chaotische Nachkriegswelt führt: So unter anderem nach P.A.R.I.S. („Paris Anarchist Regional Independent State“) – einem Mikrostaat, der für seine günstigen Champagnerpreise bekannt ist: „Es war ein bisschen Anarchie und ein bisschen Sozialismus, plus aller Vorzüge eines oberen Mittelklasse-Lebensstandards.“ (Übersetzung d. Verf.)

Entscheidungen ohne Macht

Trotz einer manchmal witzigen, bisweilen auch sehr kritischen und treffenden Beschreibung des europäischen Bürgerkriegs und der Zeit danach: Letztlich verteidigt der Roman das parlamentarische System, das in der Gestalt der EU fortexistiert. Die Frage nach mehr Bürgerbeteiligung im Staat liest sich heraus. Die Vision eines algorithmusgesteuerten Staatswesens ist der Albtraum, den es zu verhindern gilt.

Und zwischendrin kommt doch ein Kerngedanke in der Debatte über direkte Demokratie und Politik im Tinder-Stil zum Vorschein, der im Schulunterricht kaum Berücksichtigung finden dürfte: Direkte Demokratie im reinen Referendum-Stil vereinzelt die Bevölkerung und macht sie letztlich zum passiven Anhängsel. Der Einzelne darf über Fragen entscheiden, die ihm von anderen vorgelegt werden. Formulieren kann er sie als Einzelner nicht. Nichts da also mit mehr Macht für das arbeitende Volk…

Der Gegenentwurf dazu ist jedoch nicht, seine Stimme an Stellvertreter abzugeben – denn das ändert nichts an der Machtlosigkeit – sondern eigene Aktivität, Solidarität mit anderen und kollektive Organisation. Direkte Demokratie durch organisierte Massen von arbeitenden Menschen wäre also ein gutes Thema für neue Zukunftsromane.