Die drei Schwestern zeigten sich selbst an, nachdem sie ihren Peiniger erstachen – ein Kommentar von Olga Wolf

Michail Chatschaturjan war ein Russe mittleren Alters. Seine drei Töchter ermordeten ihn in seinem Fernsehsessel mit Hammer und Messern, liefen dann aus dem Haus und zeigten sich selbst an. Der Vater hatte bereits vor Jahren die Mutter der jungen Frauen vor die Tür gesetzt, die Mädchen hatten ihre Rolle einnehmen müssen – „Nicht einmal ein Glas Wasser hat er sich selbst geholt“, mit einem Glöckchen forderte er, bedient zu werden. Und er wurde sexuell übergriffig, fast täglich fasste er seine Töchter an. Der Focus spricht von ihm als „russischem Geschäftsmann“ – aus anderen Berichten und Interviews mit AnwohnerInnen ist bekannt: der Mann machte vor allem kriminelle Geschäfte, handelte in großem Stil Drogen, mehrere Kilogramm Heroin wurden in seiner Wohnung gefunden.

Mord am eigenen Vater

Der Vorfall spaltet die russische Öffentlichkeit in zwei Lager: Während die einen die Notlage der Frauen sehen und Freispruch fordern, sind andere entsetzt. Sie betonen: Den eigenen Vater umzubringen sei eine grauenvolle Tat.  Diese Aussage impliziert, dass die Debatte anders laufen würde, wäre es ein Fremder gewesen.Wer so argumentiert, hat leider nicht verstanden, dass Frauen ihre Peiniger oft kennen, dass es oft Vertraute, Verwandte und Bekannte sind, die belästigen und vergewaltigen. Dass es sich um den biologischen Vater der drei Mädchen handelt, spielt für mich keine Rolle, soviel sei vorab gesagt.

Polizei als Mittäter

Der springende Punkt ist, dass es für die jungen Frauen keinen legalen Ausweg gab. Der Staat beansprucht in Russland ebenso wie in Deutschland für sich, allein über Recht und Unrecht entscheiden zu können. Und der Staat hält das Monopol darauf, nach eigenem Ermessen zu bestrafen oder zu entschädigen. Das Problem beschreiben zahlreiche Berichte über den Fall der Schwestern Chatschaturjan: Der Vater hatte vorgesorgt und Angst geschürt, was passieren würde, wenn sie seine Verbrechen zur Anzeige brächten. Und weil der Vater trotz zahlreicher Drogendelikte und Bedrohungen auf der Straße nie Konsequenzen zu spüren bekam, waren sie sicher, dass es sich bei seinem guten Draht zur Polizeibehörde nicht um leere Worte handeln würde.

Staatliche Institutionen brachten die Frauen letztlich in ihre missliche Lage: Sie waren die Einrichtung, die als einzige legitimiert hätte handeln dürfen. Gleichzeitig ließen sie einen Täter immer und immer wieder in Frieden, bestenfalls gegen Bestechungsgeld. Es ist nur legitim und wichtig, dass Frauen, wie die Schwestern aus Russland, erkennen, dass es für ihre Nöte und Bedürfnisse eben oft keine staatliche Rückendeckung gibt. Und folgerichtig verteidigen sie sich selbst, tun, was unvermeidlich ist, um der Gewalt zu entkommen.

Doppelt abgestraft

Nun sollen die Frauen selbst verurteilt werden. Sie haben sich angezeigt, obwohl sie die Polizei bisher als nicht vertrauenswürdig kennen lernten. Sie werden verurteilt werden wegen Mordes, der in einer Gruppe geplant wurde – ein besonders schwerer Tatbestand in Russland. Zehn bis 15 Jahre Haft stehen ihnen womöglich bevor. Nachdem schon die Polizei die jungen Frauen jahrelang durch ihr Nichtstun allein ließ und bestrafte, wird bald ein Richter eine Haftstrafe über die Schwestern verhängen. Die traurige Erkenntnis ist, dass die Haftstrafe trotzdem eine Verbesserung der Lebensumstände für die drei bedeuten kann, letztlich hielt auch der Vater sie in der Wohnung gefangen, zur Schule durften sie nur selten gehen.

Das kann nicht beschönigen, dass es wieder einmal die Frauen sind – eigentlich Geschädigte der Situation -, die die Härte der Staatsgewalt spüren, weil der Staat uns Frauen das Recht auf Selbstverteidigung aberkennt.