Es ist sehr einfach, zu denken, dass wohnungslose Menschen für ihr Schicksal selbst verantwortlich seien. Doch stimmt das wirklich? – Ein Kommentar von Olga Wolf

Für einen Menschen, der keine Wohnung hat, ist die Welt „unerträglich unbequem“. So beschreibt es Mik Everett, ehemals Obdachlose, in ihrem Buch. Es sei einfach, zu denken, dass wohnungslose Menschen für ihr Schicksal selbst verantwortlich seien. Vor dem Hintergrund einer solchen Haltung scheint es nur konsequent, wenn der Staat härter gegen „lungernde Obdachlose“ vorgeht und sie von Schlafstätten vertreibt. Aber ob das so stimmt, in einem System, dass unnachgiebig Druck ausübt auf jeden Einzelnen von uns?

Jetzt kommt der Winter, der für die meisten von uns Behaglichkeit und Heizungswärme bedeutet. Für Menschen ohne Wohnung heißen Minusgrade vor allem die Angst vor dem Kältetod. Logischerweise flüchten sich Menschen an Orte, die zumindest ein wenig Schutz vor dem Wetter bieten, unter Brücken, hinter Containern schlagen sie Nachtlager auf. In der Stadt Dortmund beispielsweise stellt das eine Ordnungswidrigkeit dar: 20 Euro müssen gezahlt werden, und weiterschlafen dürfen diejenigen natürlich nicht an Ort und Stelle.

„In Deutschland muss niemand obdachlos sein“

Den Satz hat jeder schon gehört, und auch ich gehöre zu denen, die ihn mal gesagt haben. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ich davon überzeugt war. Tatsache ist aber, dass für die mehr als 850.000 Obdachlosen in Deutschland gar nicht genug Notschlafplätze vorhanden sind. Kein Wunder – immer mehr Menschen können sich Wohnraum nicht mehr leisten, es gibt immer mehr obdachlose Menschen. Wer in der Stadt wohnt und Miete bezahlt, kann das sicher nachvollziehen: Wohnen wird immer teurer.

Notschlafplätze gibt es nicht nur zu wenige, selbst diese wenigen sind zu teuer. Wer nicht stiehlt oder bettelt, kann die paar Euro, die eine Übernachtung kostet, oft nicht aufbringen. Hinzu kommt, dass es in vielen Einrichtungen aufgrund des Platzmangels nicht erlaubt ist, jede Nacht dort zu schlafen.

Vor allem Frauen und MigrantInnen berichten, dass die Notunterkünfte außerdem gefährlich sein können. Für viele ist ein weiterer Punkt, der die Nutzung unmöglich macht, dass Haustiere nicht gestattet sind. Besonders Hunde sind aber für manche Menschen ohne Wohnung überlebensnotwendig, denn sie schützen vor Überfällen und wirken abschreckend auf Angreifer. Traurige Realität ist nämlich auch: Die Gewalt gegen Menschen, die auf der Straße schlafen, nimmt zu.

Für Armut bestraft

Wie gegen die Ärmsten der Armen vorgegangen wird, ist Sinnbild dafür, was für die deutsche marktorientierte Gesellschaft zählt. Obdachlosigkeit ist eine Folge und Form von Armut. Wer in Deutschland arm ist, der bezieht häufig Hartz IV. Das bietet mit seinen Sanktionsmöglichkeiten Optionen, dafür zu sorgen, dass Menschen jeden Job annehmen, um zu überleben. Dann heißt es „friss oder stirb!“ und so wird abgesichert, dass Menschen auch in unsicheren und prekären Berufen zu jeder Bedingung arbeiten. Zumindest für die ArbeitgeberInnen ist das sehr lohnend.

Was geschieht aber mit den Menschen, die hintenüberfallen? Die keine Meldeadresse haben, über die man ihnen Sanktionen mitteilen kann, die keinen Beruf ausüben, oder gar nicht erst ausüben können? Das macht die Stadt Dortmund vor: Sie sollen nicht schlafen dürfen, keinen Platz einnehmen, aus unserem Blick verschwinden. Die Menschen werden für ihre Mittellosigkeit und ihr natürliches Bedürfnis nach Unterkunft und Schlaf bestraft, in einer Gesellschaft, in der diese Mittellosigkeit traurigerweise dazugehört wie das Amen in der Kirche.