Antifaschistinnen und Antifaschisten auf Demonstrationen gegen Nazis kennen sie, UmweltaktivistInnen im Hambacherforst haben sie erlebt und Fußballfans müssen jedes Wochenende mit ihr umgehen: Polizeigewalt.

Seit dem 8. November 2018 ist an der Ruhr Universität Bochum ein Untersuchungsprojekt gestartet worden, welches die rechtswidrige Anwendung von Gewalt durch die deutsche Polizei untersuchen soll. Hierbei soll systematisch analysiert werden, wie, wann und wer zum Opfer werden kann, wie eine Aufarbeitung durch Behörden und Polizei erfolgt und in welchem Verhältnis die Dunkelziffern zu den eigentlichen Anzeigen stehen.

Die Opfer stehen im Mittelpunkt

Erstmals wird die gegen das Recht verstoßende Polizeigewalt explizit aus der Perspektive der Opfer beleuchtet und deren Erfahrungswelt empirisch untersucht. Dies geschieht durch eine konkrete Opferbefragung, und gleichzeitig sollen deren Berichte ExpertInnenbefragungen gegenüber gestellt werden. Das Projekt wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und richtet sich an Betroffene. Jede Person, die von der Polizei körperliche Gewalt erfahren hat und glaubt, dass dabei die Verhältnismäßigkeiten überschritten worden sind, kann an dieser Studie teilnehmen.

Die Befragung dauert rund dreißig Minuten und der Fragebogen ist auf den Sprachen Deutsch, Englisch, Arabisch und Französisch verfügbar. Die zu erwartenden Ergebnisse der Studie ermöglichen es, über das Fehlverhalten bei polizeilichen Gewaltausübungen fundierte Aussagen zu treffen. Sie liefern belastbare Daten zu den Risiken von Opfern, zu der Aufarbeitung der Maßnahmen, den Dunkelziffern und das Anzeigeverhalten.

Wer kann zum Opfer werden?

Im Fokus der Untersuchung steht der sogenannte „Viktimisierungsprozess“. Dieser beschreibt, wie eine Person zum Opfer werden kann. Dabei können verschiedene Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Einerseits können bestimmte Situationen, zum Beispiel in einem Fußballstadium oder auf einer Demonstration, Risiko- oder Konfliktpotentiale beinhalten, andererseits können persönliche Merkmale, zum Beispiel die Herkunft und die Hautfarbe des Opfers, den Viktimisierungsprozess beeinflussen.

Wer stellt eine Anzeige gegen Polizeigewalt?

Ob eine strafbare Handlung gegeben ist, hängt davon ab, ob eine Strafanzeige bei den Behörden vorliegt. Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen und die Entscheidung mitbeeinflussen, soll durch die Befragung genauer beschrieben werden. Wenn keine Anzeigen bei der Polizei eingehen, so bleiben sie im Dunkeln und die Öffentlichkeit erfährt nichts von der Existenz der gesetzwidrigen polizeilichen Handlungen. Dieses Dunkelfeld soll durch die Befragung erhellt werden und gerade die nicht zur Anzeige vorgebrachten Fälle sollen ausgewertet und deren Struktur und Besonderheiten betrachtet werden.

Leserinnen und Lesern, die glauben Opfer von rechtswidriger Polizeigewalt geworden zu sein, können sich hier an der Studie beteiligen.