Gestern, am 27. Oktober startete die große Blockadeaktion von dem antikapitalistischen Klimaschutzbündnis „ENDE GELÄNDE“. Bereits im Vorfeld gab es große Aktionen von Ende Gelände, „Aktion Unterholz“ und den BesetzerInnen im und um den Hambacher Forst, wodurch die Räumung und Abholzung des alten Waldes verzögert wurde und schlussendlich durch ein Gerichtsurteil komplett eingestellt werden musste.

Über 6.500 Menschen beteiligten sich an den Aktionen des zivilen Ungehorsams von Ende Gelände und Hunderte weiter an einer Sitzblockade von „Kohle erSetzen“ und weiteren kleineren Aktionen. Von Ende Gelände aus gab es verschiedene Blockaden, darunter eine Autobahnzufahrt. Diese Blockade wurde von der Polizei brutal mit Wasserwerfern aufgelöst.
Auch gab es 15 Menschen, die in der Kohlegrube einen Bagger besetzten sowie verschiedene andere Blockadepunkte. Von der Mahnwache in Buir startete um 10:30 eine Großdemonstration für den sofortigen Kohleausstieg.

Unser Korrespondent Max Rose war dabei und berichtet über seine Beobachtungen und Erlebnisse:

Aufgrund der in den letzten Wochen immer wieder ausgefallenen Bahnen bei Demonstrationen im oder um den Hambacher Forst reisten wir bereits eine Stunde früher an, um polizeilichen Maßnahmen – die gegen geltendes Recht verstoßen – zu entgehen.
Doch bereits eine Stunde vor Beginn der Demonstration war die Stimmung mit mehreren tausend Menschen an der Mahnwache Hambacher Forst laut, bunt und fröhlich.

Um 10:30 befanden sich an der Mahnwache schon mehrere zehntausend Menschen, die sich der Demonstration anschlossen. Es wurden Schilder hochgehalten, die den sofortigen Kohleausstieg forderten. Man spürte allerdings auch eine gewisse Wut auf den NRW-Innenminister Armin Laschet, der Ausdruck verliehen wurde mit Spruchbändern wie „Demokratie statt Laschet!“.

Auch ein Block von Ende Gelände mit über tausend TeilnehmerInnen war in ihren traditionellen weißen Anzügen erschienen. Wir schlossen uns diesem (pinken) Finger von Ende Gelände im hinteren Drittel an. Die Stimmung in dem Block war kämpferisch und man fühlte sich in der Gemeinschaft von so vielen netten und motivierten Menschen sehr wohl.

Nach einer kurzen Auftaktkundgebung wollte die angemeldete Demonstration losgehen, wurde jedoch nach wenigen Schritten von der Polizei aufgehalten. Die Begründung lautete, dass sich Teilnehmer vermummt hätten, und so nahmen einige Menschen (darunter auch Kinder und Alte) ihre Schals und Mützen, die sie aufgrund der Kälte trugen, ab. Daraufhin durfte die Demonstration weiter gehen.

Die Stimmung wurde immer besser! Es wurden Lieder gesungen, Parolen gerufen und bunte Rauchtöpfe färbten den Demonstrationszug.

Auf die Schienen wollen wir!

Bei einer Biegung brach der pinke Finger plötzlich aus der angemeldeten Demonstration aus und rannte über ein Feld hinweg mit dem Ziel, den Kohleausstieg jetzt selbst in die Hand zu nehmen. Mit der Parole „Auf gehts, ab gehts Ende Gelände!“ wurde eine von der Polizei aufgestellte Pferdestaffel friedlich durchflossen. Gut organisiert ging es dann in Fünfer- und Sechserreihen weiter über Felder und Straßen – bis sich vor uns eine Polizeikette aus mehreren Hundertschaften aufbaute.

Doch auch diese musste unserer schieren Masse weichen, auch wenn Polizisten vereinzelt mit Schlagstöcken, Pfefferspray und anderen Mitteln versuchten, DemonstrantInnen einzuschüchtern oder zu treffen. Es kam zu einigen Laufeinlagen, um weiteren Polizeikontakt zu vermeiden und friedlich weiter zu kommen. Allmählich wurde auch das genauere Blockadeziel klar: die Gleise der Kohlebahn, die die Kraftwerke von RWE mit der umweltschädlichen Braunkohle beliefert. Das Einzige, was sich noch zwischen diesen und den Menschen von Ende Gelände befand, war ein kleines Waldstück.

In voller Breite wurde darauf zugegangen, um die davor aufgestellte Reiterstaffel durchfließen zu können. Dabei riss eine Polizistin mit ihrem Pferd, über das sie scheinbar die Kontrolle verloren hatte, eine Mutter mit Kind um. Beiden ist jedoch nichts passiert, ihnen wurde von 3 Demonstranten aufgeholfen und sie wurden in Sicherheit gebracht. (Später trafen wir sie bei den Schienen wieder und sie waren fest entschlossen, sich auch weiterhin für den sofortigen Kohleausstieg einzusetzen.) Dieser Vorfall zeigt jedoch erneut, wie gefährlich Pferde auf Demonstrationen sind, und dass die Polizei diese Tiere nicht immer unter Kontrolle hat.

Über 2.500 Menschen auf den Schienen

Im Wald selbst wurden die Menschen von der Polizei erneut mit Schlagstöcken und Reizgas angegriffen. Die DemonstrantInnen hielten jedoch zusammen und halfen einander. Als die Polizeigewalt zunahm, zog man sich wieder ein Stück aus dem Wald zurück – jedoch nur kurz, um die Polizeiketten in die Länge zu ziehen und die Lücken somit zu vergrößern. Dieses gut organisierte Manöver erlaubte es den DemonstrantInnen anschließend, durch den Wald über ein Stückchen Feld einen kleinen Hang hinunter auf die Kohlebahn zu gelangen, wo sie auf bereits weitere tausend AktivistInnnen von Ende Gelände trafen.

Insgesamt befanden sich nun über 2.500 DemonstantInnen auf den Schienen! Sie sangen gemeinsam Lieder, spielten Karten oder malten Transparente. Mit zunehmender Dunkelheit nahm auch die Kälte zu und die Menschen auf den Schienen begannen, sich ihre Schlafplätze für die Nacht einzurichten. Der Lautsprecherwagen der Polizei ließ es sich unterdessen nicht nehmen, alle 10 Minuten die Temperatur anzusagen und die Menschen auf den Schienen zu nerven.
Diese ließen sich jedoch nicht einschüchtern, sondern stimmten dagegen mit Parolen wie „A – Anti – Anticapitalista“.

Auch wurde Solidarität von den Teilnehmern bewiesen, die nicht auf den Schienen übernachten wollten, dafür allerdings Schlafsachen und andere benötigte Materialen hinunter warfen.
Teilweise auch auf Wusch: Ein Aktivist fragte von der Schiene aus nach einer Isomatte und eine Demonstrantin von oben gab ihre Eigene ohne zu zögern ab. Sie warf sie hinunter mit den Worten: „Ihr seid Helden!“.

Die DemonstantInnen kuschelten sich die Nacht über zwischen den Bahngleisen ein und verbrachten trotz der Kälte und dem harten Boden eine schöne Nacht. Am nächsten Vormittag begann die Polizei dann mit Unterstützung von RWE, die „HeldInnen“ zu räumen. Dazu stellte RWE einen Zug zur Verfügung, in den die Polizei die AktivistInnen stopfte. Die Bilder erinnerten an den Abtransport von politischen Gefangenen in ein Straflager vor längst vergangenen Zeiten. Dennoch zog sich die Räumung über Stunden hinweg und RWE musste – seit Beginn der Aktionen von Ende Gelände am 25.10. – mittlerweile alle seine Kraftwerke im Rheinland drosseln, womit die Aktivisten von Ende Gelände mehr als nur ein Zeichen für den sofortigen Kohleausstieg gesetzt haben.

Denn dass die Regierung oder NGOs wie Greenpeace unsere Welt nicht retten werden, scheint immer mehr Menschen klar zu werden.

Persönliches Fazit

Ende Gelände hat erneut gezeigt, dass es wichtig ist, den Kohleausstieg selbst in die Hand zunehmen und sich nicht auf die Regierung zu verlassen, die nur die Interessen der Konzerne vertritt. Das Bündnis hat bewiesen, was man bewirken kann, wenn man sich organisiert und zusammenarbeitet, und dass dieses System des Kapitalismus die Wurzel des Problems ist. Die Aktion war ein voller Erfolg!

Und in diesem Sinne kann ich nur sagen: „Auf geht’s, ab geht’s, Ende Gelände!“