Die EU gibt sich gern als Versöhner unter den europäischen Völkern. Doch am vergangenen Sonntag feierte ausgerechnet Antonio Tajani, Präsident des europäischen Parlaments, ehemalige Gebiete des faschistischen Italiens. Diese gehören heute zu Kroatien und Slowenien. Doch deren anschließender Protest ist heuchlerisch: sie selbst ehren die eigenen faschistischen Kollaborateure. Vereint sind sie im Kampf gegen den Kommunismus. – Ein Kommentar von unserem Korrespondenten Nikola Vukobratović aus Zagreb (Kroatien.)*

Im Meer der verschiedenen italienischen Flaggen – historische, regionale und der Nationalfahne – steigt Antonio Tajani auf die Bühne. Der derzeitige Präsident des Europäischen Parlaments hält eine feurige nationalistische Rede, die er mit einem Ausruf abschließt: „Es lebe das italienische Istrien! Es lebe das italienische Dalmatien!“ Beide genannten Regionen der östlichen Adriaküste bilden seit 1945 einen Teil Kroatiens und Sloweniens. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörten sie jedoch hauptsächlich zum faschistischen Italien.

Dieser „Vorfall“ ereignete sich letzte Woche während einer Gedenkfeier in einem Dorf in der Nähe der italienischen Großstadt Triest. Dieser Tag wurde offiziell vom italienischen Staat im Jahr 2004 ins Leben gerufen in Gedenken an diejenigen Italiener, die einst an der Ostküste der Adria lebten. Er wird aber sowohl von den TeilnehmerInnen als auch von KritikerInnenn oft als Gedenken an ein verlorenes italienisches Territorium wahrgenommen. Die erwähnte Aussage von Tajani über einen Teil von Kroatien und Slowenien ist vergleichbar mit der eines deutschen Politikers, der Grüße an das „deutsche Böhmen“ sendet, oder eines französischen Politikers, der das „französische Algerien“ feiert.

Daher war es keine große Überraschung, dass Tajanis Äußerungen heftige Reaktionen in den beiden osteuropäischen Ländern hervorriefen. Die Regierungen und Parteien sowohl in Slowenien als auch in Kroatien mussten einen offiziellen Protest einlegen. Tajani, der mit Unterstützung der größten EU-Partei – der Europäischen Volkspartei, in der auch die deutsche CDU ist – zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt wurde, roch dies zu sehr nach einem Skandal, der ihn möglicherweise seine politische Zukunft als Eurokraten kosten könnte. Er behauptete unbeholfen, dass seine Rede „falsch interpretiert“ worden sei, und er einfach nur Frieden und eine bessere europäische Zusammenarbeit fordern wollte.

Mehr als Leidenschaft

Es wäre einfach zu denken, dass dies das Ergebnis unkluger und übertriebener Leidenschaften von Politikern und Völkern des Mittelmeerraums ist, die sich von ethnischen Konflikten der Vergangenheit gefangen nehmen lassen. Dies sind Dinge, die rationalere Nordeuropäer vor langer Zeit zurückgelassen haben. Oder? Gibt es doch eine Wendung in der Geschichte, die dazu führt, dass alles weniger zu einem ethnischen als zu einem politischen Konflikt wird.

Obwohl die Behauptung vom „italienischem Istrien“ die meisten Reaktionen auslösten, war dies nicht der Hauptpunkt der Rede von Tajani. Er behauptete unter anderem, dass „Italiener von denjenigen getötet wurden, deren Symbol der rote Stern war, weil sie unsere Flagge nicht aufgeben wollten“, und er fuhr fort: „Heute leben in Venezuela Millionen von Italienern, die erneut von einer kommunistischen Diktatur bedroht sind“.

So unterstützte er nicht nur den von den USA angeführten Putsch in Venezuela, sondern verwies auch darauf, dass der antifaschistische Widerstand des Zweiten Weltkriegs in Slowenien und Kroatien (zu dem auch einige ethnische italienische Einheiten gehörten) von der Kommunistischen Partei angeführt wurde. Dies ist ein Schlüssel, um die aktuellen Besessenheit der italienischen Rechten bezüglich der östlichen Adriaküste nachvollziehen zu können.

Waffenbrüder

Die Debatte begann während der Amtszeit von Tajanis Chef, dem berüchtigten Silvio Berlusconi, der diese Gedenkfeier begründete. In den frühen 2000er Jahren wurde ein viel publizierter Film mit dem Titel „Hearth of the Pit“ von Mitarbeitern des rechten Medienmoguls produziert. Letztes Jahr wurde eine Art Fortsetzung unter dem Titel „Red Land“ veröffentlicht.

Beide staatlich produzierten Filme zeigen die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges auf eine Weise, die der historischen faschistischen Propaganda ähnelt. In einer völlig fiktionalen Handlung werden die Antifaschisten als wilde und blutrünstige Killer von Frauen und Kindern dargestellt. Die Monstrositäten des faschistischen Regimes, die Konzentrationslager oder die Verfolgung der kroatisch-slowenischen Mehrheitsbevölkerung und der ethnischen italienischen Antifaschisten werden nicht erwähnt. Bei all dem gibt es einen sichtbaren rassistischen und chauvinistischen Unterton: Denn in der Vergangenheit war die slawische Bevölkerung überwiegend bäuerlich und arm. Der Großteil der wohlhabenden Bevölkerung hingegen war ethnisch italienisch.

Italienische Partisanen 1944

Das Ziel dieser faschistischen „Erinnerungsindustrie“ besteht jedoch nicht in erster Linie darin, ethnischen Hass zu verbreiten – obwohl dies erfolgreich geschieht. Es geht darum, den Kommunismus und die Linke im Allgemeinen als etwas tiefgreifend Anti-Italienisches darzustellen. Deshalb werden diese chauvinistischen Leidenschaften vor Wahlen immer wieder neu erweckt: Es ist ein einfacher Weg, die Wähler daran zu erinnern, dass der Kommunismus böse ist, vor allem weil die Oppositionspartei noch immer die direkte Nachfolgerin der Kommunistischen Partei Italiens ist – auch wenn sie alle sozialistischen Ambitionen vor langer Zeit aufgegeben hat.

Es gibt jedoch nichts besonders Italienisches an all dem. Die gleichen kroatischen und slowenischen Parteien und Politiker, die gegen die Erklärung von Tajani protestiert haben, sind selbst regelmäßig mit antikommunistischer Propaganda beschäftigt. Beide Regierungen gedenken faschistischer Kollaborateure als „Opfer des Kommunismus“. Das kroatische Parlament ist der offizielle Organisator der Gedenkfeier für hingerichtete Ustasha-Soldaten (kroatische Faschisten), die jedes Jahr im österreichischen Dorf Bleiburg abgehalten wird. Die derzeitige kroatische Regierung – die Regierung, die gegen Tajanis Rede protestiert hat – organisierte im vergangenen Jahr die ersten staatlichen Begräbnisse für Ustaschas Soldaten seit 1945.

Angst vor der Vergangenheit

Noch bizarrer ist, dass die Ustascha-Bewegung im faschistischen Italien Anfang der 1930er Jahre als faschistischer Stellvertreter für Kroatien gegründet und nach der Besetzung Jugoslawiens 1941 von italienischen Faschisten und deutschen Nazis an die Macht gebracht wurde. Als Gegenleistung übergab die Ustasha-Bewegung dem italienischen faschistischen Regime die vollständige Kontrolle über die Ost-Adria. Außerdem hat die Ustasha-Bewegung letztendlich mehr Verbrechen gegen die kroatischen Völker begangen als ihre Nazis und faschistischen Beschützer. Man könnte eigentlich erwarten, dass lokale Bewunderer der Ustascha die Rede von Tajani begrüßen würden.

Chauvinismus und Konservatismus sind jedoch immer widersprüchlich. Es sind beides zutiefst anti-egalitäre und hierarchische Ideologien, die sich als irgendwie nah am Menschen präsentieren. Sie haben keine andere Wahl, als ethnische (und andere) Spannungen und Spaltungen aufzubauen, um eine gewisse Mobilisierung der Menschen gegen ihre eigenen Interessen sicherzustellen. Daher überrascht es nicht, dass sie den Kommunismus als Hauptziel gewählt haben. Natürlich liegt die Linke in Italien, Slowenien und Kroatien momentan mehr oder weniger in Trümmern. Aber während des Zweiten Weltkriegs hatten sowohl Jugoslawien als auch Italien große und mächtige Widerstandsbewegungen, die meistens von den Kommunisten angeführt wurden.

In beiden Ländern waren es nur die Kommunisten, die eine überzeugende und internationalistische Alternative zum Chauvinismus darstellen konnten, weshalb sie während und nach dem Krieg eng zusammenarbeiteten. Konfrontiert mit all dem Dreck, den uns die Rechte heute vormacht, ist es offensichtlich, dass auch jetzt wieder eine ähnliche Reaktion auf diesen Chauvinismus nötig ist. Und die Rechte liegt richtig, wenn sie die Rückkehr der Kommunisten, ihres einzigen historisch erfolgreichen Rivalen, fürchtet.

*Der Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt

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