Noch bis einschließlich diesen Sonntag läuft die Sonderausstellung „Angezettelt – Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute“ im NS-Dokumentationszentrum des Historischen Museums der Stadt Köln am Appelhofplatz. Die Ausstellung wird ausgerichtet vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und des NS-Dokumentationszentrums München.

Sticker, die man heute an jeder Laterne, auf der öffentlichen Toilette oder an Straßenschildern findet, sind keine Erfindung der Moderne, sondern fanden ihre Verbreitung bereits im späten 19. Jahrhundert. Sie propagierten Feindbilder und zeigen bis heute die Beständigkeit des Antisemitismus und kolonialer Traditionen, verschiedene Facetten von Rassismus, sowie das Wiedererstarken völkischen Denkens.

Die Sonderausstellung belegt zwar nur einen Raum im EL-DE-Haus, besticht aber durch eine Fülle an Stickern, Abbildungen, Spuckis und Briefmarken, die von deutsch-nationalen Bewegungen der Vergangenheit bis zu den neuen modernen rassistischen Gruppen der Gegenwart reichen. Es wird dargestellt, wie anpassungsfähig der Antisemitismus ist und wie er sich den jeweils aktuellen politischen Auseinandersetzungen anpasst. Ein Klebezettel um 1900 zeigt einen dunklen, mittellosen Eindringling, der von einer Deutschlandkarte getreten wird. Überschrieben wird dieses Bild mit „Los von Juda – Die Juden sind Deutschlands Unglück“. Hierbei wird die Hetzparole des Berliner Historikers Heinrich von Treitschke „Die Juden sind unser Unglück“ aufgegriffen und für die chauvinistische und antisemitische Propaganda verwendet. Im Gegensatz zu diesem alten Klebezettel zeigt der Sticker einer modernen Nazi-Gruppe aus Berlin eine schreiende Frau mit der Bildunterschrift „Schuldkult Holocaust – Ich kann es nicht mehr hören!“. Hierbei wird die Auseinandersetzung mit dem Massenmord an den europäischen Juden als reiner Schuldkult diffamiert.

Neben Klebezetteln waren antisemitische Briefverschlussmarken im Deutschen Kaiserreich sehr populär. Hierbei wird der normale Briefumschlag wie gewöhnlich zusammengefaltet, aber mit einer kleinen Marke verschlossen. Auf dieser Marke fanden sich verschiedene antisemitische Parolen und kurze Hetzschriften („Trau keinem Fuchs auf grüner Haid´, trau keinem Jud´ auf seinen Eid. – Dr. Martin Luther). Die Ausstellung endet aber nicht beim alten und neuen Antisemitismus, sondern zeigt auch den Kolonialrassismus um 1900, der durch Sammelbilder und -alben mit kolonialen Motiven verbreitet wurde. Hierbei wird die Darstellung der angeblichen Ungleichheit von Europäern und Kolonisierten etabliert.
Zusätzlich zeigt das Museum die aktuellsten Auswüchse faschistischer Propaganda. Von Nazi-Gruppen aus Köln („Deutschen Sozialismus durchsetzen“) über Autonome Nationalisten aus dem ganzen Bundesgebiet („National befreite Zonen, Nationaler Widerstand“) bis hin zu Rückflugtickets für Menschen mit Fluchterfahrung von der NPD, ist die Ausstellung reich an Beispielen. Auch Sticker der Identitären Bewegung und der AfD mit ihren chauvinistischen Motiven werden gezeigt.

Für Interessierte ist die Sonderausstellung sehr zu empfehlen und für Kurzentschlossene sowieso, da man nicht mehr als eine Stunde Zeit benötigt, um alle Ausstellungsstücke zu sehen. Es lohnt sich.