Am Wochenende wurde der Neonazi Stephan Ernst in Kassel festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, den Regierungspräsidenten Walther Lübcke mit einem Kopfschuss ermordet zu haben. Ernst hat bereits mehrfach schwere rechtsterroristische Gewalttaten verübt und Kontakt zu „Combat 18″/ „Blood&Honour“ – eine Organisation, die durch einen Spitzel des Verfassungsschutzes aufgebaut wurde. 

Stephan Ernst ist heute 46 Jahre alt. Bis zu seiner Festnahme wohnte er in den letzten Jahren – zumindest für die Nachbarn unscheinbar – in einem Einfamilienhaus im Osten von Kassel.

Nun ist er Mordverdächtiger im Fall des erschossenen Kasseler Regierungspräsidenten Walther Lübcke (CDU). So soll eine DNA-Spur von ihm an der Kleidung von Lübcke gefunden worden sein. Mittlerweile hat die Generalbundesanwaltschaft, die unter anderem für terroristische Straftaten zuständig ist, den Fall übernommen.

Rechtsterroristische Vergangenheit

Bereits in der Vergangenheit hat Stefan Ernst rechte Angriffe verübt:

  • 1992 greift er auf der Toilette des Wiesbadener Hauptbahnhofs einen migrantischen Mann – erst von hinten und dann von vorne – mit einem Messer an. Dieser wird lebensgefährlich verletzt. Später erklärt er vor Gericht, er habe sich von dem Mann sexuell belästigt gefühlt.
  • 1993 organisiert Ernst einen Anschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft im hessischen Hohenstein-Steckenrodt mit einer Rohrbombe. Sie konnte von den BewohnerInnen gerade noch unschädlich gemacht werden, bevor sie explodierte. Er wurde zu sieben Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt.
  • 2009 greift er am 1. Mai 2009 mit rund 400 „Autonomen Nationalisten“ die Demonstration des „Deutschen Gewerkschaftsbunds“ an. Er wurde festgenommen und zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt.

In den letzten Jahren soll sich Ernst jedoch aus der organisierten Neonazi-Szene zurückgezogen haben. Gleichzeitig hat er offenbar seine Ideale an anderer Stelle vertreten gesehen: 2016 spendete er 150€ an die AfD.

Kontakt zu „Combat 18“

Spätestens seit Anfang der 2000er Jahre wohnt Ernst in Kassel. Dort beteiligte er sich unter anderem an NPD-Auftritten und -Demonstrationen. Des weiteren gehörte er zum engeren Kreis um Mike Sawallich, einem führenden Mitglied der „Oidoxie Streetfighting Crew“. Diese gab damals vor, das deutsche „Combat 18“ zu repräsentieren.

Bei „Combat 18“ handelt es sich um den „bewaffneten Arm“ der in Deutschland verbotenen Neonazi-Organisation „Blood&Honour“. Übersetzt steht „Combat 18“ für „Kampfgruppe Adolf Hitler“ (die Zahlen entsprechen im Alphabet dem 1. und 8. Buchstaben und damit dem A und H in den Anfangsbuchstaben von Adolf Hitler).

Ihre bewaffnete Strategie bezeichnet die Gruppe selbst als „führerlosen Widerstand“. Darin werden Anhänger aufgefordert, kleine rechtsterroristische Zellen zu bilden und Attentate zu verüben. Im Handbuch von Blood&Honour, dem „Field Manual“, heißt es dazu: „Führerloser Widerstand ist in Deutschland zwingend notwendig“.

Combat 18, NSU und Verfassungsschutz

Auch der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU), der zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordete, gehörte höchstwahrscheinlich zum „Blood&Honour“/„Combat 18“-Netzwerk.

Bereits Im Jahr 1999 zählte das Thüringer LKA die Neonazis des NSU „zum harten Kern der Blood and Honour-Bewegung in Jena“. Auch war das gesamte Unterstützerumfeld von führenden Blood&Honour-Mitgliedern durchsetzt. Dabei handelte es sich teilweise um langjährige Spitzel des deutschen Geheimdienstes „Bundesamt für Verfassungsschutz“ (BfV).

Mitte 2017 wurde dann bekannt, dass die gesamte B&H-Struktur durch einen Spitzel des Verfassungsschutzes aufgebaut wurde.

Für die Generalbundesanwaltschaft liegen dennoch derzeit keine Hinweise vor, dass „der Beschuldigte in eine rechtsterroristische Vereinigung eingebunden gewesen sein könnte“.