Ob in den Nachrichten, in der Schule oder auf der Straße – wir begegnen immer wieder der gängigen Theorie, dass Links und Rechts in der Politik im Grunde genommen das Gleiche seien. Doch woher kommt diese Annahme und stimmt sie vielleicht sogar? – Ein Kommentar von Felix Thal

Das Schema der politischen Richtungsbegriffe stammt aus dem Jahre 1789 und der Französischen Revolution. Während der neugegründeten Nationalversammlung etablierte sich eine Sitzordnung: Links im Saal nahmen revolutionäre und republikanische und rechts monarchistische Abgeordnete Platz. Dieses Einteilungsschema hat sich bis in die Neuzeit gehalten. Heute wird die Gesellschaft in verschiedene Pole eingeteilt, die ihre politische Ausrichtung beschreiben sollen. Dabei wird zuallererst konstruiert, dass es eine „goldene Mitte“ gäbe, eine gutbürgerliche Ausgewogenheit, die sozialen Frieden garantiere. Links und rechts davon teile sich die Gesellschaft in zwei gewalttätige und extremistische Richtungen auf, die die „freiheitlich demokratische Grundordnung“ zerstören wollten und dabei mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen würden.

Diese auch als „Hufeisentheorie“ bezeichnete Denkweise, die vom Politikwissenschaftler Uwe Backes aufgestellt wurde, beschreibt, dass sich Links und Rechts nicht voneinander entfernen, sondern, wie ein Hufeisen, sich sogar aufeinander zu bewegen würden. Linke und Rechte hätten so angeblich das gleiche Ziel und würden auch die gleichen Strategien verfolgen. Ein genauer Blick lässt aber erkennen, dass diese Extremismustheorie nicht haltbar ist. Mittlerweile setzen einige dem Bild vom Hufeisen einen „Angelhaken“ entgegen: An der Spitze des Hakens verorten sie den Begriff die „Rechte“. Dieser nach innen gebogene Haken zeigt auf die „Mitte“ und an der Stelle, wo die Angelsehne mit dem Angelhaken verbunden wird, wird das Label „Links“ verortet. Dieses Bild beschreibt viel eher die gängige Politik.

Tatsächlich unterscheiden sich rechte und gemäßigte Kräfte (also das, was im Hufeisen das rechte Ende und die Mitte sind) nicht in ihren Absichten, sondern oft lediglich darin, wie offen sie diese zur Schau stellen. Sie stehen, egal ob sie sich „konservativ“ oder „patriotisch“ nennen, zum Beispiel für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus, das Fortführen von Rassismus und richten sich gegen die Befreiungsbewegung von Frauen. Es kann durchaus vorkommen, dass Linke und Rechte gleiche gesellschaftliche Probleme kritisieren, nur ist ihre jeweilige Analyse dieser Probleme eine völlig andere. Die Rechten kritisieren Kindesmissbrauch, aber nur dann, wenn er von Schwulen ausgeht. Sie kritisieren das Patriarchat, aber nur, wenn es von Muslimen ausgeübt wird. Sie kritisieren kapitalistische Ausbeutung, aber nur, wenn die Unternehmen zufälligerweise von Juden oder von Ausländern geleitet werden.

Tatsächlich gibt es also einen himmelweiten Unterschied zwischen denen, die wir als rechts verorten oder auch denen, die für bürgerliche „Ruhe und Ordnung“ sorgen wollen, und linken Bewegungen: Die einen üben eine nur scheinbare Systemkritik, um damit in Wahrheit Einzelne zu diskriminieren und das System aufrecht zu erhalten, während linke Ideen den Fehler notwendigerweise im System suchen und damit die Diskriminierung Einzelner beenden wollen.

In Anlehnung an die Hufeisentheorie wird auch gern von linken oder rechten Radikalen gesprochen, aber das Wort „radikal“ kommt zunächst einmal vom lateinischen „radix“und bedeutet „Wurzel“. Rechte und auch PolitikerInnen der Mitte gehen aber niemals an die Wurzel gesellschaftlicher Probleme, sondern grenzen aus, selektieren nach Ethnie und Äußerlichkeiten, sind antidemokratisch und rückwärts gewandt. Linken geht es seit jeher darum, die politische Kraft zu sein, die die Unterdrückungs- und Ausbeutungserfahrungen aller Teile der Gesellschaft sichtbar macht – auch wenn sie es dabei nicht allen recht machen kann.

Gegen den Rassismus der Rechten und der Mitte, gegen ihre Politik der Angst und auch gegen die Ängste – vor Wohnungsverlust und Leistungsterror, vor Sexismus und der Polizei – hilft nur: Solidarität! Solidarität zwischen allen Menschen, ohne dass sie sich durch ihre Verschiedenheit teilen lassen. Genau diese ungeteilte Solidarität fordern nur die Linken.