Suizidversuche, Abschiebungen und Traumata beschäftigen sie. Annabelle, eine junge Sozialarbeiterin, im Interview über ihren Job und ihre Erfahrungen in einer Geflüchtetenunterkunft in der Nähe von Köln.

Seit wann arbeitest du in der Unterkunft und was hat dich persönlich dazu bewegt?

Hauptamtlich arbeite ich in der Geflüchtetenhilfe seit 2015. In dieser Zeit habe ich durch mehrere Unterkünfte gewechselt. Das liegt daran, dass mehr und mehr Notunterkünfte, wie Sporthallen, geschlossen werden.

Mich haben zweierlei Sachen bewegt diese Arbeit zu machen. Zum einen das Studium der sozialen Arbeit, womit ich die nötige Qualifikation erlangt habe. Zum anderen die Theatergruppe, in der ich als Studentin mitgespielt habe. In verschiedenen Orten haben wir moderne und aufklärerische Theaterstücke gespielt. Damit haben wir auf Fluchtursachen und die Situation der Geflüchteten aufmerksam machen können. Eingeladen wurden wir von Geflüchteteninitiativen, Universitäten und politischen Gruppen, sowie kirchlichen Gemeinden. Schlussendlich hatte ich den Gedanken, mein Hobby zum Beruf zu machen.

Wie sieht dein Alltag und der der Geflüchteten in der Unterkunft aus?

Wir sind sogenannte Selbstversorger. Das bedeutet, dass jede Familie und Einzelpersonen selbst für ihre Versorgung zuständig sind: Einkaufen, kochen, sauber machen, dafür muss man hier selbst sorgen. Dadurch können sie ihren Tag frei planen.

Wir haben auch viele BewohnerInnen mit Aufenthaltsstatus, deshalb sind viele beschäftigt. Manche machen ein Praktikum oder Studium, und nicht Wenige gehen bereits einer Lohnarbeit nach. Aber es gibt auch Viele, die arbeiten wollen, aber nicht arbeiten dürfen. Viele Frauen müssen leider in der Unterkunft bleiben. Die Kindererziehung bleibt oft an ihnen hängen, weil keine Kita-Plätze frei sind. Der Lärmpegel ist oft enorm hoch und vergleichbar mit einem StudentInnenwohnheim. Während manche ganz früh zur BäckerInnenlehre gehen, kommen andere spät nachts, angetrunken vom Feiern. Dadurch kommt es regelmäßig zu Lärmbelästigung. Die Lebensrealitäten sind sehr unterschiedlich. Hier wohnt quasi der Arzt neben dem Bauern, der neben dem Schneider und Lehrer.
Bei uns gibt es Minderjährige nur in Begleitung.

Wenn ich auf die Arbeit komme, melde ich mich beim Sicherheitspersonal. Anschließend folgt eine kleine Teambesprechung und die Übergabe erfolgt. Wir haben feste Beratungszeiten, in denen die BewohnerInnen zu uns kommen können. Wir kümmern uns gemeinsam um ihre verschiedenen Angelegenheiten. Oft machen wir gemeinsam diverse Leistungsansprüche geltend (Kindergeld, Elterngeld usw.). Wir helfen bei Anträgen, aber oft fehlen von den Behörden umfangreich geforderte Unterlagen. Zu unseren Aufgaben gehört aber noch viel mehr: Wir unterstützen auch in Fragen rund um die Erziehung und haben immer ein offenes Ohr für persönliche Angelegenheiten. Zudem bieten wir diverse Freizeitangebote an. Dazu gehören Musik und Kultur-Gruppen und Sprachkurse. Letztere werden vor allem von jenen genutzt, welche keinen Integrationskurs gefördert bekommen. Aber vor allem alleinerziehende Mütter nutzen die Sprachkurse. Das liegt an dem vorher schon erwähnten Problem, mit dem Mangel an Kita-Plätzen. Wir vermitteln aber auch nach Außen weiter. Beispielsweise empfehlen wir Sportvereine in der Nähe. Das soll dazu dienen, dass die Menschen in den Unterkünften nicht isoliert werden.

Weißt du, wie sich Bilder, wie zuletzt aus Chemnitz, auf die Geflüchteten auswirken? Bilder, auf denen man sieht, wie Geflüchtete von Rechten gejagt werden oder faschistische Agitation betrieben wird?

Das ist eine schwierige Frage. Es gibt einige, die die deutschen Medien verfolgen. Tatsächlich führe ich aber viele Gespräche über Alltagsrassismus. Irgendeine Scheiße, die Menschen im Bus oder auf der Straße erlebt haben. Frauen mit Kopftuch beschweren sich z. B. massiv über rassistische Anfeindungen. Das hat definitiv Einfluss auf den Gesundheits- und Gemütszustand. Viele beschäftigen sich aber mehr mit den Problemen in ihrer Heimat.

Frauen haben nochmal besondere Gründe, um aus Kriegs- und Krisenregionen zu fliehen. Was sind deine Erfahrungen dahingehend?

Ja, besonders häufig sind die Frauen, die hier ankommen psychisch belastet. Einige traumatisiert. Mit einigen Tatsachen kam ich anfangs sehr schwer zurecht. Beispielsweise mussten viele Frauen ihre Schleuser mit ihrem Körper und Sex bezahlen. Das erfahren wir zum Teil dann, wenn es darum geht, den Vater der Kinder anzugeben. Genitalverstümmelung ist für die Frauen ebenfalls ein großes Thema. In den Medien wird darüber geschwiegen und sonst spricht auch kaum jemand darüber.
Zwangsverschleierung, aber auch Zwangsentschleierung sind neben Zwangsverheiratung, Frauenhandel und Zwang zur Prostitution besondere Ursachen. Ebenfalls ist die Trennung ein großes Problem. Viele Frauen denken ernsthaft über eine Scheidung nach. Denn sie sehen alleinerziehende Frauen, welche sich und ihre Kinder über Wasser halten können. Sie brauchen hier keinen Mann an ihrer Seite. Oft mussten sie nämlich häusliche Gewalt erleben. In Deutschland sehen viele Frauen die Möglichkeit auf Bildungschancen. Der Grund, warum viele Frauen zögern, liegt darin, dass oft der Aufenthaltstitel der Männer davon abhängt. Diese sind gebunden an die Ehe, wenn die Frau die Person ist, welche Asyl beantragt hat.

Was sind die prägendsten Momente in deinem beruflichen Alltag?

Für mich war total schön, ein vier/fünf Tage altes Baby in den Armen zu haben. Dass man zu Menschen so viel Vertrauen aufbauen kann, dass diese einem ihre Kinder anvertrauen, selbst Säuglinge. Ich freue mich über Erfolgsgeschichten. Beispielsweise hat hier jemand sein Medizinstudium in Syrien abbrechen müssen. Hier hat er den C1-Sprachkurs innerhalb von zwei Jahren geschafft und studiert hier jetzt erfolgreich Medizin. Menschen wieder zu treffen, die mittlerweile auf eigenen Beinen stehen, freut mich ebenfalls sehr.

Negative Beispiele sind zum Beispiel die vielen Suizidversuche, die ich gesehen und miterlebt habe. Das lässt einen nicht kalt. Abschiebungen sind schwer zu verkraften. Man macht sich Sorgen und bleibt im Ungewissen, wie es den Menschen geht. Viele aus dem Heim hier sind von Abschiebungen bedroht. Immer wenn jemand abgeschoben wird, sind die Menschen total panisch und können nächtelang nicht schlafen.

Es gibt Wochen, die sind super schön. Die Kinder spielen, alles ist gut. Manchmal trauert man, wenn ein Familienangehöriger in der Heimat gestorben ist. Aber wenn jemand abgeschoben wird, ist eine ganz andere, düstere Atmosphäre in der Unterkunft.

Mich haben die 28 Nationalitäten hier sehr stark geprägt. Ich kann mich mit Jedem unterhalten und unterscheide die Menschen nicht nach ihrem Äußeren. Hier leben politisch verfolgte Menschen, wie KurdInnen aus der Türkei, mit Menschen aus aller Welt zusammen. Man lernt von allen Menschen. Von DichterInnen und ArbeiterInnen aus Fabriken. Jede/r hat eine eigene Geschichte und die Menschen sind sehr unterschiedlich.