Erster Tag der Räumung im Hambacher Forst – ein persönlicher Bericht von Max Rose

Am Donnerstag hat die Polizei begonnen, die Baumhäuser im Hambacher Forst bei Jülich zu räumen. Damit soll die Rodung des Walds durch den RWE-Konzern ermöglicht werden. Ein Bündnis hatte zu Aktionen zivilen Ungehorsams aufgerufen: Sprint in den Wald, Lücken suchen im Dickicht – Perspektive Online hat Anne Schönberg von der „Aktion Unterholz“ live begleitet.

Unser Tag beginnt gegen 12 Uhr mit der Zugfahrt von Köln in das beschauliche Buir. Das Dorf liegt nicht mehr in der Zone, die von RWE abgeholzt werden soll. Wer jedoch wie wir den Weg über die Autobahnbrücke findet, befindet sich bereits dort, wo bald nichts mehr sein soll – außer Tagebau.

Schon bald entdecken wir eine kleine Spontan-Demonstration: ca. 100 Personen haben sich zusammengefunden und marschieren zur Mahnwache, die direkt gegenüber des Hambacher Forsts liegt: Polizei-Wannen, Räumpanzer, Wasserwerfer – die Polizei ist mit einem massiven Aufgebot vor Ort und riegelt den Wald von außen ab. Innen sind sie schon an den Baumhäusern dran. Fast 4.000 Polizisten sind für den Gesamteinsatz herangezogen worden.

Wir entscheiden, uns erst einmal auf den Weg zur Pressekonferenz im Gemeindesaal in Buir zu machen, um sie live zu verfolgen und zu senden (das wollen wir ja nicht nur N-TV überlassen). Im Anschluss können wir hier Karolina Drzewo von „Ende Gelände“ über den Zusammenhang von Klima, Kapitalismus und Hambacher Forst interviewen:

1.600 Menschen auf Spontan-Demo für den Hambacher Forst

Um 16:00 begeben wir uns dann zum Bahnhof Buir, um die erst kurz zuvor ausgerufene Demonstration von Buir aus bis zum Waldrand zu begleiten: rund 1.600 Menschen sind da – nicht schlecht für eine so kurzfristige Mobilisierung! Dort treffen wir auch Anne Schönberg. Sie ist Sprecherin der „Aktion Unterholz“ und wir dürfen sie während der Demo begleiten.

Die Demonstration beginnt  mit einer kämpferischen Auftakt-Kundgebung, auf der verschiedene Organisationen und Personen sich vorstellen. Darunter auch ein evangelischer Pfarrer, der sich wenige Stunden zuvor noch an einer Sitzblockade gegen RWE beteiligt hatte und von der Polizei „entfernt“ werden musste.

Danach setzt sich der Demonstrationszug in Richtung Mahnwache – gegenüber des Walds – in Bewegung, verschiedene Parolen wie „Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns den Hambi klaut!“ werden gerufen. An der Mahnwache angekommen, gibt es noch eine Zwischenkundgebung – die noch in die Länge gezogen werden muss. Der Grund: Einige DemonstrantInnen haben Wanderrucksäcke, Isomatten oder sonstige Übernachtungsutensilien dabei und die Polizei kündigt an, sie aufzuhalten. Das wollen die AktivistInnen jedoch nicht mit sich machen lassen, wie wir gleich sehen werden:

Aktionen des zivilen Ungehorsams

Nach einigen Diskussionen kann die Demo jedoch weiterziehen. Langsam sickern immer mehr Menschen von der Straße aus aufs offene Feld, die Polizei fordert auf, dies zu unterlassen. Plötzlich hören wir hinter uns: „Hallo zusammen, wir sind die Aktion Unterholz und wir werden gleich gemeinsam die Polizeiketten durchfließen“.

Dann geht alles ziemlich schnell: Dutzende Menschen laufen über die Felder in Richtung Hambacher Forst. Hinter uns tönt es aus dem Megaphon, dass alle sich auf die Breite verteilen sollen, um auch die Polizeiketten auseinander zu ziehen. Wir bleiben nah bei Anne, die ebenfalls in Richtung Wald unterwegs ist.

Die Polizei geht rabiat gegen die vor, die ihr zu nahe kommen: Schlagstöcke, Fäuste, Tritte und Hunde kommen zum Einsatz, einige AktivistInnen werden zu Boden gedrückt.

Doch die Lücken der Polizei sind bereits zu groß, rund 200 Personen gelangen in Richtung Wald, wir und Anne auch – wir sind drin im Wald.

Während der Aktion sollen insgesamt 14 Beteiligte in Gewahrsam genommen worden sein. Nach Aussagen von OrganisatorInnen der Mahnwache durften sie nach einer Personenkontrolle jedoch wieder gehen.

Katz und Maus im Wald

Im Wald schließt sich Anne einem der zwei ‚Finger‘ an, die es in den Wald schaffen – wir gehen mit. Dort beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und DemonstrantInnen, das jedoch mit einem kleinen Sieg für Letztere enden soll.

Die AktivistInnen der „Aktion Unterholz“ sind gut vorbereitet und erkundigen sich am Waldrand zunächst einmal, ob es allen Beteiligten gut geht. Dann erklären sie das weitere Vorgehen: per Stimmungsbild wird abgefragt und dann koordiniert, wohin die Einzelnen nun gehen wollen, um die BesetzerInnen im Wald zu unterstützen und die Räumungen zu verhindern.

Wer nicht weiter will, kann natürlich raus. So entscheiden sich fünf Personen nach langem Hin und Her, den Wald doch lieber zu verlassen, was ihnen von den Anführenden der Aktion gefahrlos ermöglicht wird.

Zwischendurch haben wir dann auch kurz Zeit, Anne zu interviewen.

Die weiteren AktivistInnen entscheiden sich währenddessen, in Richtung ‚Gallien‘ – einer Ansammlung von Baumhäusern, die miteinander verbunden sind – zu gehen, wo sie nach einem einstündigem Hin und Her mit der Polizei schlussendlich auch ankommen.

Dort wird sich neu aufgestellt und allen UnterstützerInnen zur freien Wahl gestellt, entweder im Wald zu übernachten, nach Hause zu gehen oder sich weiter an Aktionen zu beteiligen.

Der Großteil will weitere Aktionen gegen RWE durchführen und entschließt sich, zum Baumhausdorf ‚Nord‘ zu ziehen, wo es zum gleichen Zeitpunkt zur Räumung eines der Baumhäuser kommt. Aufgrund der hereinbrechenden Dunkelheit erachten wir es jedoch nicht mehr für sinnvoll, die weitere Aktion filmisch zu begleiten und machen uns auf den Rückweg

Ein erfolgreicher Tag

Alles in Allem möchten wir die von uns begleiteten Aktionen zivilen Ungehorsams der ‚Aktion Unterholz‘ an diesem Tag als erfolgreich bewerten: Zumindest ist es mehreren hundert Menschen gelungen, in den Wald zu gelangen und RWE und Polizei vorübergehend von ihren ‚Räumungsarbeiten‘ abzuhalten.

Erschreckt hat uns das massive Polizeiaufgebot von 4.000 PolizistInnen, die aus ganz Deutschland für diesen Einsatz herangezogen wurden. Auch die Bundespolizei war mit mehren Hundertschaften vor Ort – Wasserwerfer, Räumungspanzer, Pferdestaffeln, Scheinwerferanlagen und mindestens ein Helikopter inklusive.

Es ist schon interessant und gleichzeitig traurig, leibhaftig mitzuerleben, wie unser Staat tausende PolizistInnen aus ganz Deutschland abstellt, um einen Konzern bei der Räumung und Rodung eines der ältesten Wälder Deutschlands zu unterstützen, jedoch nur 800 Polizeibeamte in Chemnitz bereit hält, wenn Hetzjagden und Angriffe auf Menschen verübt werden.

Wie sieht es in den kommenden Wochen aus?

Von Beginn an versammelte sich die ‚Aktion Unterholz‘ unter dem Motto: „Wenn ein Baum fällt, kommen wir!“. Daran hat sie sich bis jetzt gehalten und will dies auch weiterhin tun. Auch andere Bündnisse rufen zum Protest  auf: von der am kommenden Sonntag, 16.9., stattfindenden „Aktion Aufbäumen“ bis hin zu den großen Massen-Blockaden von ‚Ende Gelände‘ vom 25. bis 29. Oktober. – So wird der Kampf um den Erhalt des Hambacher Forsts weitergehen – und auch wir als Perspektive Online werden weiterhin darüber berichten.