Die Freiburger Universitätsbibliothek macht wieder Schlagzeilen. Erneut ist ein Blechstück der Außenfassade abgefallen, weitere drohten zu folgen. Was uns die Fehlkonstruktion der Bibliothek zeigt – ein Kommentar von Pa Shan

Die Polizei hat am Montag die Fußgängerzone um die Bibliothek abermals abgesperrt. Sicherungsarbeiten und Ursachenforschung finden wieder einmal statt. Muss das wirklich sein?

Fassade der UB Freiburg löst sich wieder ab

Bereits im vorherigen Jahr haben sich Teile der Fassade im vorderen Teil des Gebäudes gelöst und wären fast dahin gestürzt, wo normalerweise Studierende ihre Pause machen (Link). Die Folge war, dass die Bibliothek monatelang mit Zäunen abgesperrt wurde. Zeitweise mussten BesucherInnen der UB erst durch Keller und Tiefgarage irren, um in die Lesesäle zu kommen – denn ein sicheres Betreten durch die drei Haupttüren war unmöglich. Bislang soll niemand physisch zu Schaden gekommen sein. Allerdings wird der Bau von Vielen schon lange als Fehlkonstruktion betrachtet. Auch das Satiremagazin „Extra3“ hatte sich des Themas gekonnt angenommen.

Image-Desaster statt Bilbao-Effekt

Als die neue Bibliothek 2015 in Betrieb genommen wurde, sollte sie die sonnigste Stadt Deutschlands noch attraktiver machen. Dank ihres futuristischen Aussehens sollte sie einen „Bilbao-Effekt“ für die Stadt Freiburg erzielen. Sie sollte Staunen bewirken wie es das Guggenheim-Museum in Bilbao, der Hauptstadt des Baskenlands in Spanien, schafft. Erstaunen bewirkt die Bibliothek in der Tat. Aber das Staunen hat mehr den Beigeschmack von Schrecken und Ungläubigkeit als den der Bewunderung. Denn das Gebäude hat sich für die Stadt in einen organisatorischen, ökonomischen und ökologischen Alptraum verwandelt.

Eigentlich sollte die UB ökologisch und sparsam sein. Über 53 Millionen Euro hat der Neubau die Stadt anfangs gekostet, obwohl die ersten Rechnungen bei knapp 30 Millionen lagen. Auch die täglich und regelmäßig neu anfallenden Kosten fallen weit höher aus als erwartet: Mittlerweile über eine halbe Million Euro! (Link) Das liegt nicht nur an den ständigen Reparaturen, die aufgrund von abfallenden Fassaden, defekten Drehtüren oder undichten Wänden gemacht werden müssen.

Immer wieder muss etwas nachgebessert werden. Eine Eingangstür war anfangs schräg angebracht worden, sodass sie gegen den Plan der Basler Architekten umgebaut werden musste. Die Lichtreflexion durch die Glaswand im Sommer blendete Autofahrer so stark, dass vor die Bibliothek extra ein Sonnenschirm angebracht werden musste. Allein das führte bereits zu Mehrkosten von über 10.000 Euro (Link). Und seit letztem Jahr wurde der Nachtbetrieb aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten wieder eingestellt.

Gut für Mensch und Umwelt ist der Neubau auch nicht. Die Belüftung ist in einigen Räumen so schlecht, dass es zu Gesundheitsproblemen bei MitarbeiterInnen der Universität gekommen ist (Link). Die UB ist immer überfüllt, weil sie zu wenige Sitzplätze anbietet und die Räumlichkeiten schlecht nutzt (Link). Nicht zu vergessen ist, dass die UB mit den eher mittelalterlichen und rustikalen Bauten drumherum irgendwie wie ein Ufo wirkt und gar nicht ins Stadtbild passt.

Schon früh ist die schöne Idee der UB wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Die Baseler Architekten, die das Gebäude entwarfen, haben mit einem solchen Image-Desaster vermutlich ebenso wenig gerechnet wie die Verantwortlichen aus Wissenschaft und Politik. Aber tragen sie auch diese Verantwortung?

Bei wem die Verantwortung liegt

Genau genommen haben die Mitglieder eines Preisgerichts die Verantwortung gehabt. Verantwortung übernehmen tut jedoch keiner von ihnen. Denn um Niemandem auf den Schlips zu treten, werden die entsprechenden Posten- und Würdenträger in der Öffentlichkeit praktisch nie genannt. Vielmehr wird immer so getan, als ob die UB ganz wider Erwarten auseinanderfällt. Dem ist nicht so! Es sind bestimmte Mitglieder der Eliten Baden-Württembergs, die dieses Schlamassel zumindest teilweise angerichtet haben. Ausbaden müssen es aber die SteuerzahlerInnen.

Das merkwürdig im Schatten gebliebene Preisgericht unter Vorsitz des Stuttgarter Architekten Arno Lederer hat sich 2006 trotz aller Bedenken einstimmig (!) für den teuersten und effektvollsten Entwurf entschieden. Im Preisgericht vertreten waren die Universität (Prof. Dr. Wolfgang Jäger), die Stadt Freiburg (Dr. Matthias Schmelas , Dr. Dieter Salomon) einschließlich ausgewählter Vertreter des Gemeinderats, das Finanzministerium (Claudia Reusch), das Wissenschaftsministerium, das Universitätsbauamt (Karl-Heinz Bühler), sowie sachverständige Berater und Beobachter (u.a. Armin-Hagen Berberich für die „Vermögen und Bau BW“). (Link)

Die Mitglieder dieses Gremiums können konkret für die Fehlkonstruktion mitverantwortlich gemacht werden, in der es um das Image Freiburgs und die Interessen seiner Würdenträger ging. Wenn also nach den „Ursachen“ für die herabfallenden Teile und die kaputten Wände gesucht wird, dann wird dieser Umstand gerne übersehen. Schuld sei „die Technik“ oder sonstige „Umstände“. Nie der ehemalige Oberbürgermeister Salomon oder Herr Berberich von der „Vermögen und Bau“, die beide im verantwortlichen Gremium saßen.

Lediglich der Architekt Heinrich Degelo und Herr Pfenniger, der für die Fassade zuständig ist, müssen sich natürlich mit der staatlichen Verwaltung herumschlagen. Aber selbst, wenn die Stadt nur zum Teil für die Unkosten aufkommt, dann zahlt das nicht Herr Salomon aus seiner Tasche, sondern die Bevölkerung, die damit nichts zu tun hat.

Was wir vor allem aus der Sache lernen können, ist, dass gelungene Prestigeprojekte gerne auf einzelne Würdenträger zurückgeführt werden, Pfusch und Desaster hingegen auf die große Masse abgewälzt werden.

Aber musste es in diesem Fall unbedingt so weit kommen? Nein!

Die Alternative: Nachhaltige, demokratische Planung

Der „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND) hat den Entwurf der Baseler Architekten bereits vorab scharf kritisiert und behielt Recht damit. Seinen Alternativvorschlag hat man nicht ernst genommen. Heute dürfte allen klar sein, dass die UB von 2015 ebenso wie das Vorgängergebäude aus den 70er Jahren nicht lange stehen wird.
Der BUND schreibt dazu: „Der Neubau der Freiburger Universitätsbibliothek zeigt, wie schnell und wie teuer viele ‚neue‘ öffentliche Bauwerke erneuert werden müssen. Bauwerke, die vor wenigen Jahrzehnten noch als ‚supermodern‘ galten, bei deren Errichtung aber Nachhaltigkeit und Langlebigkeit offensichtlich kein Thema waren.“ (Link)

Andere Entwürfe, die in Frage kamen, sahen zwar weniger futuristisch aus, hätten dafür aber länger Bestand gehabt und eine positivere Rolle für die Stadt spielen können (Link). Tatsächlich waren zudem alle anderen Entwürfe weit günstiger (20-50 Millionen Euro) als der Basler Entwurf, der nun irgendwo zwischen 53 und 70 Millionen rangiert (Link).

Dabei wäre eine nachhaltige und demokratische Planung im Interesse der FreiburgerInnen durchaus möglich gewesen. Die FreiburgerInnen sind diejenigen, die am meisten betroffen sind. Gefragt hat sie aber niemand. Anders als im Fall des neu zu bauenden Stadtviertels Dietenbach hat es nie einen Bürgerentscheid dazu gegeben.

Umwelt zubetonieren oder ewige Wohnungsnot?

Damals gab es keine starke Lobby von unten, die für ihre Interessen eintrat wie im Falle Dietenbachs. Eine Befragung hätte eine solche Lobby schaffen können. Und hätte man die Gesamtheit der FreiburgerInnen klar über die Kosten und Probleme des Neubaus informiert und darüber abstimmen lassen, wäre sicher keine so kostspielige und unausgereifte Pannenkonstruktion im Herzen der Stadt entstanden. Mit der jetzigen UB verspüren BewohnerInnen Freiburgs ein großes Unbehagen. Da hilft es auch nicht, wenn die UB mal wieder „um Verständnis“ bittet.