Einem immer größeren Teil der ArbeiterInnen werden psychische Krankheiten attestiert. Was sind die Ursachen dafür und was können wir dagegen tun? – Ein Kommentar von Dirk Paul Shevek

Laut einer Studie des bayrischen Versicherungsunternehmens Swiss Life scheiden 37% aller ArbeiterInnen und Angestellten auf Grund von Erkrankungen wie Burn-Out, Depressionen oder Angststörungen vorzeitig aus dem Berufsleben aus. Vor zehn Jahren waren es noch 26,6%.

Die Verteilung unter den Geschlechtern ist höchst ungleich: Fast die Hälfte aller Frauen (44%) werden berufsunfähig durch psychische Krankheiten. Bei den Männern sind es 28%. Für die Studie wertete Swiss Life seine eigenen Kundendaten aus. Die Zahlen der Rentenversicherung des Bundes bestätigen aber die Tendenz: 2018 wurden über 170.000 stationäre Rehabilitationen wegen psychischer Krankheiten bewilligt, über 50.000 mehr als zehn Jahre zuvor. Hoher Stress und Leistungsdruck könnten mögliche Ursachen für die Krankheiten sein, meint Amar Banerjee, Leiterin von Swiss Life.

Aus den Zahlen allein kann man jedoch noch nicht ableiten, dass die Anzahl der Erkrankten gestiegen ist. Erfasst werden lediglich diagnostizierte Fälle. Es ist also unklar, ob der Anstieg der Diagnosen auf mehr Krankheitsfälle verweist oder auf eine größere Sensibilität beim Thema psychischer Leiden bei ÄrztInnen und PatientInnen. Tatsächlich sind viele PsychotherapeutInnen AnhängerInnen des zweiten Erklärungsansatzes.

Psychische Erkrankungen seien nicht mehr ein solches Tabu wie zu früheren Zeiten. ÄrztInnen würden heute ihren PatientInnen viel häufiger und früher eine therapeutische Behandlung empfehlen. Bei vielen VertreterInnen dieses Ansatzes klingt es so, als würde es also gar kein Problem geben. Andere WissenschaftlerInnen hingegen sehen veränderte Arbeitsbedingungen im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts als Ursache für steigende psychische Erkrankungen an. Höhere Flexibilisierung des Arbeitslebens sowie die Vereinnahmung des ganzen Menschen, samt seines sozialen und emotionalen Lebens, seien der Grund für erhöhte Erschöpfungszustände der Bevölkerung. Nach diesem Erklärungsansatz machen also vor Allem die besonderen Arbeitsbedingungen des Neoliberalismus psychisch krank. Man könnte meinen, ein Zurück zum Normal-Arbeitsverhältnis der 60er-Jahre könnte das Problem beseitigen.

Was die aktuellen Zahlen auf jeden Fall offenbaren, ist, dass sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft unter psychischen Erkrankungen leiden. Entweder sind es mehr als früher oder es waren schon vor 40 Jahren genauso viele. Beides ist alarmierend und beides spricht nicht gerade für den Gesundheitszustand unserer Gesellschaft.

Aus dem Blick verloren werden in der Diskussion zudem all jene, bei denen keine manifeste Krankheit in Erscheinung tritt, die aber mit allerlei psychischen Problemen als Gesunde durchgehen. Gier, Geiz, Machtstreben, Langeweile, emotionale Abgestumpftheit und weiteres sind psychische Probleme, die in unserer Gesellschaft nicht als krankhaft eingestuft werden. Im Gegenteil gelten sie teilweise als tugendhaft und erstrebenswert. Diese Eigenschaften sind nicht nur gesellschaftlich bedingt, sie sind sogar notwendig für das Funktionieren des Kapitalismus. Vielleicht zeigt der Anstieg der diagnostizierten psychischen Erkrankungen auch einfach die schwindende Fähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, ihre BürgerInnen mit ihren zahlreichen Defekten als vermeintlich gesund leben zu lassen.

In der Zunahme von manifesten psychischen Krankheiten könnte sich also auch ein wachsendes Bewusstsein der Menschen darüber äußern, dass sie leiden. Das Bewusstsein, ein Problem zu haben und zu leiden, bietet die Chance für einen Heilungsprozess. Es kommt dann darauf an, die Ursachen des Leidens zu erkennen, sowie zu erkennen, was nötig ist, um diese Ursachen zu beseitigen und dieses dann auch tun. Wir stehen also vor der Wahl, uns um die Widerstandfsähigkeit gegen die krankmachenden Bedingungen und die Anpassung an sie zu bemühen – oder aber, diese Bedingungen zu beseitigen.