Es hatte doch so gut geklappt. In ungewohnter Eintracht hatten SpitzenpolitikerInnen und KommentatorInnen des Zeitgeschehens in den letzten Jahren die Deutsche Einheit beschworen. Dumm nur, dass mit Mark Schieritz in der Tageszeitung Die Zeit kürzlich einer ausgesprochen hat, was viele wirklich denken: Ignoriert den Osten! – Ein Kommentar von Paul Gerber

In Sonntagsreden wird gern die Deutsche Einheit „gefeiert“ – Besonders enthusiastisch natürlich zu den entsprechenden Jubiläen am 3. Oktober oder 9. November (Mauerfall). Oder eben, wenn – wie kürzlich -Erfolgsmeldungen veröffentlicht werden wie zum Beispiel, dass der Osten nicht mehr schrumpfe.

Doch nun haut Mark Schieritz in der Zeit einen „Klartext“-Kommentar raus, mit welchem das wahre, überhebliche Bild vieler über den Osten offenbar wird.

Der Osten: Politisch und wirtschaftlich unwichtig?

Lange bevor die Ergebnisse der Landtagswahlen im Herbst (Brandenburg, Sachsen und Thüringen) überhaupt feststellen, erklärt Schieritz diese schon mal vorsorglich für unwichtig. Die Einwohnerzahl der entsprechenden Länder wird als möglichst klein und unbedeutend dargestellt, die der potentiellen AfD-Wähler sowieso. „Macht euch keine Sorgen, nur ein paar verrückte „Ossis“ wählen Rechts.“ steht hier zwischen den Zeilen.

Als wirtschaftlich irrelevant wird der Osten außerdem dargestellt und auch offen eingestanden, dass sich das wohl nicht so schnell ändern wird. Was Schieritz vergisst zu erwähnen: Das war nicht immer so, sondern ist der „Erfolg“ von dreißig Jahren deutscher Wiedervereinigung. Die Industrie wurde größtenteils abgewickelt, und wer noch arbeiten konnte und wollte, musste oftmals in den Westen.

Was Schieritz auch vergisst, ist, dass die Menschen aus dem Osten nicht die innerdeutsche Grenze überschritten haben und mit einem Mal zu solchen hochnäsigen westdeutschen Journalisten wie ihm geworden sind.

17 bis 25 Millionen Menschen mit „ostdeutscher“ Biografie soll es in Deutschland anderen Studien zufolge geben. Das liest sich schon ganz anders, oder?

Osten kaputt? Sei’s drum?

Insgesamt läuft Schieritz‘ Argumentation auf folgendes hinaus: Der Osten ist eh kaputt, nun muss man sich auch nicht mehr großartig darum kümmern.

Richtig: Es wird schwer, die Menschen im Osten noch mehr zu ignorieren, als in den letzten dreißig Jahren geschehen. Wenn im Herbst knapp 2 Millionen Menschen in nur drei Bundesländern AfD wählen sollten, wie der Zeit-Autor selbst prognostiziert, soll das nicht so schlimm sein? Das ist der Gipfel der Arroganz gegenüber allen, die nicht ins Weltbild der Faschisten passen, aber trotzdem im Osten leben.