Ein Interview mit drei BesetzerInnen der Freiburger Initiative „Wohnraum gestalten“ (WG) – von Pa Shan

Was ist heute in der Guntramstraße passiert?

Cory: In aller Früher sind wir in ein Haus in der Guntramstraße 44 reingegangen und haben angefangen, das Haus auf eine Räumung vorzubereiten, um diese zu erschweren. Und dann sind auch die ersten Unterstützer eingetroffen, die sich unten auf der Straße angesammelt haben. Uns war ein Austausch zwischen den BesetzerInnen und den NachbarInnen wichtig. Deswegen haben wir unten auf der Straße ein Frühstücksbüffet eingerichtet, was über den ganzen Tag ein Brunch geworden ist, mit Kaffee, mit Tee, mit Kuchen, Obst und Leckereien.

Das Feedback war durchgehend positiv. Die meisten Menschen sind auf uns zugekommen, haben sich gefreut. Einige der gegenüber Wohnenden haben auch gesagt: Endlich wird dieses Haus besetzt. Das einzige, was man machen kann, ist ziviler Ungehorsam. Auch daran merkt man, wie wenig Vertrauen noch in die Politik besteht.
Irgendwann kreuzte der Vermieter mit seiner Familie auf, um sich Zugang zum Gebäude zu verschaffen. Innen hat er dann Sicherungen rausgedreht und versucht, Barrikaden zu zerstören. Einem Aktivisten hat er auch versucht, das Gesichtstuch abzureißen. Er ist also handgreiflich geworden. Er ist zwei Mal vor Ort gewesen und wurde von uns auch zur Pressekonferenz eingeladen, um mit uns in den Dialog zu treten, was er aber abgelehnt hat. Einerseits hat er sich beschwert, dass sein Name in der Presse genannt wurde…

Gertrud: Macht den Namen öffentlich. Der Typ ist ein Schwein!

Cory: …andererseits hat er seine Kinder öffentlichkeitswirksam vorgezeigt. Der hat also totale Opfer-Täter-Umkehr betrieben, so nach dem Motto „Wir waren doch immer die guten Vermieter und jetzt verteufelt man uns.“ Der Eigentümer hat so getan als würden er und seine Familie zu unrecht verteufelt werden, obwohl sie doch immer die guten Vermieter waren. Das war aber absolut nicht der Fall, was die MieterInnen bestätigen können.

Frank: Der Vermieter ist ein deutscher Arzt, der in der Schweiz arbeitet und dadurch ultra viel Geld hat. Und jetzt will er das Haus, in dem vorher vier Familien gewohnt haben, auf Kosten dieser Familien „für den eigenen Bedarf“ nutzen.

Was ist der Hintergrund der Ereignisse?

Cory: Das Haus hat eine Geschichte. Es gibt fünf Stockwerke. Das oberste wurde vom Vermieter zerstört, wohl damit es nicht als Wohnraum durchgeht. Die anderen vier Wohnungen wurden vermietet. Diese vier Mietparteien hat der Vermieter in den letzten Monaten mit ziemlich schrecklichen Methoden rausgeekelt. Für sich und seine Familie hat er Eigenbedarf auf das ganze Haus angemeldet.

Frank: In dem Haus sind schon ganz viele Scheißdinge passiert. Da wurde einfach Strom abgestellt, ohne jemanden zu benachrichtigen. Es wurden auch die Heizungen im Februar ausgestellt.

https://twitter.com/DoppelTLE/status/1071588169433473024

Wer hat die Besetzung durchgeführt?

Cory: „Die WG – Wohnraum gestalten“, eine neue Kampagne gegen Leerstand, überhöhte Mieten, ungleich verteilten Wohnraum, für mehr selbst bestimmtes Wohnen und selbst gestalteten Wohnraum. Wir haben heute früh ein Haus in der Guntramstraße besetzt.
Die Kampagne, die wir durchführen, begreifen wir als großes Ganzes. Wir haben uns die Guntramstraße nicht nur ausgesucht, weil es ein Haus mit einer interessanten Geschichte ist, sondern auch ein perfektes Beispiel dafür, was gerade in Freiburg schief geht. Besonders im Stühlinger wurde viel gentrifiziert wie in diesem Fall, d.h. den weniger zahlungskräftigen Mietern gekündigt, um sie für Wohlhabendere frei zu machen. Und es wird auch nicht das letzte Objekt sein, wo wir eine Besetzung machen, weil es leider noch viel mehr solcher Beispiele gibt.

Was ist bei der Räumung passiert?

Cory: Wir haben der Polizei eine Telefonnummer aus dem besetzten Haus gegeben, damit sie direkt mit den BesetzerInnen kommunizieren konnte. Die Polizei hat das leider nicht wahrgenommen. Irgendwann ist aber ein Räumungskommando aufgetaucht, um die Menschen vor dem Haus gewaltsam wegzudrängen, zu würgen, wegzuschlagen und zu schubsen.

Frank: Ja, dann kam die Polizei. Vor dem Haus ist sie auf jeden Fall gewalttätig geworden. Die Polizei ist ins dann Haus gekommen und hat sich in dem Zimmer breit gemacht, in dem wir waren. Sie haben drinnen niemanden angegriffen, uns aber mit ihren Lampen die ganze Zeit ins Gesicht geleuchtet und gefilmt. Auf die Bitte, uns nicht weiter anzuleuchten und nicht zu filmen, haben sie nicht gehört. Die einfachen Polizisten haben sieben von uns in dem Raum festgehalten bis die Spezialkräfte kamen. Die haben uns dann jeweils zu zweit herausgeführt und mit den Polizeiwagen zur Polizeistation Nord gebracht. Jetzt wird mir Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung vorgeworfen. Den anderen sechs wahrscheinlich auch.

Was war der Sinn des ganzen Geschehens?

Cory: Bei der Pressekonferenz heute waren zwei der ehemaligen Mietparteien zugegen und haben sich zu den Geschehnissen geäußert. Ein Mann hat dreißig Jahre in diesem Haus gelebt, ist da aufgewachsen, wollte eigentlich auch seine eigenen Kinder dort aufwachsen sehen. Sein jüngstes Kind ist erst drei Monate alt. Und seine Familie musste ausgerechnet in diesem kritischen Lebensabschnitt, in dem ein Kind so jung ist, eine neue Wohnung in Freiburg finden. Die sind auch mit dem Mieterschutzbund dagegen vorgegangen, aber das hat leider nicht geholfen. Sie mussten die Wohnung letztlich aufgeben. Und man merkt richtig, wie viele Emotionen da dranhängen.

Die andere Mieterin war eine russischstämmige Frau, die auch rassistische Diskriminierung durch den Eigentümer erfahren hat. Sie musste, als sie ihre Einbürgerung vornehmen wollte, einen Bescheid von ihrem Vermieter abgeben, aber der hat das verweigert und ihr gesagt, dass Russinnen wie sie niemals eingebürgert werden. Die Einbürgerung hat letztlich doch geklappt, aber das war ein eindeutig Rassismus, dem sie ausgeliefert war. Es war gut, dass sie diesen Faktor angesprochen hat. Daran sieht man mal wieder, wie Minderheiten und Randgruppen noch extremer von dieser Wohnungspolitik betroffen sind.

Frank: Allgemein ging es bei der Aktion darum, Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass mehr bezahlbare Wohnungen gebraucht werden. Vor 12 Jahren gab es mal eine Entscheidung, dass die Sozialwohnungen verdoppelt werden sollen. Damals hatten wir in Freiburg 8.900 davon. Nach 12 Jahren haben wir gerade mal 9.600. Es gab also fast keinen Fortschritt. Das muss sich ändern. Wir werden keine Ruhe geben. Wir wollen so viele Häuser wie möglich zurückgewinnen.

Wie kann man euch unterstützen?

Cory: Wir freuen uns über Unterstützung von allen Seiten, außer von Faschisten. Wir haben eine Emailadresse: die-wg-presse@riseup.net und einen Blog: diewg.noblogs.org Am 16.12. findet in der KTS um 16 Uhr ein Café statt und eine Soliparty soll am 21.12. ebenfalls dort um 21 Uhr stattfinden. Vielleicht wird es auch ein Spendenkonto geben. Wenn Mensch helfen möchte, kann man uns kontaktieren und zu unseren Aktionen kommen. Das ist das aller Wichtigste, wenn Menschen sich aktiv beteiligen. Es gab auch einen großartigen Generationenaustausch, den ich in der linken Szene vermisse.