Vor 20 Jahren begann die NATO ihr 78-tägiges Bombardement von Jugoslawien. Für Deutschland ist das der erste Angriffskrieg seit dem Zweiten Weltkrieg. – Ein Rückblick von Enver Liria

Der Kampf um Kosovas Autonomie

Die Ursachen des Konfliktes im Kosova liegen viele Jahrzehnte zurück. Bereits in den 60er Jahren hat Kosova einen Autonomiestatus bekommen, der in den 70er Jahren nochmals ausgeweitet wurde. In den kommenden Jahren bildete sich eine nationalistische Bewegung, die die Gründung einer kosovarischen Republik forderte, jedoch brutal vom Zentralstaat niedergehalten wurde. Darauf verschärfte sich die Repression gegen die AlbanerInnen, es kam zu Entlassungen aus dem Staatsdienst, zur Aufhebung der Autonomie 1989 und zur Schließung von albanischen Schulen.

Teile und herrsche

In den 90er Jahren spalteten sich erst Kroatien und Slowenien, dann auch Mazedonien und Bosnien-Herzegowina von Jugoslawien ab. In diesem Kontext entstand im bis dahin größtenteils zivilen Widerstand der Kosovaren eine neue Kraft. Die paramilitärische nationalistische UÇK (Ushtria Çlirimtare e Kosovës, „Befreiungsarmee von Kosova“) wollte die Abspaltung mit militärischen Mitteln erzwingen. Dabei wurde sie von westlichen Geheimdiensten maßgeblich unterstützt und mit aufgebaut. Die Parallelen zu den islamisch fundamentalistischen Mudschahedin, die in Afghanistan von amerikanischen Geheimdiensten zur Schwächung der Sowjetunion installiert wurden, sind bedrückend.

Angriff oder „Auschwitz“ 

In den westlichen Medien lief die Propagandamaschinerie auf Hochtouren. Die Zeit für den Angriff war reif, jetzt musste nur noch die inländische Bevölkerung überredet werden. In seinem Kriegseifer verglich der damalige Außenminister Joschka Fischer den Konflikt im Kosova mit Auschwitz und rechtfertigte somit den Angriff. Jugoslawiens zweifellos autoritärer Präsident Milošević wurde zum neuen Hitler stilisiert und Jugoslawien somit zum Abschuss freigegeben. Die herbeigeredete humanitäre Katastrophe wurde nun mit Nato-Bomben herbeigeführt.

Folgen des Bombardements: Tote, Vertreibung, Zerstörung

Unter Zustimmung der rot-grünen Regierung folgte der Überfall auf Jugoslawien. Die Schätzungen der Toten gehen in die Tausende. Mehr als 850.000 Menschen wurden vertrieben. Die Infrastruktur wurde schwer beschädigt, viele Straßen- und Eisenbahnbrücken wurden zerstört.

NATO-Bomben bringen keine Freiheit

Der erhoffte Wohlstand der Kosovaren lässt noch auf sich warten. In den letzten zehn Jahren hatte das Land eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von etwa 30% mit einem Durchschnittseinkommen von rund 400 €. Die örtliche Industrie ist durch Zwangsprivatisierung und subventionierte Billigimporte aus dem Westen gar nicht im Stande, die ArbeiterInnen mit Arbeitsplätzen zu versorgen. Für viele bleibt die Migration in die kapitalistischen Zentren die einzige Hoffnung.

Düster sieht es ebenso mit der Unabhängigkeit des Landes aus. Auch wenn die kosovarische Kultur und mit ihr die Sprache heutzutage frei ausgelebt werden können, ist das Selbstbestimmungsrecht noch in weiter Ferne. KFOR und andere Militäreinheiten prägen das Straßenbild des kleinen Landes, ausländische Konzerne halten die Entwicklung der eigenen Wirtschaft auf und Kredite aus dem Westen legen den jungen Staat in Ketten. Enttäuschung und Wut haben sich breit gemacht, zu Recht. Das trojanische Pferd der westlichen Imperialisten ist aufgeflogen, nun fehlt noch die Kraft, die die Empörung in eine fortschrittliche Richtung lenkt.

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