Den Mauerfall habe ich nicht erlebt. Geboren wurde ich einige Jahre danach im tiefsten Westen Deutschlands, und für meine Eltern war dieses Ereignis nie besonders wichtig. Warum sollte es das also für mich sein? Mit meinem Umzug in den Osten hat sich das geändert. – Ein Kommentar von Paul Gerber zu 29 Jahren Mauerfall.

Groß geworden bin ich wie viele andere Menschen meiner Generation mit der einfachen und schönen Erzählung, dass die Menschen in der DDR eben die Nase voll hatten von Mangel und Repression und sie kurzerhand die Mauer eingerissen haben.

Gerade durch meinen Umzug in den Osten Deutschlands hat sich meine Sicht auf dieses Ereignis nochmal stark verschoben. Warum? Weil ich erst hier mit der Perspektive der Ostdeutschen in Berührung kam.

Eine politische Zeit

Als interessierter Beobachter kann ich vorläufig Folgendes über die heutigen Gedanken derjenigen, die den Mauerfall selbst erlebt haben, feststellen:

Ein Teil war von Anfang an dagegen und verteidigt die DDR noch heute von vorne bis hinten. Zum Beispiel ehemalige Volkspolizisten, die betonen, dass die NVA eine Friedensarmee war und von der DDR nie Krieg ausgegangen sei. Ein Teil war wohl anfangs dafür, ist nun aber nach fast 30 Jahren vollständig desillusioniert und verbittert. Diese Menschen findet man überall, auch im Supermarkt, sie sagen Dinge wie: „Naja, wie soll‘s mir gehen? Schlecht geht‘s. Aber wir haben es ja selbst so gewollt.“

Ein großer Teil – und hier würden Viele sagen, der größte Teil – hat die Zeit vor dem Mauerfall als politische Zeit in Erinnerung, als Zeit des Wandels und der Diskussionen. Zum Teil entstand das Gefühl, etwas verändern zu können.

Diese Sichtweise kommt nicht nur von denjenigen, die in Leipzig oder Berlin an den Montagsdemonstrationen teilgenommen haben. Zum Beispiel berichten auch ehemalige Basis-Mitglieder der SED, dass ein frischer Wind im Land wehte, dass offener Kritik in der Parteibasis geübt wurde.

Real-existierender Kapitalismus

So verschieden die Erwartungen, Hoffnungen oder Ängste waren, die die Menschen in der DDR in dieser Phase entwickelt haben – was danach kam, haben so wohl die Wenigsten erwartet. Denn in den Osten unseres Landes kam vor allem eins: Die volle Härte des Kapitalismus. Tausende Unternehmen wurden geschlossen und ausgeschlachtet, die Beschäftigten arbeitslos. Nicht etwa, weil nicht mehr produziert werden konnte, sondern weil der Markt schlicht durch die Produktion westlicher Unternehmen gesättigt war. Man wollte den Anschluss der DDR – um den eigenen Markt zu erweitern, nicht um die Konkurrenz zu vergrößern.

Tatsächlich war das ursprüngliche Ziel der meisten DemonstrantInnen zu dieser Zeit nicht der einfache Anschluss der DDR an die BRD, sondern vielmehr Reformen in der DDR oder ein vereinigtes Deutschland auf neuen Grundlagen.

Den Kopf nicht in den Sand stecken

Die massenhaften Proteste bis zum Mauerfall zeigen somit: Der Wunsch nach Veränderungen kann sich auch sprunghaft und nach Jahren relativer Ruhe Bahn brechen und zum Flächenbrand werden. Auf unsere Situation heute übertragen, ist der Mauerfall ein Appell, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern darauf zu vertrauen, dass auch heute die Mehrheit der ArbeiterInnenklasse die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen nicht ewig klaglos in sich hinein fressen wird.

Zugleich ist dieses Ereignis ein Beleg für eine andere Tatsache: Politische Aktivität, selbst wenn sie massenhaften Charakter annimmt, bringt nicht per se Fortschritt mit sich. Es bleibt die Frage, was wollen die protestierenden Menschen, für welche Ziele kämpfen sie? Die Geschichte zeigt deshalb, nicht nur um die Macht muss jahrzehntelang gekämpft werden. Die bewusstesten ArbeiterInnen müssen einen organisierten Kampf um das Bewusstsein ihrer Klasse führen, sonst wird diese von ihren Ausbeutern weiter an der Nase herumgeführt. Genau wie 1989 und 1990.