Eroberung Idlibs steht bevor – eine Analyse von Anton Dent

Seit sieben Jahren befindet sich Syrien nun im Bürgerkrieg. Aus Protesten und Aufständen einer Vielzahl an oppositionellen Gruppierungen ist ein geteiltes und ausgeblutetes Land entstanden. Im Norden Syriens ist eine demokratische Autonomieregion unter der Führung der revolutionären kurdischen Partei PYD entstanden. Um diese zu bekämpfen, hat die Türkei mit deutschem Sponsoring zu Beginn dieses Jahres einen Teil Syriens besetzt. Die islamistische Terrororganisation „Islamischer Staat“ hatte eine Zeit lang flächenmäßig den Großteil Syriens besetzt und steht nun kurz vor dem Zusammenbruch. Auf der Seite des syrischen Regimes griffen Russland und Iran in den Krieg ein. Saudi-Arabien wiederum finanzierte die islamistische Opposition, Israel bombardierte iranische Militärstellungen und natürlich zogen auch die USA und Frankreich zahlreiche Luftangriffe durch. Es wird wohl eine Arbeit von Generationen an Historikern bedürfen, um dieses dicht verknotete Bündel an internationalen Beziehungen und Verwerfungen aufzuarbeiten.

Heute steht der Angriff der syrischen Regierung mit Unterstützung des Irans und Russlands auf die letzte Hochburg der islamistischen Opposition bevor. Das Regime will die Provinz Idlib zurückerobern, „koste es was es wolle“, die USA drohten mit einer Einmischung, wenn Chemiewaffen zum Einsatz kommen sollten und die Vereinten Nationen befürchten eine humanitäre Katastrophe mit abermals 800.000 Flüchtlingen.

In Deutschland drückt man beharrlich seine Feindschaft gegen Präsident Assad mit der Verharmlosung der islamistischen Kämpfer in Idlib aus. Diese heißen in allen Leitmedien einfach „Rebellen“ oder „Assad-Gegner“. Idlib wird aber nicht einfach nur von irgendwelchen Gegnern Assads kontrolliert, sondern von der Gruppe Hajat Tahir al-Sham, dem syrischen Ableger der Al-Kaida. Das waren die mit dem World Trade Center und Bin Laden. Neben ihnen existieren noch andere islamistische Kampfverbände, die sich nun zur NLF (Nationale Befreiungsfront) zusammengeschlossen haben und von der Türkei unterstützt werden. Und wie von der Türkei unterstützte Milizen vorgehen, wurde während der Eroberung von Afrin gut dokumentiert. Exekutionen von Kindern inklusive.

Nun steht der Westen vor einem Problem: Auf der einen Seite kann er einen Rückzugsort von mehreren zehntausend Al-Kaida-Kämpfern nicht wirklich begrüßen. Auf der anderen Seite wäre ein Sieg Assads eine schmetternde Niederlage für die führende Weltmacht. Ihr Ziel war es seit 2011, Präsident Assad zu stürzen und damit den Iran zu schwächen. Wirkliche Bündnispartner vor Ort hatten sie jedoch nicht. So mussten die USA darauf zurückgreifen, den Kampf gegen den IS und die damit verbundene Unterstützung der Kurden dafür zu nutzen auf syrischem Boden Fuß zu fassen. Des Weiteren konnten sie nur darauf hoffen, dass sich das Regime im Kampf mit den Islamisten aufreibt und zerbricht. Hierzu kam es aber nicht. Syrien ist in großem Umfang wieder unter der Kontrolle von Damaskus.

Ende der Woche steht noch ein Syrien-Gipfel bevor, bevor die Bodenoffensive wohl losgehen wird. Hierfür treffen sich Russland, Iran und die Türkei. Es ist zu erwarten, dass eine Schlacht um Idlib hier nicht mehr abgewendet werden wird. Moskau verlegte bereits zehn Kriegsschiffe und zwei U-Boote ins östliche Mittelmeer. Sie sind mit Mittelstreckenraketen ausgerüstet, die jeden Ort in der Provinz Idlib treffen können. Seit Wochen zieht das syrische Militär schweres Geschütz um Idlib zusammen.

Eine Einmischung der NATO ist vorerst nicht auszuschließen. Scharfmacher in allen Ländern überbieten sich an Drohgebärden gegenüber Assad, Russland und dem Iran. Wieder einmal wird die Gefahr eines Chemiewaffenangriffs lanciert, um eine Rechtfertigung für eine Intervention zu haben, falls solch einer tatsächlich oder als False-Flag Angriff durchgeführt wird. Dass syrische Islamisten bereits Chemiewaffen genutzt haben und deshalb über die nötigen Fähigkeiten verfügen, ist bekannt.