Mitte August ist in Stade bei Hamburg ein 20-jähriger Afghane von der Polizei erschossen worden. Zuvor waren die Polizisten von Mitbewohnern des jungen Mannes wegen eines Streits gerufen worden. Als sich dieser mit einem Hantelstab in Richtung von sechs Polizisten bewegte, wurde er mit mehreren Schüssen getötet. Gegenüber dem Flüchtlingsrat Hamburg erhebt eine Ehrenamtliche schwere Vorwürfe: es gäbe Stimmen, die von einer „Hinrichtung“ sprächen.

Am 17. August wählten junge Geflüchtete den Notruf der Polizei Stade: Es gebe Auseinandersetzungen mit einem Mitbewohner, einem 20-jährigen Afghanen. Wie der Flüchtlingsrat Hamburg in einem Facebook-Beitrag berichtete, handelte es sich dabei um den Asylbewerber A., der von seinen BetreuerInnen als gut integriert beschrieben wurde.

Er befand sich im zweiten Lehrjahr einer Tischler-Lehre. A. hatte in den letzten Monaten jedoch eine Psychose ausgebildet. Er war vor kurzem stationär in Behandlung und wurde medikamentös eingestellt.

„Ruft die Polizei, die wird euch helfen“

Den weiteren Verlauf schilderte eine Ehrenamtliche gegenüber dem Flüchtlingsrat:

„Am Abend von A.’s Tod hatte dieser einen akuten psychotischen Schub. Er ’nervte‘ und bedrängte die anderen Jugendlichen verbal bis in die Nacht hinein. Es gab jedoch, entgegen den Aussagen der Presse, keine körperliche Auseinandersetzung unter den Jugendlichen.“

Einer der Mitbewohner habe dann das getan, was BetreuerInnen und LehrerInnen immer geraten hätten: „Wenn es zu Problemen kommt, die ihr selbst nicht lösen könnt, ruft die Polizei, die wird euch helfen.“

Mehrere Schüsse

Als die Polizei dann eintraf, habe sie alle anderen Jugendlichen des Hauses verwiesen. Einige hätten mit Zwang aus dem Haus gebracht werden müssen, da sie es freiwillig nicht verlassen wollten. Die Polizei betrat dann das Haus und versuchte mit A. zu sprechen. A. reagierte nicht auf die Ansprache der Polizei, zudem führte er eine Hantel mit sich, die in etwa die Länge eines Unterarms hat. Laut Flüchtlingsrat habe eine Betreuerin angemerkt, dass A. diese Stange immer dabei habe, auch vor diesem Vorfall.

Als A. der Aufforderung. die Stange abzulegen, nicht nachgekommen sei und sich auf die Polizei zubewegt habe, wurde zuerst Pfefferspray gegen ihn eingesetzt, dann seien Schüsse gefallen. Die NachbarInnen sprechen von 4 Schüssen, die Jugendlichen von mehreren Schüssen. Als die Schüsse fielen, befanden sich 6 Polizisten mit A. im Raum. Dieser Raum habe etwa 14 Quadratmeter.

Die Betreuerin, die die Unterkunft kennt, sagt, dass es ihr völlig unverständlich sei, wieso in einem so kleinen Raum der Einsatz einer Schusswaffe gewählt wurde. A. wurde von den Schüssen getroffen, es wurde ein Krankenwagen gerufen, die Polizei habe die Ärzte jedoch nicht direkt zu dem Jugendlichen durchgelassen. Der Jugendliche erlag später seinen Verletzungen.

„Extrem unverhältnismäßig“

Für die Ehrenamtliche sei der Gebrauch einer Schusswaffe „extrem unverhältnismäßig“ gewesen. Es gäbe darüber hinaus sogar Stimmen, die von einer Hinrichtung sprechen würden. Sie forderte eine genaue Untersuchung des Vorfalls.

Die Jugendlichen, welche die Polizei gerufen hatten, machten sich laut der Helferin nun große Vorwürfe. „Ihr Vertrauen in die Institutionen ist grundlegend erschüttert.“ Die Jugendlichen, die das Geschehen miterlebten, würden bisher nicht psychologisch nachbetreut.

Der Flüchtlingsrat Hamburg kündigte eine Demonstration oder Mahnwache an.

Polizei kann auch anders

Dass solche Situationen ganz anders gelöst werden können, zeigte die Polizei rund eine Woche später. So wurde sie am Montag zu Hilfe gerufen, als ein Mann mit Molotowcocktail und Motorsäge auf die Insassen eines Autos losging. Er war mit seinem Sohn in einem dänischen Kia unterwegs gewesen. Er wurde von der Polizei ohne Schusswaffeneinsatz zu Boden gebracht und festgenommen.

Korrektur: In einer ersten Version des Artikels wurde vom Flüchtlingsrat Niedersachsen gesprochen. Dabei handelt es sich um den Flüchtlingsrat Hamburg, der seine Erkenntnisse veröffentlicht hat.