In Deutschland hat es lange Tradition, möglichst große Teile der Bevölkerung zur sogenannten „Mittelschicht“ zu zählen. Warum das Ganze vollkommen blödsinnig ist, erklärt Tabea Karlo in ihrem Kommentar.

Gehen wir ein paar Jahre zurück, dann können wir betrachten, wie ich, die Haare hochgesteckt, in einem halbherzig gebügelten, verwaschen rotem Hemd in der nach Fritteusenfett riechenden Küche eines japanischen Restaurants Teller abspüle. Neben mir der Koch der vermutlich ähnlichen Tagträumen nachhängt wie ich. Irgendwann mal vom Tellerwäscher zum Millionär, er vielleicht als Star-Koch, ich vielleicht als Architektin.

Ein wenig weiter vorn sitzt mein Chef, ein aus Bangladesh stammender älterer Herr, der seine Familie und all sein Hab und Gut zurück ließ, um hier ein besseres Leben anzufangen, reich zu werden. Mit seinem kleinen Restaurant, dass mehr schlecht als recht läuft, sieht er sich auf dem besten Weg dorthin. Am Tisch neben ihm, eine Frau mittleren Alters. Sie arbeitet im Stoffgeschäft die Straße runter, aber sicher nicht für immer. Irgendwann wird sie durchstarten, in der Modeindustrie. Sagt sie. In der Fußgängerzone, die sich durch das Fenster betrachten lässt, läuft ein Anzugträger vorbei, kurz bevor er in seinen stark überteuerten Mercedes steigt, bittet ihn ein Pfandflaschensammler um seine Colaflasche. Mit einem abschätzenden Blick winkt er ab, schließlich ist die Cola nicht mal ganz leer und überhaupt, der könnte sich ja einen richtigen Job suchen.

Alles Mittelschicht?

Ich kann euch verraten was alle Charaktere dieser kleinen Geschichte gemeinsam haben: Sie gehören zu dem, was man in Deutschland Mittelschicht nennt. Für den einen ist das schlimmste Ereignis des Tages, dass ihm sein Mercedesstern von einem Bengel aus der Unterstufe abgebrochen wird, für den anderen, dass er vielleicht nicht schafft, genug Pfandflaschen zu sammeln, um sich neben Miete und Essen noch einen Kino-Besuch für seine Tochter leisten zu können. Das beschreibt ganz gut, was der Begriff Mittelschicht eigentlich aussagt: Gar nichts. Mittelschicht wird im Duden definiert als „mittlere Bevölkerungsschicht mit einem gewissen Status an Kultur, Bildung, ökonomischer Sicherheit“, aber was bedeutet den „gewiss“. Der Kassierer aus dem Real hat gewiss auch einen Abschluss gemacht und die Wohnung in Köln-Kalk kann er sich bis zur nächsten Mieterhöhung auch noch leisten.

Die Frage nach der Bedeutung des Begriffs Mittelschicht kam erstmal wieder auf, als sich Friedrich Merz als dem Mittelstand zugehörig bezeichnete. Der Begriff Mittelstand wird zum einem als ein Synonym für „Mittelschicht“ genutzt und zum anderen bezeichnet er letztlich die Gesamtheit aus mittleren und kleinen Unternehmen, sowie alle formal Selbstständigen. Selbstständig oder besser scheinselbstständig, das ist mittlerweile Jede/r, der/die für Foodora mit dem Fahrrad Essen ausliefert.

Merz fordert: Steuerfreiheit auf Aktien zur Altersvorsorge

Doch wenn Politiker Mittelstand sagen, dann meinen sie nicht die Politik zu Gunsten der Foodora-LieferantInnen, sie meinen Politik für Menschen wie Merz. Sie meinen unfunktionelle Mietpreisbremsen und enteignen, wenn überhaupt, nur im Interesse von Konzernen wie RWE. Ob Enteignung von beispielsweise Wohnungen im Kapitalismus einen Zweck hat, ist eine ganz andere Frage, denn wenn sich sonst nichts ändert, ist egal, ob man an den Staat oder den Kapitalisten sein Geld bezahlt. Abgesehen davon, dass Enteignen nur bedeuten würde, dass der Staat Wohnungen aufkauft, also Kapitalisten auszahlt, und irgendwie muss das Geld ja dann auch wieder reinkommen, oder? Entgegen der allgemeinen Meinung ist es ja nicht so, dass nie enteignet wird, nur nie für ArbeiterInnen. Das beweist das Vorgehen rund um den Hambacher Forst glasklar.

Klassenunterschiede werden verdeckt

Zurück zur Mittelschicht. Mittelschicht ist ein Begriff, der nur dazu da ist, einen Klassenunterschied zu verwischen, den es ganz eindeutig noch gibt. Denn wenn du ernsthaft darüber nachdenkst, wann hast du das letzte Mal jemanden getroffen, der arm geboren wurde und reich gestorben ist?

Oder denkst du wirklich, dass der Kassierer, im Nebenberuf Pfandflaschensammler, mit einer 70-Stunden-Arbeitswoche, weniger hart arbeitet als der Anzugträger, der in der Mittagspause seiner 38- Stunden-Woche kurz zu Vapiano geht? Wir müssen endlich aufhören uns einzureden, dass vom Tellerwäscher zum Millionär funktionieren kann. Denn Fakt ist: im Kapitalismus gibt es nur vom Millionär zum Millionär, und wessen Eltern Tellerwäscher waren, der/die wird wahrscheinlich selber eine/r werden. Es gibt keine Reform, die das abschaffen kann, denn es ist kein Fehler im System, es ist, wozu das System da ist. Denn heute kann nur jemand reich sein, wenn es Menschen gibt, die ärmer sind. Wenn alle gleich reich wären, das wäre ja der reinste Sozialismus.