Die „Ordnungsexpertin“ Mari Kondo und ihre Methode des radikalen Aufräumens sind derzeit in aller Munde. Inzwischen werden auch Debatten zum Thema Rassismus und Sexismus rund um ihre Person geführt. Was kann man daraus mitnehmen? – Ein Kommentar von Olga Wolf

Das KonMari-Prinzip ist einfach: Gegenstände in die Hand nehmen, fragen, ob sie glücklich machen („Does this spark joy?“) oder gebraucht werden und andernfalls dankend entsorgen. Es lenkt angelehnt an die japanische Kultur den Fokus weg von den Dingen, mit denen wir uns umgeben. Weil ich diese Kultur zugegebenermaßen nur oberflächlich begreifen kann, will ich darüber auch kein Urteil fällen. Aber ich halte das Nachdenken darüber für wertvoll in Zeiten, in denen Unternehmen uns nicht nur Produkte, sondern gleich Lebensgefühle verkaufen wollen. Das Geschäftsmodell scheint erfolgreich zu sein, so ist Frau Kondo Autorin von 8 erfolgreichen Büchern und hat sogar eine eigene Serie auf Netflix.

Tatsächlich ist das Konzept einfach nachvollziehbar, und vielleicht ändert „Aufräumen“ nicht das Leben. Aber die Perspektive, die Kondo vermittelt, nimmt den Druck von all denjenigen, die glauben, nur das zu sein, was sie besitzen. Sie macht das Produkt an sich nur insoweit wertvoll, wie es von Nutzen ist, sie orientiert sozusagen, und vielleicht ohne es zu wissen, KonsumentInnen auf den tatsächlichen Gebrauchswert. Ihre Glücksfrage lädt ein, zu hinterfragen: „Welches Bedürfnis wurde mir suggeriert, damit ich dachte, mir das kaufen zu müssen?“. Andererseits treibt sie die Überhöhung des Werts der Produkte, die uns umgeben, in die Höhe, wenn sie davon spricht, sich von zu entsorgenden Produkten dankend zu verabschieden. Als besäße unser Besitz ein Bewusstsein und wäre nicht schlicht Produkt menschlicher Arbeit – oder eben Ausbeutung.

Magische Rollenbilder

„The life changing magic of tidying up“ richtet sich an Frauen. Zwar nicht so explizit, wie das etwas ältere und weniger erfolgreiche Konzept „Flylady“, das Frauen beispielsweise empfiehlt, sich morgens immer schick zu machen, weil es sich dann motivierter putzen lässt. Aber auch in der Netflix-Serie „Tidying up with Mari Kondo“ sind die KlientInnen vor allem Frauen. Ausnahmen stellen Männer dar, mit denen Kondo dann aber nicht die Küche, sondern das Büro aufräumt – eine sehr klare Rollenverteilung. Obwohl Kondo immer wieder erläutert, dass ihr Konzept nicht geschlechterspezifisch angewandt werden muss, hat es in der Praxis ganz eindeutige Auswirkungen: Facebook-Gruppen zum Thema „Kondoing“ sprießen gerade wie Pilze aus dem Boden. In ihnen Frauen aller Altersgruppen – auch ich.

Und was dort passiert, ist absurd: Es wird gepusht, wie man fröhlicher, gründlicher, schneller putzt, und Frauen wenden sich in Krisen mit schlechtem Gewissen an die Gruppenmitglieder, um zu beichten, dass sie einfach nicht ordentlich genug sind. Oft wird die Frage gestellt, wie die anderen denn mit ihren unordentlichen Ehemännern umgingen. Zum Glück lese ich in letzter Zeit auch immer öfter etwas wie: „Hast du schon die Glücksfrage gestellt? Wenn er seine Unterhosen nicht selber wegräumt, danke sagen und Mann entsorgen.“

Rassistische Angriffe

Die Autorin Jennifer Wright nannte Kondo auf twitter ein „Monster“, weil diese empfiehlt, es ihr gleich zu tun und alle Bücher, die nicht gelesen werden, auszusortieren. Der Shitstorm in sozialen Medien war gewaltig und für mich nachvollziehbar. Die Frau, die einer ohnehin marginalisierten Gruppe angehört, mit Worten weiter zu ‚verunmenschlichen‘, ist eine recht dämliche Aktion. Zumal Mari Kondo, auch wenn sie mittlerweile in Los Angeles lebt, immer noch nur gebrochenes Englisch spricht und allein deswegen allzu oft Zielscheibe rassistischer Beleidigungen wird.

Viele der Artikel und Posts, die sich über Kondo lustig machen, haben dabei eines gemein: Sie messen das Produkt, das einer fremden Kultur entspringt, mit der Messlatte ihrer eigenen, westlichen Sozialisierung. Und dabei verdeutlichen sie ein Symptom, dass nicht nur westlichen Kulturen eigen ist, und sie verteidigen vehement das Mantra, das diese für uns vorsieht: „Haste was, biste was.“.

Zwang zur Selbstoptimierung

Insgesamt reiht sich „The life changing magic of tidying up“ ein in die Selbstoptimierung, die derzeit allerorts, vor allem online, verbreitet wird. Statt sich also über Mari Kondo und die Frauen, die sich nach ihrer Methode richten, zu echauffieren, schlage ich vor, zu hinterfragen, woher dieses Bedürfnis kommt. Dieses unermessliche Perfektionsstreben, den Zwang, zu funktionieren wie ein gut geschmiertes Uhrwerk – das haben sich die Menschen nicht ausgesucht. Wo auch immer wir leben, sind wir einem Konkurrenzdruck unterworfen und uns wird suggeriert, dem möglichst mühelos standhalten zu müssen.

Und obwohl Mari Kondo im besten Fall einen Gegenentwurf zum Konsumzwang bereitstellt, ist damit noch kein Problem gelöst. Die Unzufriedenheit damit, dass sich unser tägliches Leben eher um Konsum von Waren statt um diejenigen, die die Waren produzieren, dreht, ist im übrigen auch nichts Neues: Karl Marx nannte das schon vor 152 Jahren den Warenfetischismus. Die KonMari-Methode ändert daran auf gesellschaftlicher Ebene nichts, will sie sicher auch nicht. Aber sie eröffnet einen einfach gangbaren Weg, wie diejenigen, die ungefragt mit diesem Warenfetischismus umgehen müssen, vielleicht einfacher damit zurechtkommen – bestenfalls mit dem Weg, das System, das ihn hervorbringt, zu beseitigen. Und dass sich der Methode so viele anschließen, zeigt die Erschöpfung der Menschen angesichts eines Markts, der von seinen Produzierenden gleichzeitig unbegrenzten Konsum erzwingen will.

Zuletzt: Die lustige Frage, die hier vielleicht erwartet wird: „Does capitalism spark joy?“ („Macht Kapitalismus glücklich?“) wurde schon in zahlreichen Kommentaren gestellt und mit Nein beantwortet.

[paypal_donation_button align=“left“]