Zu Bob Woodwards Trump-Buch „Fear“ – ein Kommentar von Thomas Stark

Alles nur Show? Ist der wirklich so? US-Präsident Trump gibt vielen Beobachtern in den USA und der Welt seit bald zwei Jahren Rätsel auf. Ein Milliardär, der eine arbeiterfeindliche und rassistische Politik für die US-Konzerne macht – soviel ist klar. Ein Reaktionär, der mit seinem Sexismus auch noch prahlt, keine Frage. Aber ist das Chaos, das im Weißen Haus vermeintlich herrscht, wirklich echt? Oder ist das Bild des eigenwilligen „Anti-Politikers“, der gegen seinen eigenen Apparat arbeitet, nur eine Inszenierung? Eine Show, um die Trump-Basis hinter ihm zu versammeln und Gegner in anstehenden Verhandlungen zu verwirren?

Die Enthüllungsartikel und -bücher über Trump häufen sich. Kürzlich hat Bob Woodward ein neues vorgelegt. Woodward ist nicht irgendwer. Er deckte in den 70er Jahren den Watergate-Skandal mit auf und ist seit Jahrzehnten eine anerkannte Größe im US-Journalismus – mit besten Kontakten in politische Kreise und bekannt für seine akribische Recherche. Über 200 Interviews hat er nach eigenen Angaben für das Buch geführt – sehr viele davon mit Insidern der Vorgänge im Weißen Haus. Die schillerndsten Zitate werden seit einigen Wochen in Zeitungsartikeln und TV-Sendungen genüsslich wiederholt. Trumps Stabschef John Kelly etwa soll bei einem Treffen wutentbrannt über seinen Boss gesagt haben, es bringe nichts, ihm irgendetwas erklären zu wollen: „Er hat den Verstand verloren. Wir sind in Crazytown. Das ist der schlimmste Job, den ich je hatte.“

Woodwards Buch und die Berichterstattung darüber zeichnen Trump als beratungsresistenten Choleriker, der nicht in der Lage ist, einem Gesprächsfaden länger als ein paar Minuten zu folgen, das Lesen von Dossiers ablehnt, Entscheidungen nur aus dem Bauch heraus trifft und oft kurz darauf revidiert. Der Apparat im Weißen Haus, darunter seine engsten Berater würden permanent daran arbeiten, ihn an gefährlichen Spontan-Aktionen zu hindern. Der Ex-Goldman-Sachs-Manager und Trumps Wirtschaftsberater Gary Cohn etwa habe ihm ein Papier vom Schreibtisch gestohlen, mit dem Trump das Handelsabkommen der USA mit Südkorea aufkündigen wollte. Der Präsident habe die Angelegenheit daraufhin schlicht vergessen. Ein Tweet, mit dem Trump den Abzug aller Familienangehörigen von US-Soldaten aus Südkorea anordnen wollte, hätte leicht einen Krieg auf der Halbinsel auslösen können – man konnte ihn wohl gerade noch davon überzeugen, ihn nicht abzusenden. Die Zusammenhänge zwischen internationalen Handelsbeziehungen, politischen oder militärischen Abkommen würden Trump nicht interessieren. Sein einziges Mantra in Wirtschaftsfragen sei es, das Außenhandelsdefizit der USA zu senken – auch wenn 99 Prozent seiner Berater dringend etwas anderes empfehlen.

Das Weiße Haus ist sicher ein Haifischbecken und viele von Woodwards Zeugen werden mit ihren Aussagen eigene Interessen verfolgen. Das Bild der Abläufe im amerikanischen Regierungsapparat ist aber nicht unrealistisch: Trump ist ein kapitalistischer Manager, und der geschilderte Führungsstil ist im Management von Unternehmen nicht unüblich: Hier können Entscheidungen getroffen und kurz darauf wieder rückgängig gemacht werden, ohne dass größere Schäden entstehen. Vereinfachte Kosten-Nutzen-Rechnungen und der eigene Instinkt sind im Geschäftsleben bewährte Mittel: Selbst, wenn es zum Bankrott führt, muss das keine Katastrophe sein – Trump hat den Bankrott vieler seiner Firmen als Immobilienunternehmer immerhin zum Geschäftsmodell gemacht.

Das Problem aus Sicht des US-Kapitals: Einen Staat und ein Unternehmen führen sind zwei unterschiedliche Dinge. Etwas so Komplexes wie die geopolitische Strategie der USA lässt sich nicht wie in einer betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung auf eine einzelne Größe (wie z.B. das Handelsdefizit) herunterbrechen. Ein Handelsabkommen lässt sich nicht einfach kündigen, ohne damit unerwünschte Nebeneffekte auszulösen – wie z.B. das Militärabkommen mit Südkorea zu gefährden. Es ist kein Zufall, dass die Funktion des Managers und des Politikers sich im heutigen Kapitalismus voneinander unterscheiden – und unterschiedliche Charaktertypen erfordern. Skrupellosigkeit braucht man freilich für beides. Und um sicherzustellen, dass die staatliche Strategie die Interessen des Kapitals bedient, schwirren nicht zuletzt unzählige aktive und ehemalige Manager in den Regierungsbehörden herum.

Selbst, wenn nur zwanzig Prozent der von Woodward geschilderten Vorgänge der Wahrheit entsprechen, ist Trumps Präsidentschaft aus Sicht des US-Kapitals in Teilen ein Betriebsunfall. Sicher lässt die größte Steuersenkung seit Jahrzehnten die US-Unternehmen aufjubeln. Die Börsen feiern Trump. Ein anonymer Regierungsmitarbeiter schilderte es in der New York Times jedoch kürzlich so, dass wichtige Projekte nicht wegen Trump, sondern trotz seiner Fahrigkeit durch die Regierung vorangebracht würden. Der Staatsapparat, der selbst wiederum aus unterschiedlichen Interessengruppen besteht, versucht, den Präsidenten in die gewünschte Richtung zu lenken. Dass eine solche Konstellation die Kriegsgefahr noch weiter vergrößert, als sie eh schon ist, liegt auf der Hand.