Die junge Geflüchtete Namika über ihr Leben in Chemnitz – ein Interview von Pa Shan

Namika, seit wann lebst du in Chemnitz?

Ich lebe seit einem Jahr in Deutschland und bin direkt nach Chemnitz gekommen.

Wie war das bei deiner Ankunft? Hattest du Probleme oder lief alles glatt?

Ich hatte überhaupt keine großen Probleme. Es war sehr bequem und gemütlich hier, ich habe viele Deutsche kennengelernt und alles war in Ordnung. Die Stadt ist ein bisschen klein und ein bisschen langweilig. Aber von der Sicherheit her war es hier gut. Bis letzte Woche.

Wie hast du die letzte Woche erlebt? Wie hast du den Sonntag und den Montag darauf wahrgenommen?

Wir waren am Montag auf der Straße. Da habe ich viele aggressive oder wütende Leute gesehen. Und ich habe überlegt: „Wow, hier ist es gefährlich. Ich habe Angst.“ Ich habe jeden Tag Angst gehabt, dass jemand kommt und mich schlägt. Jetzt im Moment habe ich echt große Angst.

Du hattest vor Montag noch keine Angst auf den Straßen, aber seit Montag hat sich das geändert?

Ja, jetzt habe ich Angst. Aber nicht wegen den Ausländern, sondern wegen wütenden Deutschen. In den Medien gibt es auch Kommentatoren, die sagen, dass es nur wenige Nazis gab. Die meisten Menschen, die da protestiert haben, seien nur besorgte Bürger oder „normale“ Bürger, die einfach nur Angst vor Gewalttätern haben.

Was hältst du davon?

Ich denke, „normale“ Menschen oder die Deutschen müssen keine Angst haben. Ich denke, die Deutschen müssen keine Angst vor Nazis haben. Aber es gibt Deutsche, die ein Problem mit uns Ausländern haben. Und eigentlich sind die Ausländer hier in Chemnitz ruhig. Die machen keine großen Probleme. Natürlich, es gibt jugendliche Ausländer in der Stadt, die laut lachen oder laut sprechen. Aber das ist normal. Viele deutsche Jugendliche sprechen auch laut oder lachen laut. Das ist normal in diesem Alter.

Hat sich denn die Stimmung in der Stadt stark verändert?

Ja, die Leute gucken sehr komisch. Sie gucken ein oder zwei Sekunden in dein Gesicht und überlegen länger, wo du hingehörst. Das ist nicht schön und nicht normal. Meine Mitschüler haben z.B. in der Schule gesagt, dass die Verkäufer oder Bäcker sich jetzt anders verhalten. Die haben sehr schlecht gesprochen oder komisch geguckt. Ich selbst habe das erst nicht gemerkt. Aber ich habe auch gemerkt, dass es so ist. Mein Freund ist ein Deutscher und er hat das auch bemerkt. Die Leute misstrauen einander. Deutsche misstrauen auch anderen Deutschen.

Ich weiß nicht, ob es in anderen Städten auch so ist. In großen Städten ist doch mehr Kriminalität. Ich denke, in einer kleinen Stadt wie Chemnitz mit vielen älteren Leuten ist es anders. Besonders für ausländische Männer ist es jetzt schwer. Die werden schnell wie Verbrecher angeguckt und behandelt.

Wie siehst du die Gegenproteste?

Ich finde das sehr gut. Deshalb habe ich auch teilgenommen. Heute sind viele Leute gekommen. Und jetzt fühle ich mich ein bisschen besser. Es gibt viele normale Menschen, die uns Ausländer mögen, die Menschen mögen und keine Probleme mit Fremden haben.

Ich habe gesehen, dass es hier iranische Restaurants gibt. Das gab es früher nicht oder?

Ja, es gibt sogar zwei. Vor fünf Jahren, als mein Bruder hier hergekommen ist, war es noch anders. Da gab es kaum Ausländer hier. Jetzt sind einige Geflüchtete hier. Das ist nicht schlecht, denke ich.

Auch gibt es viele arme Leute hier. Sie denken oft, dass die Ausländer ihnen das Geld wegnehmen oder so. Aber das ist eine alte Denkweise. Das ist nicht so. Wenn Menschen wie ich hier 30 Jahre lang arbeiten, zahlen sie hier auch 30 Jahre lang Steuern. Das ist auch gut für Deutschland und Chemnitz. Aber das dauert noch ein paar Jahre, bis die Menschen sich daran gewöhnen, dass sich die Stadt hier verändert.

Siehst du eine Lösung für die jetzige Situation?

Ich denke, Sachsen oder Ostdeutschland brauchen einige Jahre, um Ausländer kennen zu lernen. Ich denke, es ist schwierig für die Menschen hier. Es gibt viele alte Menschen, die kaum Ausländer kennen. Sie haben oft keine Ahnung von anderen Kulturen. Früher in der DDR kannten die Menschen vielleicht nur Kubaner oder Vietnamesen. Aber jetzt gibt es auch Iraner oder Syrer hier. Aber ich denke, sie sollten einsehen, dass Ausländer sehr gut sind für Deutschland. Es gibt viele Menschen, die hier arbeiten wollen und normal leben wollen. Probleme machen nur wenige.